Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert - 02.06.2010, 11.50 Uhr

Bombenentschärfung: «Wir wissen nie, wie es in dem Ding aussieht»

Drei Menschen sind in Göttingen bei einer Bombenentschärfung gestorben. Eigentlich ein Routineeinsatz. Torsten Kresse ist Sprengmeister und kannte die Kollegen gut. Mit news.de spricht er darüber, warum ihm seine Arbeit trotzdem keine Angst macht.

Schutzkleidung gibt es für Sprengmeister nicht. Sie würde im Ernstfall nichts nützen. Bild: ddp

Herr Kresse, wie geht es Ihnen an einem Tag wie heute?

Kresse: Ich bin geschockt, dass muss ich sagen. Ich kenne die Leute ja auch. Und wenn man morgens in den Nachrichten hört, dass drei Kollegen tödlich verunglückt  und mehrere verletzt sind, da geht’s einem ein bisschen anders.

Haben Sie jetzt Angst vor Ihrer Arbeit?

Kresse: Angst nicht, ich kenne ja die Zünder und weiß eigentlich, was ich mache. Es ist aber immer ein Restrisiko dabei, egal, wie viele Lehrgänge und Schulungen man besucht hat. Die Bomben liegen schließlich 60 Jahre und länger im Boden. Angst ist trotzdem das falsche Wort. Man ist vorsichtig. Wenn ein Einsatz vorbei ist, bin ich aber jedes Mal froh, dass alles glatt gegangen ist.

Die Bombe in Göttingen sollte entschärft werden. Wonach entscheiden Sie, ob Sie eine Bombe entschärfen oder sprengen?

Kresse: Wir gucken uns an, von was für einem Typ die Bombe ist und welcher Zünder hintendrin ist. Wenn es ein AufschlagzünderDetoniert theorethisch direkt beim Aufschlag auf dem Boden oder ein Hausdach. ist, den man ohne weiteres entschärfen kann, dann tun wir das. Wenn wir sehen, dass es ein LangzeitzünderKann auch noch lange nach dem Aufprall durch einen Säurezünder detonieren. ist, denken wir nur: «Hoppla, nur schnell weg, so schnell wie möglich sprengen.» Das machen wir hier in Sachsen-AnhaltKampfmittelbeseitigung ist Aufgabe der Länder, weshalb es unterschiedliche Vorgehensweisen und Prämissen gibt. grundsätzlich so. Da wird gar nicht dran rumgeschraubt. Wenn allerdings der Aufschlagzünder so verstaucht oder verbogen ist, kann es sein, dass wir da auch nicht mehr herangehen.

Die Bombe in Göttingen hatte einen Langzeitzünder, die Kollegen wollten sie mit einem sogenannten Wasserschneider entschärfen. Was genau ist denn das Problem bei einer solchen Bombe?

Kresse: Diese Bomben haben einen Säurezünder. Da ist also eine Säureampulle drin, der Schlagbolzen ist vorgespannt. Vorgesehen ist, dass die Ampulle beim Aufprall kaputt geht, sich durch eine Zelluloidscheibe frisst und den Schlagbolzen auslöst. Wir wissen also, was drin ist. Aber nicht, wie es nach 60 Jahren aussieht. Ist die Säureampulle noch ganz? Was ist mit der Zelluloidscheibe? Vielleicht reicht ein kleiner Zug am mürbe gewordenen Schlagbolzen und die Bombe geht hoch.

Also sprengen Sie in Sachsen-Anhalt solche Bomben grundsätzlich. Wie läuft das ab?

Kresse: Wir packen Sprengstoff drauf, die Bombe wird verdämmt mit Sand, Kies oder Strohballen – je nachdem, was man parat hat oder ranschaffen kann. Dann sperren wir großräumig ab und zünden die Bombe aus sicherer Entfernung.

Wie viel Meter müssen Sie im Umkreis durchschnittlich absperren und evakuieren?

Kresse: Bei einer Sprengung sind 1000 Meter Gang und Gäbe.

Und wie läuft der andere mögliche Fall, eine Entschärfung, ab? Schneiden Sie da Drähte durch wie im Film?

Kresse: Nein, das müssen Sie sich rein mechanisch vorstellen. Schließlich ist der Bombenabwurf schon 60 Jahre her. Bei einem Aufschlagzünder müssen alle EinzelteileEin Aufschlagzünder besteht aus der Druckplatte, dem Schlagbolzen, der Abstandsfeder und dem Detonator. herausgeschraubt werden, damit bei Abtransport und Entsorgung der Bombe nichts mehr passieren kann.

Was konkret könnte denn passieren?

Kresse: Einfach gesagt: Die Bombe kann Ihnen jederzeit um die Ohren fliegen. Meistens wurde die Bombe auch bewegt, was die Gefahr einer Detonation noch erhöht. Wir müssen die Bombe auch immer erstmal sauber machen, damit wir den Zünder sehen.

Tragen Sie bei Ihren Einsätzen spezielle Schutzkleidung?

Kresse: Nein, so etwas gibt es nicht. Der Blindgänger in Göttingen war eine Zehn-Zentner-Bombe. Die hat eine solche Sprengkraft, da nützt Ihnen die beste Schutzkleidung nichts. Außerdem kann man in einem Schutzanzug nicht richtig arbeiten. Schließlich hocken wir da in einer Grube, die Bombe liegt vielleicht schräg - wir müssen da irgendwie ran kommen. Der Zünder ist kleinteilig, dicke Handschuhe gehen da überhaupt nicht.

 

Torsten Kresse arbeitet seit 1989 als Sprengmeister und ist Einsatzleiter beim Kampfmittelbeseitigungsdienst in Sachsen-Anhalt. Im Jahr müssen in dem Bundesland etwa 10 bis 15 Weltkriegsbomben unschädlich gemacht werden. Alte Granaten schaffen Kresse und seine Kollegen beinah täglich aus dem Weg.

sck/reu/news.de

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