Von Karina Scholz - 07.06.2010, 11.11 Uhr

Homo-Jugendtreff: Wo Lesben und Schwule sie selbst sein können

Für Tobias ist Händchenhalten in einem Café nicht selbstverständlich. Der 23-Jährige ist schwul und deshalb in der Öffentlichkeit eher vorsichtig. Im «Kuss41», Hessens erstem Jugendzentrum für Homosexuelle, muss er sich nicht mehr verstellen.

Im «Kuss41» arbeiten zwei Pädagogen hauptamtlich. Bild: ddp

Tobias fürchtet, wegen seiner Homosexualität beleidigt und angegriffen zu werden: «Mir ist es schon passiert, dass ich Schläge bekommen habe.» Deshalb will er auch seinen Nachnamen nicht verraten. Als Schwuler müsse man in der Öffentlichkeit aufpassen, wie man sich verhalte, sagt Tobias.

«Das erste Mal ins ‹Kuss41› zu kommen, war eine schöne Sache für mich», erzählt Tobias. In Hessens erstem Jugendzentrum für Homosexuelle, das nun offiziell eröffnet wird,  trifft er junge Schwule, mit denen er seine Erfahrungen teilen kann. «Hier ist eine tolle Atmosphäre, jeder begrüßt jeden mit Handschlag», sagt er. Tobias sitzt mit Christiane hinter großen Fensterscheiben an einem Cafétisch und plaudert. Passanten in der Frankfurter Innenstadt schauen im Vorbeigehen neugierig herein. «Die Leute gucken uns oft an und lesen dann erst den Schriftzug unten am Fenster», sagt Tobias verschmitzt. Einige blickten daraufhin irritiert.

«Wir wollen die Jugendlichen stark machen», sagt die Leiterin des Jugendzentrums, die Sozialarbeiterin Judith Eisert. Zusammen mit ihrem Kollegen, dem Pädagogen Oliver König, bietet sie Beratungsgespräche für die Besucher an. Junge Schwule und Lesben würden häufig von Schuldgefühlen gequält, sagt Eisert. Auch Angst vor Ablehnung spiele in der Phase der sexuellen Orientierung eine große Rolle. «Leider ist die Selbstmordrate von jungen Homosexuellen sehr hoch, das zeigen Studien immer wieder», betont die Sozialarbeiterin. Dagegen will sie mit ihrer Arbeit im «Kuss41» kämpfen. «Es ist nötig, dass es Treffpunkte wie diesen gibt», unterstreicht auch König.

«Die Stadt hätte schneller machen können»

Die ersten Gruppen treffen sich bereits seit April im Jugendzentrum. Der Trägerverein «our generation» renovierte die 200 Quadratmeter großen Räume in der Kurt-Schumacher-Straße mit finanzieller Hilfe von Stadt und Landesregierung. Der Geruch neuer Möbel hängt noch in der Luft. Der gelbe Linoleumfußboden ist blitzsauber, an den weißen Rauhfaserwänden werden derzeit erste Fotografien aufgehängt. Mit den modernen braunen Tischen und Stühlen erweckt das «Kuss41» den Eindruck eines schlichten Cafés.

Die Idee junger Lesben und Schwuler, in Frankfurt ein Jugendzentrum für ihresgleichen zu schaffen, habe es bereits 2002 gegeben, sagt der Vorsitzende von «our generation», Michael Schäfer. Ein Runder Tisch erarbeitete von 2003 bis 2005 das Konzept, 2007 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Umsetzung. «Natürlich hat das alles lange gedauert. Aber ich habe nie einen Politiker getroffen, der gegen das Jugendzentrum war», berichtet Schäfer. Dass die Entstehung des «Kuss41» rund acht Jahre brauchte, sei eher dessen Einzigartigkeit geschuldet. Ähnliche Jugendzentren gebe es nur in Köln, München und Berlin.

Dass Frankfurt nun Standort des ersten hessischen Jugendzentrums für Schwule und Lesben geworden ist, freut besonders Tobias und Christiane. «Ich hätte mir so etwas schon in meiner Schulzeit gewünscht», sagt Tobias. Christiane war lange auf der Suche nach Freizeit-Angeboten für Lesben. «Die meisten meiner Freunde sind heterosexuell, da fällt es schwer, andere Homosexuelle kennenzulernen», erzählt die 24-Jährige. Jetzt kommt sie regelmäßig ins «Kuss41», das sie übers Internet gefunden hat.

Auch der hessische Lesben- und Schwulenverband (LSVD) lobt die Einrichtung des «Kuss41». Ein solches Jugendzentrum sei angesichts des «drei- bis vierfach erhöhten» Selbstmordrisikos von schwulen und lesbischen Jugendlichen «sehr, sehr wichtig». Jede Form von Unterstützung und Beratung sei gesellschaftlich notwendig. Zugleich kritisiert LSVD-Sprecher Ralf Harth aber das jahrelange Gründungsverfahren: «Die Stadt Frankfurt hätte schneller machen können.» Immerhin sei Frankfurt «die reichste Stadt in Deutschland», während die Förderung von Lesben und Schwulen allzu oft an Geldfragen scheitere.

sck/iwi/ivb/news.de/ddp

Empfehlungen für den news.de-Leser