Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach - 12.04.2010, 16.06 Uhr

Zwillinge: Symbiose bis in den Tod

Er fährt mit seinem Motorrad zu schnell in die Kurve. Ein Baum am Wegesrand ist das Todesurteil für den jungen Mann. Sein Zwillingsbruder kommt darüber nicht hinweg. Er erhängt sich nur Wochen später. Zwillinge haben ein ganz besonderes Verhältnis.

Wie ein Ei dem anderen: Die Brüder Jaroslaw (l) und Lech Kaczynski. Bild: dpa

Suizid sei keine übliche Reaktion auf den Tod eines Zwillings, sagt Frank Spinath. «Häufig hat man jedoch den Eindruck, dass sie schlechter über so einen Verlust hinwegkommen, als andere Geschwister.» Der Zwillingsforscher von der Universität Saarbrücken beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der besonderen Verwandtschaftsbeziehung. Zwei Menschen, bau- und wesensgleich, eineiige Zwillinge.

So wie die Brüder Lech und Jaroslaw Kaczynski. Einer von ihnen, Polens Präsident, ist tot, gestorben bei einem Flugzeugabsturz. Beide Brüder sind Politiker, regieren zeitweise als Präsident und Ministerpräsident gemeinsam das Land. «Bei ihnen könnte es so sein, dass der Zwillingsbruder notwendig war, um soviel zu erreichen», sagt Spinath. Nun trauert ein ganzes Volk um Lech, den 45 Minuten jüngeren. Ein schweres Erbe für den Bruder.

FOTOS: Zwillinge Zum Verwechseln erfolgreich

Das symbiotische Verhältnis der Brüder könne ihre Ambitioniertheit bedingt haben, sagt der Zwillingsforscher. «Die Frage ist, ob sie ihre Leistungen nur gemeinsam vollbracht haben oder ob die Erfahrung mit dem Zwillingsbruder schon reicht, um weiterzumachen», fragt Spinath. Für Jaroslaw Kaczynski könne so der Tod seines Bruders auch ein Motivationsfaktor sein, das Vermächtnis seines Bruders weiterzuführen.

Solch große Verbundenheit zwischen eineiigen Zwillingen finde man häufig, sie sei jedoch nicht garantiert. In zahlreichen Interviews mit Geschwisterpaaren für seine Forschung finde Frank Spinath ebenso das Verlangen nach Individualität und Abgrenzung zwischen Brüdern und Schwestern. «Zwillinge können allerengste Verbündete sein, sich gegenseitig coachen oder zu Reibungspunkten werden», sagt der Experte.

Dass Jaroslaw Kaczynski den Tod seines Bruders im Moment des Absturzes gefühlt habe, hält Spinath jedoch für unwahrscheinlich. Es sei ein Mythos, dass Zwillinge getrennt voneinander spüren, wie es dem Bruder oder der Schwester gehe.

Wie ein Zwilling letztendlich auf den Tod seines Spiegelbildes reagiert, hänge jedoch entscheidend von der Persönlichkeit ab. Falls sich beide sehr stark über den anderen definierten, werde es umso schwerer.

Frank Spinath erzählt von einem Zwillingspaar, die ihre Nähe durch Fotografie in Kunst übersetzten. Sie ließen sich eng umschlungen ablichten. Nach dem Unfalltod des einen, habe der andere gezielt mit dieser Arbeit weitergemacht, um über den Tod hinwegzukommen. «Und um in den Mittelpunkt zu rücken: Hier fehlt etwas.»

ped/ivb/news.de

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