Wie einst in Preußen Musterung für «Lange Kerls»

Potsdamer Verein pflegt die Tradition der "Riesengarde" (Foto)
Lang müssen sie sein. Bild: ddp

Von Katharina Wiechers
Nur von großen Jungs wollte der Soldatenkönig sich umringt sehen: Wer zur Leibgarde des Preußenherrschers Friedrich Wilhelm I. gehören wollte, musste vor allem Körpergröße mitbringen. Der König ist Geschichte, doch seine Riesengarde lebt.

Sechs preußische Fuß, vier Zoll und sechs Strich ist der Potsdamer Sven Liebenehm groß. Mit seinen 1,98 Meter hat er also die ideale Körpergröße, um in der «Potsdamer Riesengarde» zu dienen. «Ich saß grade in der Kaserne, als ich angesprochen wurde, ob ich nicht zu den ‹Langen Kerls› will», erinnert sich der ehemalige Zeitsoldat.

Nach einer halbjährigen Probezeit durfte er sich im Frühjahr 1997 dann zu den Mitgliedern der «Potsdamer Riesengarde ‹Lange Kerls› e. V.» zählen - ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Tradition der Leib-Kompanie aus besonders groß gewachsenen Soldaten von König Friedrich Wilhelm I. im 18. Jahrhundert aufrecht zu erhalten. Am heutigen Mittwoch feiert der Verein sein 20-jähriges Bestehen.

Größer
Überragende Menschen
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Ursprünglich sei die Vereinigung nur für einen einmaligen Anlass, den 1000. Stadtgeburtstag Potsdams, im Jahr 1993 gegründet worden, sagt Liebenehm. 250 Jahre nach ihrer Auflösung wurde am 19. Mai 1990 eine Musterung veranstaltet und eine neue «Riesengarde» auf die Beine gestellt. Nach dem Stadtfest sollte der Verein eigentlich wieder aufgelöst werden, doch die Männer hatten so viel Spaß an der Sache, dass er sich bis heute gehalten hat.

Nur die langen Kerls konnten die langen Flinten bedienen

Rund 100 Auftritte bei Stadtfesten, Umzügen oder privaten Veranstaltungen bestreiten die «Langen Kerls» mittlerweile jährlich. Meist führen sie dem Publikum Schießübungen oder Wachwechsel vor. «Gebet Achtung», brüllt dann der 35-Jährige, der für die Befehle zuständig ist, oder «Spannet den Hahn!» Akribisch genau führen die Männer synchron die Anweisungen im Takt der Trommel aus, bis zum kleinen Finger muss alles sitzen.

«Anfangs haben wir noch mit Defa-Uniformen und Holzschwertern exerziert», erinnert sich Liebenehm, der mittlerweile vom Zeitsoldaten zum IT-Fachmann umgesattelt hat. Da die rote Uniform und die kniehohen weißen Schuhe aus Materialien bestehen, die heute nicht mehr hergestellt werden, sei es extrem aufwendig und teuer gewesen, die Ausrüstung originalgetreu zu gestalten. Auch die Waffen seien allesamt Einzelanfertigungen, sagt Liebenehm. Die Besonderheit dieser Gewehre war es ja schließlich, die die «Langen Kerls» auszeichnete: Mit ihren langen Armen konnten nur sie die neuartigen überlangen Flinten bedienen, die weiter als herkömmliche Waffen schossen.

55 «Lange Kerls» waren das Bernsteinzimmer wert

Der Soldatenkönig, wie Friedrich Wilhelm I. wegen seines gigantischen Heeres heute genannt wird, schickte Offiziere durch ganz Europa, um Männer mit mindestens sechs Fuß, also 1,88 Meter Körpergröße, für seine «Riesengarde» zu werben. »Die meisten kamen freiwillig mit«, sagt Liebenehm, schließlich sei die Bezahlung hoch und das Ansehen groß gewesen. Manche wurden allerdings auch gegen ihren Willen mitgenommen oder dem König gar von anderen Monarchen «geschenkt». So übergab Zar Peter der Große 1716 dem preußischen König 55 «Lange Kerls» und bekam dafür im Gegenzug das berühmte Bernsteinzimmer, das sich bis dahin im Berliner Stadtschloss befand.

3200 Mann zählte das berühmte Regiment, als es beim Tod Friedrich Wilhelms I. aufgelöst wurde - eine stattliche Zahl für damalige Verhältnisse, sagt Liebenehm. «Lange Kerls» hatten viele Könige, derart viele gab es aber nur in Preußen.

Der Großteil der Bevölkerung habe die «Riesengarde» geschätzt und sei für ihren Schutz dankbar gewesen, sagt Liebenehm. Heute ist die Zuneigung zu den «Langen Kerls» nicht mehr ganz so ungebrochen. Ablehnung schlage ihnen vor allem aus der linken Szene entgegen, sagt Liebenehm. Auch Politiker seien oft darauf bedacht, nicht mit Begriffen wie Monarchie oder Militär in Verbindung gebracht zu werden. Einmal jedoch habe sich Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) ganz offiziell zu ihnen bekannt, erzählt Liebenehm: «Bei einem Auftritt in London hat er uns einmal als seine ‹persönliche Leibgarde› bezeichnet.»

32 aktive und noch einmal so viele fördernde Mitglieder zählt der Verein heute. Der Nachwuchs wird langsam knapp. «Viele von uns gehen schon auf die 60 zu», sagt Liebenehm. Deshalb werde im Sommer erstmals nach Jahren wieder eine öffentliche Musterung stattfinden. Einzige Voraussetzung: eine Körpergröße von «mindestens sechs preußischen Fuß.»

tfa/sck/reu/news.de/ddp

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