Nistplätze Komische Vögel im DDR-Erbe

Die Brachflächen, aus denen zu DDR-Zeiten Braunkohle gefördert wurde, haben sich zu wahren Vogelparadiesen entwickelt. Der Wendehals zum Beispiel überlebt im ehemaligen Tagebau. Doch die Tourismusplaner interessiert das nicht.

Wendehals (Foto)
Der Wendehals fühlt sich auf den Brachflächen des ehemaligen DDR-Tagebaus pudelwohl. Der kleine Kerl im Bild ist erst zwei Wochen alt. Bild: ddp

Weite Flächen, lockerer Boden, kleine Gehölze, reichlich Futter: Die riesigen Brachflächen der ehemaligen Tagebaugebiete in der Lausitz oder im Leipziger Südraum bieten dem Wendehals beste Lebensbedingungen. «Rund 20 Brutpaare haben wir hier schon wieder», berichtet Patrick Franke vom Leipziger Ornithologenverband.

Zwischen der Abbruchkante, dort, wo die riesigen Kohlebagger des Tagebaus Espenhain aufhörten, an der Landschaft zu nagen, und dem künftigen Uferverlauf des Störmthaler Sees südlich von Leipzig hat er in den vergangenen Monaten Nisthilfen aufgehängt. Ohne diese, sagt Franke, hätte es der Wendehals, der zur Familie der Spechte gehört, auch in einem solch idealen Lebensraum heute schwer.

Eigentlich lebt der Wendehals in Au-, Laub- oder Kiefernwäldern. Weil sein Lebensraum schrumpft, war er 1988 Vogel des Jahres. Ein Glück für ihn, dass er jetzt den Tagebau entdeckt hat. Dabei sieht dieser Lebensraum auf den ersten Blick alles andere als ideal aus, ja er wirkt nicht einmal wie ein Raum, wo überhaupt etwas lebt. Die Braunkohlebagger haben jahrelang die untersten Erdschichten nach oben befördert, der Bewuchs ist spärlich, der Boden karg, Bäume selten höher als zwei Meter. «Das ist jetzt nicht das, was sich ein Tourismus-Manager vorstellt, wenn er an eine Seenlandschaft denkt», räumt Franke ein. Aber es gebe zahlreiche Tierarten, die auf eben dieses Biotop angewiesen sind.

Seltene Vögel: Im Osten lässt sich's prima nisten
zurück Weiter Brachpieper (Foto) Zur Fotostrecke Foto: wikipedia/ putneymark/ Creative Commons Lizenz

Quad-Touren bedrohen Vogelnester

So trifft man entlang den Seen in den alten Tagebauen südlich von Leipzig auf seltene Vögel wie den Brachpieper, die Heidelerche, den Steinschmätzer oder den Flussregenpfeifer. Diese Arten sind angewiesen auf offene Landschaften mit spärlichem Bewuchs - und ohne Lärm und Störungen.

Der Naturschutzverband BUND bewertet die Tagebaue zwar nach wie vor als eine «ökologische Katastrophe für die nächsten Jahrzehnte». Mit Blick auf die Vogelwelt aber sind die Naturschützer auch froh über jede Nische, die die unwirtlichen Gegenden den Tieren bieten. Vor allem für zuwandernde Steppenvögel aus Osteuropa böten sie die besten Lebensbedingungen, sagt Severin Zillich vom BUND in Berlin.

Auch in der Lausitz haben sich die ehemaligen Tagebauflächen zu wichtigen Refugien gefährdeter Vogelarten entwickelt. Alexander Harter vom Naturschutzgroßprojekt Lausitzer Seenland hat sieben Wiedehopf-Brutpaare gezählt, laut NABU eine stark gefährdete Art. «Davon gibt es in ganz Deutschland nur 250 Brutpaare», sagt Harter.

Nicht ganz so selten ist bei ihm der Brachpieper, auf den die Leipziger Ornithologen so stolz sind: Mit 75 Brutpaaren zählt Harter in der Lausitz das größte Vorkommen in Deutschland. Und wegen der dünnen Besiedelung der Region und der riesigen Ausdehnung mit 23 Seen kommen sich laut Harter auch Vögel und Touristen kaum in die Quere.

Das sieht im Leipziger Südraum anders aus. Direkt am Störmtahler See werden Quad-Touren angeboten, mit einem Amphibienfahrzeug können die Touristen Wasser und Land gleichzeitig erkunden. «Von einem Gelege bleibt aber nicht viel übrig, wenn ein solches Fahrzeug ans Ufer fährt», kritisiert Franke.

Vogelkundler-Tourismus in alten Tagebauen

Der Landestourismusverband Sachsen sieht in den ehemaligen Tagebauen vor allem eins: Potenzial. Zwar seien die neuen Seenlandschaften noch nicht solche Anziehungspunkte wie die Großstädte Dresden und Leipzig, aber ob ihrer großen Anzahl könnte beispielsweise jeder See für eine spezielle Nutzung reserviert werden: Segelboote, Familien, Surfer, Motorboote. Der Naturschutz kommt in ihrer Aufzählung nicht vor.

Und das ärgert Ornithologe Franke. Im Leipziger Südraum entstehen vier Seen in ehemaligen Tagebauen, zumindest einen davon hätte man doch für den Naturschutz reservieren können, sagt er. Er vermisst einen Masterplan, wo welche Nutzung Priorität haben soll, wo Platz für den Naturschutz ist. Stattdessen erlebt er, wie Schutzflächen im Laufe der Jahre, wenn das Geschäft läuft, dann doch für den Fremdenverkehr genutzt werden.

Ein generelles Problem mit Tourismus hat Ornithologe Franke nicht. Nur hat er andere Vorstellungen davon, was Menschen in ihrer Freizeit machen könnten. «Warum wird hier nicht auf speziellen Vogelkundler-Tourismus gesetzt?», fragt er. Das wäre eine Trumpfkarte, mit der sich die Region gegen andere Erholungsgebiete herausheben könnte. Die Ornithologen, die sich aus ganz Europa die alten Tagebauen anschauten, störten sich nicht an der nahe gelegenen Autobahn 38 und der Mülldeponie Cröbern. «Die ist ideal, um Möwen zu beachten», sagt er.

sck/iwi/news.de/ddp

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • hagal
  • Kommentar 2
  • 25.05.2010 21:02
Antwort auf Kommentar 1

Da liegt wohl eine kleine Wissenslücke vor, denn "Ostdeutsche Rundreisen" gibt es schon sonder Zahl, durch die Masuren, Ost- (wo z.B. Königsberg liegt, die Stadt Kants, Herders, Kleists, E.T.A. Hoffmanns usw.) und Westpreussen, Pommern, Schlesien, ins Sudetenland usw. nur für Rundreisen in die "mitteldeutschen" Gebiete, welche das ehemalige Sowjetprotektorat DDR bildeten, hat sich scheinbar noch keine erkennbare Klientel gefunden (wenn man von der Wartburg absieht wihin die evangelischen Hirten ihre Schfe treiben) sonst hätte sich auch schon ein Anbieter eingestellt!

Kommentar melden
  • Reifan
  • Kommentar 1
  • 25.05.2010 16:09

Das EX-DDR Natur- und Kulturerbe sind bis heute vielen Wessis, so wie mir, unbekannt. Spreewald, Dresden, Leip-zig und Ostberlin, ja, das sind bekannte Orte. Von diesen hat man gehört, auch wenn man diese nie besucht hat. In Ostdeutschland liegen die Städte in denen Johann Wolfgang Goethe und Martin Luther agierten. Aber auch die Natur, die ihre Areale im grünen Streifen und im Gelände des Ex-Braunkohletagebau immer mehr zurückgewinnen. Wie wäre es, wenn eine Reisefirma eine Ostdeutsche Rundreise mit o. g. Schwerpunkt mit Orten wie Coburg, Zwickau, Chemnitz oder der Wartburg auflegen würde?

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig