Frauen in Südafrika «Vergewaltiger wollen die neue Elite werden»

Sie haben mit existenzielleren Problemen als der Fußballweltmeisterschaft zu kämpfen. Frauen in Südafrika müssen immer noch für ihre Rechte kämpfen und werden noch häufig als Eigentum von Männern betrachtet, sagt Ethnologin Rita Schäfer.

Toyin (Foto)
Toyin (links) geht mit anderen Frauen für ihre Rechte auf die Straße. Bild: Rita Schäfer

Nach der Apartheid wurde 1996 eine neue Verfassung in Südafrika verabschiedet. Ehefrauen sind seitdem ihren Männern gleichgestellt. Sie dürfen arbeiten, Land kaufen. Töchter können erben. Den Frauen in Südafrika geht’s gut, oder?

Schäfer: Auf dem Papier ja. Die neue südafrikanische Verfassung gilt als vorbildlich, da sich Frauenrechtsorganisationen im Zuge der politischen Wende dafür stark gemacht haben, dass auch die Geschlechterungleichheiten, die es während der Apartheid gab, aufgehoben werden. Diese Veränderungen kommen also nicht vom Himmel oder von Nelson Mandela, die sind erkämpft worden. Aber auch wenn sich viele Politiker in internationalen Reden mit einer der geschlechtergerechtesten Verfassungen brüsten, sieht die Realität anders aus.

Es hapert also an der Umsetzung?

Schäfer: Die Rechtsrealität sieht so aus, dass noch vieles von alten Normen, Werten und Traditionalistischem abhängt. Das ist nicht einfach dadurch zu ändern, dass man eine neue Verfassung verabschiedet. Da arbeiten gerade viele Frauen-, Menschen- und Kinderrechtsorganisationen dran, die sagen, wir haben so eine gewaltgeprägte, unterdrückerische Gesellschaft. Wir müssen alles tun, um diese neuen Rechtsgrundlagen in die Realität umzusetzen. Erb-, Unterhalts-, Wohnrechte von Frauen werden immer noch missachtet.

Wer lässt sich am schwersten davon überzeugen, von der Tradition abzuweichen?

Schäfer: Die Männer sind traditionell wichtige Entscheidungsträger im politischen und religiösen Leben. Es gibt sehr viele Konservative, die denken, dass sie ihre nun endlich errungene Macht vor den Frauen schützen müssen. Denn die Männer wurden im Apartheidsystem unterdrückt. Da geht es um Fragen der männlichen Identität, des Respekts. Traditionelle Autoritäten verankern männliche Vorstellungen von Selbstbewusstsein an einer Übermacht über Frauen und Kinder. Aber auch ältere Frauen sehen traditionell die Gewalt der Männer als Strafe Gottes oder eine Aufgabe, die von den Ahnen gestellt wurde, um sie zu ertragen.

Ist das eher ein ländliches oder städtisches Problem?

Schäfer: Im ländlichen Raum ist das, was mit der Verfassung von der Regierung in Pretoria oder Kapstadt verabschiedet worden ist, Lichtjahre entfernt. Grundsätzlich ist die Umsetzung der Gleichberechtigung aber ein Problem in Stadt und Land. Auf dem Land geht es jedoch schnell um die Existenz. Wenn ein Mann sagt, meine Frau darf nicht erben, wenn ich sterbe, sie darf nicht mitbestimmen, was auf dem Land angebaut wird. Oder die Verwandten des Mannes die Frau mit den Kindern vom Hof vertreiben - das ist sehr existenziell. Auf dem Land ist es auch viel schwerer, Rechtsbeistand zu bekommen. In der Stadt können sie sich an eine Frauenrechtsorganisation wenden. Hinzu kommt das Bildungsproblem. Viele Frauen erhalten immer noch keine Schulbildung. Sie wissen oft gar nicht, dass sie sich auch gegen ihre Ehemänner wehren können. Da haben es Frauen in den Städten leichter.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Vergewaltiger die Elite des Landes werden sollen

Heißt das auch, arm sein bedeutet, dem Mann ausgeliefert zu sein?

Schäfer: Auf dem Land sind viele wirtschaftlich abhängig von Partnern, die sie missbrauchen. Seien es Ehemänner, Verwandte, Bekannte. Viele Frauen haben schon früh viele Kinder, die versorgt werden müssen. Aber in anderen gesellschaftlichen Gruppen gibt’s auch Gewalt. Ein Beispiel: In den Wohnheimen der Universität Kapstadt wurden seit der politischen Wende immer wieder Vergewaltigungen registriert. Studentinnen wurden von Kommilitonen in ihren eigenen Zimmern vergewaltigt. Dann hat die Universitätspräsidentin, eine sehr couragierte Frau, gesagt, die Studenten, die das machen, fliegen raus und werden der Polizei vorgeführt. Das sind die Menschen, die die neue Elite des Landes werden wollen. Sie werden in Politik und Wirtschaft arbeiten. Die haben auch zum Teil die Einstellung, dass ein Mädchen oder eine junge Frau verfügbar ist. In Südafrika werden jedes Jahr über 50.000 Vergewaltigte registriert. Ein Großteil ist minderjährig, die Dunkelziffer soll laut Polizei bis zu neunmal höher sein.

Sie sagen, erst jetzt werden die Vergewaltigungen angezeigt und registriert. Waren sie während der Apartheid geduldet?

Schäfer: Die Polizei hatte das nicht großartig verfolgt. Da ging es darum, die Schwarzen als Kommunisten in den Knast zu sperren. Heute ist das neue Ziel, Verbrechen zu bekämpfen. Dass Vergewaltigung und sexueller Missbrauch mittlerweile Straftatbestand sind, ist schon eine große Veränderung. Wenn während der Apartheid eine schwarze Studentin, soweit es sie überhaupt gab, zur Polizei gegangen wäre, wäre sie wahrscheinlich ausgelacht worden. Bagatellisierung von Gewalt war verbreitet.

Erfahren weiße Frauen in der gleichen Weise Gewalt wie schwarze?

Schäfer: Die Gewaltmuster gehen durch alle Gruppen. Weiße Frauen waren bis 1984 auch rechtlos und den Männern untergeordnet. Die Bewaffnung der privaten Person, egal ob in einem schwarzen oder weißen Wohngebiet, ist exorbitant hoch. Diese Waffen werden gegen Familienangehörige, sprich Ehefrauen eingesetzt. Die Einstellung der Männer, zu bestimmen, wo das private und öffentliche Leben langgeht, ist nahezu ungebrochen. Beachtlich finde ich, dass es neuerdings einzelne Männerorganisationen gibt, die diese Strukturen nicht mehr länger dulden und versuchen, Männern andere Leitlinien zu vermitteln. Das ist in so einer patriarchalischen Gesellschaft sehr couragiert, weil sie bestimmte Männlichkeitsmuster in Frage stellen. Es ist zu hoffen, dass solche Organisationen mehr wahrgenommen werden, auch im Ausland. Viele Traditionalisten sagen, die sind verweiblicht oder die wollen, dass die Frauen ihnen auf den Köpfen herumtanzen.

Lesen Sie auf Seite 3 über das Problem des Frauenhandels während der Fußball-Weltmeisterschaft

Nun findet in einigen Wochen die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika statt. Haben Sie Hoffnung, dass ein Teil der Aufmerksamkeit auch auf die Frauenrechte gelenkt wird?

Schäfer: Aufmerksamkeit vielleicht, Geld nein. Die Gelder, die nach Südafrika fließen, werden in die Infrastruktur investiert. Da steht Menschenrechtsarbeit ganz hintenan. Da sind Frauenrechtsorganisationen realistisch und haben keine Erwartungen. Und es gibt natürlich die Befürchtungen, dass, wenn die WM vorbei ist, der Geldhahn wieder zugedreht wird und sich kaum mehr jemand für Südafrika interessiert. Und damit natürlich auch nicht mehr für die Frauen.

Nutzen Frauenrechtsorganisationen das Medieninteresse auf Südafrika?

Schäfer: Ja, und zwar, um auf ein aktuell großes Problem aufmerksam zu machen: den Frauen- und Mädchenhandel. Zur WM werden sie in die Städte verschleppt, mit dem Versprechen, als Zimmermädchen oder Putzfrau arbeiten zu können. Verarmte Mädchen, Teenager, deren Eltern an Aids gestorben sind und die für ihre kleinen Geschwister sorgen müssen, landen so in Bordellen oder auf dem Straßenstrich. Verwandte und Bekannte der Mädchen arbeiten mit diesen Schlepperbanden zusammen. Die Mädchen kommen aber nicht nur aus Südafrika, sondern auch aus Nachbarländern wie Mosambique oder Swasiland. Diese verschleppten Mädchen sind dann illegal in Südafrika, haben keine Rechte und können nicht einmal zur Polizei gehen, weil sie weder Asyl- noch Aufenthaltsrecht haben.

Wie soll dem ein Riegel vorgeschoben werden?

Schäfer: Es gibt Kampagnen in den Nachbarländern, in Schulen und ärmeren Gebieten, bei denen versucht wird, Kinder und verantwortungsvolle Erwachsene auf diese Umstände aufmerksam zu machen.

Zeichnen sich Erfolge ab?

Schäfer: Es wäre schön, wenn man die jetzt auflisten könnte. Einige Nachbarländer haben Gesetze gegen Menschenhandel erlassen, weil sich das Problem nicht nur auf sexuelle, sondern auch auf wirtschaftliche Ausbeutung bezieht. Sie versuchen, den Schlepperbanden das Handwerk zu legen. Diese Übergriffe werden nun erstmal als Straftatbestände eingeschätzt und nicht als Job. Einzelne Schlepper wurden verurteilt, die hatten die Dreistigkeit vor Gericht zu sagen: Die Jugendlichen können doch dankbar sein, dass wir ihnen Arbeit vermittelt haben.
 

Dr. Rita Schäfer ist Ethnologin. Sie arbeitet über Gender und Gewalt in Afrika und hat 2008 die Bücher Im Schatten der Apartheid sowie Frauen und Kriege in Afrika veröffentlicht. Forschungsaufenthalte führten sie nach Südafrika, Simbabwe, Namibia und und Sierra Leone. Darüber hinaus ist sie als Gutachterin für Entwicklungsorganisationen tätig.

tfa/reu/news.de/news.de

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