Was ist Integration? Multikulti-Vereine können mehr

multikultimultikulti (Foto)
Multikulti hat manchmal andere Farben, als man denkt. Bild: ddp

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
6,7 Millionen Ausländer wohnen in Deutschland. Davon zeugen Hunderte Vereine, deutsch-arabische, deutsch-spanische oder deutsch-türkische. Doch können diese Vereine tatsächlich integrieren oder kommt nur zum Paella-Essen, wer sich sowieso für Spanien interessiert?

Einmal im Jahr fährt Karlsruhe nach Nancy, und einmal im Jahr kommt Nancy nach Karlsruhe. Das ist seit 1969 so. Man lernt Französisch und trifft sich zum Flammkuchen essen. Einige deutsch-französische Ehen habe sein Deutsch-Französischer Freundeskreis deshalb schon auf dem Gewissen, bemerkt Vereinspräsident Roland Roth. «Wir machen Lust auf Frankreich.»

In Karlsruhe leben auch Franzosen, ungefähr 1500. Sie arbeiten bei L'Oreal oder Michelin, aber ihr Französisch trainieren Roth und sein Freundeskreis mit ihnen eher nicht. Denn die Karlsruher Franzosen treffen sich lieber in der Union der Auslandsfranzosen, und mit der ist der Kontakt eher spärlich. Für den Freundeskreis ist Frankreich vor allem die Partnerschaft mit Nancy. Es sei ein bisschen bedauerlich, findet Roland Roth, aber die Franzosen blieben wohl auch ganz gern unter sich.

Seit Adenauer und de Gaulle ist die deutsch-französische Freundschaft der Prototyp, wenn es in der Bundesrepublik um Völkerverständigung geht. Doch durch Gastarbeiter, Spätaussiedler und Flüchtlinge haben die Schlagworte «kultureller Austausch» und «Integration» nicht mehr unbedingt einen französischen, britischen, amerikanischen oder gar russischen Klang mehr, sondern einen Türkischen, Spanischen oder Arabischen. 6,7 Millionen Ausländer leben hier. Und jede Großstadt hat ihre Deutsch-Türkische, Deutsch-Spanische, Deutsch-Arabische Freundschaft. Kinoreihen, Konzerte, Folklore und Multikulti-Speisen sind überall zu haben.

Bildung vor Integration oder Integration durch Bildung

Doch wie die Karlsruher Franzosen zeigen, heißt Kultur kennen nicht auch Kultur integrieren. «Man muss sich da den einzelnen Verein angucken, es hat sich eine ganze Menge geändert in den letzten Jahren», sagt Karl-Heinz Meier-Braun, Integrationsbeauftragter beim Südwestdeutschen Rundfunk in Stuttgart.

Seit sechs Jahren kümmert sich in Berlin-Spandau die Deutsch-Arabische Freundschaft (DAF) um Kinder und Jugendliche. «Integration ist auch ein Thema, aber das wichtigste Thema ist die Bildung», erklärt Thaer El-Jomaa, der das Projekt 2004 mitbegründet hat. Er selbst kommt aus dem Libanon, aber weil in Spandau eigentlich viel mehr Türken und Spätaussiedler leben als Araber, kommen die eben auch zum Nachhilfeunterricht, zum Computerkurs oder zur Vorbereitung auf die Mittlere Reife.

Und die Deutschen, die in Spandau immerhin 90 Prozent der Bevölkerung stellen? Ja, die kommen auch. Im Senioren-Computerkurs, den ein Türke veranstaltet, sind sogar 95 Prozent Deutsche, sagt El-Jomaa. Bildung ist auch die Idee hinter den Religionstagen, wo Islam, Judentum und Christentum vorgestellt werden. 100 bis 160 Besucher seien immer da, schließlich wirbt die DAF auch im Stadtteil. Aber gibt es Freundschaften? Besucht man sich? Ja, sagt El-Jomaa. «Am Anfang sind die Vorurteile groß, aber wir bauen Vorurteile ab und Vertrauen auf. Und damit Freundschaft.»

Schließlich machen es die Spandauer auch bewusst anders als die typischen Vereine in den Berliner Stadtteilen Neukölln und Kreuzberg, wo man lieber unter sich bleibt. Eine Tendenz, die Migrationsexperte Meier-Braun jedoch längt grundsätzlich festgestellt hat. «Es heißt heute nicht mehr ‹Türkischer Arbeitnehmerverein›, sondern ‹Deutsch-Türkisch›. Die haben sich alle geöffnet.» Zumal es auch nur dann öffentliche Gelder gebe, wenn ein Verein nachweist, dass er dem deutschen Publikum offen steht.

Es geht nicht um die Herkunft

Trotzdem gebe es natürlich auch das typische Paella-Essen, auch bei der Deutsch-Spanischen Freundschaft (DSF) in Leipzig. «Natürlich kommen Deutsche, wegen Büchern, Kultur, Filmen. Es sind viele binationale Familien dabei, aber auch Rentner oder Leute, die Sozialstunden ableisten müssen», sagt Isabel Fernández de Castillejo, Vorsitzende der DSF. Bei ihrem Kulturprogramm gehe es ihnen häufig gar nicht darum, die Herkunft der Musiker oder Künstler in den Vordergrund zu rücken. «Da gehen die Leute nicht hin, weil es um Lateinamerika geht, sondern, weil es eine interessante Ausstellung im Gericht ist.»

Aber man kann ihren Verein auch nicht auf Kultur reduzieren. Mindestens ebenso wichtig ist das knallharte Leben, und da ist die Integrationsarbeit der DSF vor allem ein Anschub zur Selbsthilfe. Die Leipziger Freundschaft bezieht nicht nur europäische Spanier ein, sondern auch Südamerikaner, die sich mit mehr oder weniger geregeltem Status in Deutschland aufhalten. Orientierung, Formularkrempel, Rechtsberatung, Familienberatung sind nötig. Aber irgendwo muss der Verein auch Grenzen setzen. Weil er mit einem Budget von 5000 Euro ohnehin schon leisten, was eigentlich 500.000 wert wäre, wie Fernández sagt. «Irgendwann muss man sagen, seht zu, dass ihr euch eure Hilfe bei anderen sucht. Es gibt ja in Leipzig einen Verein der Alleinerziehenden, Interessensgruppen für eine bestimmte Krankheit», sagt die Anwältin. Integrieren muss sich letztlich jeder selbst.

Meier-Braun hat keinen Zweifel daran, dass die Vereine funktionieren. Den italienischen Gastarbeitern hätten wir es zu verdanken, dass wir Bella Italia entdeckt haben. Dass sich Vereine jedoch auch abkapseln, ist für ihn kein ausländerspezifisches Phänomen: «Schauen Sie sich die Schützenvereine an.» Andererseits seien Migranten auch in deutschen Vereinen präsent. «Wenn 40 Prozent Migranten sind wie in Stuttgart, passiert das ganz automatisch.»

reu/news.de

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