Expo 2010 Deutsche Balance für Shanghai

DEU China  EXPO 2010 (Foto)
400.000 Leuchtdioden projezieren Bilder auf eine Kugel, die Besucher zum Schwingen bringen können. Bild: ap

Von Andreas Landwehr
Hamburger Hafen, Grillkultur und die Macht der Bürger: Deutschland gibt sich bei der Expo in China als Vorzeigedemokratie, wo die Städte im Gleichgewicht sind. «Balancity» soll den Expo-Besuchern aber vor allem Spaß machen.

Es ist die Utopie einer besseren Stadt, die ihre Gegensätze in Einklang bringt: «Balancity» - eine Stadt im Gleichgewicht. Unter diesem Motto steht der deutsche Pavillon auf der Expo 2010 in Shanghai. Mit 70 Millionen erwarteten Besuchern soll es die größte Weltausstellung der Geschichte werden. Rund 50 Millionen Euro lassen sich die Deutschen ihren Auftritt im Reich der Mitte kosten - mehr als je zuvor. Mit seinem kubisch geformten Pavillon wolle sich Deutschland als «enorm vielfältig, ideenreich und innovativ», aber auch etwas verspielt darstellen, sagte Peter Redlin, Kreativdirektor der Event-Agentur Milla und Partner, die das inhaltliche Konzept umsetzt.

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Was Rufe und Gesten bewegen können

«Better City, better Life» - eine bessere Stadt, ein besseres Leben, lautet das Hauptthema der ersten Expo im bevölkerungsreichsten Land der Erde. Der deutsche Beitrag zeigt einen Stadtkosmos, der die verschiedenen Pole ausbalanciert: Tradition und Moderne, Technik und Natur, Globalität und Regionalität sowie Wohnen und Arbeiten. «Das soll ohne erhobenen Zeigefinger geschehen, ganz sympathisch und auf Augenhöhe, humorvoll hoffentlich und bestimmt auch ganz überraschend», sagte Redlin. Besonders wichtig sei der «Erlebniswert» für den Besucher, findet der Kreativdirektor, der schon an dem deutschen Auftritt bei der Expo 2000 in Hannover mitgearbeitet hat.

Höhepunkt ist eine Kugelshow in der «Energiezentrale». In dem siebentägigen Probelauf wurde der Dom zum «brodelnden Kessel», wie Expo-Sprecherin Marion Conrady sagte. An einem Pendel hängt eine drei Meter große Kugel, die mit 400.000 LED-Punkten Farben, Formen und Bilder abbilden kann. Durch gemeinsames Rufen und Gesten bringen die Besucher die 1,2 Tonnen schwere Kugel über neun Meter zum Schwingen. «Gemeinsam lässt sich etwas bewegen», ist die Idee.

Nach den ersten Versuchstagen mit jeweils 12.000 bis 20.000 Besuchern sprach Conrady von einer «sehr schönen, entspannten Atmosphäre» im Pavillon. «Die Besucher sind nicht nur durchgerannt, sondern haben sich neugierig die Exponate angeschaut.» Doch gab es draußen Wartezeiten zwischen ein und zwei Stunden.

Hamburger Hafen und Demonstrationen als Modell der deutschen Stadt

In dem urbanen Organismus des Pavillons werden über sechs Monate täglich bis zu 45.000 Besucher erwartet. Auf ihrem Weg wandern sie durch Landschaften, tauchen im Hamburger Hafen aus dem Wasser auf, stoßen im Planungsbüro auf innovative Stadtentwicklung. Im Garten erleben sie privates Glück in Form deutscher Grill- und Schrebergartenkultur. Das Depot präsentiert deutsches Design. Die Fabrik zeigt Spitzentechnik zu Themen wie Energie, Nachhaltigkeit oder Mobilität. Im Park steckt der Besucher den Kopf in umgedrehte Blumenkelche und taucht in 360 Grad-Bilder von Grünflächen ein, kann das Gras sogar riechen. Das Atelier bietet Kunst und Kultur, darunter die «Stolpersteine», die der Künstler Gunter Demnig zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ins Trottoir einsetzt.

In Filmen auf einem Stadtplatz wird gezeigt, wie öffentlicher Raum in Deutschland genutzt wird - unter anderem mit Demonstrationen, was für China ein eher ungewohntes Bild ist. «Wir lassen nichts weg, sondern zeigen, was tatsächlich alles möglich ist», sagte Redlin. Das ist eben die Balance: «Unser Modell einer deutschen Stadt und eines Zusammenlebens.»

Im Chinesischen wird «Balancity» mit «harmonische Stadt» übersetzt - eine Beschreibung, die sich auffallend mit dem Propaganda-Konzept der «harmonischen Gesellschaft» von Staats- und Parteichef Hu Jintao deckt. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kommunistischen Führer Chinas weit davon entfernt sind, gesellschaftliche Gegensätze in ein Gleichgewicht zu bringen oder gar nötige demokratische Prozesse zuzulassen, um die gewünschte Harmonie zu erreichen.

tfa/ivb/news.de/dpa

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