Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 09.04.2010, 17.07 Uhr

Kostenlos leben: Containern 2.0

Containern war gestern. Wer heute Sachen kostenfrei bekommen will, muss nicht mehr durch Mülltonnen hinter Supermärkten tauchen, sondern kann sie ganz bequem im Internet bestellen. Doch mehr als ein Zubrot ist weder klassisches noch virtuelles Containern.

Mülltaucher haben eine Paprika entdeckt. Bild: dpa

Natürlich gibt es Tricks. Viele Container lassen sich mit einem Dreikantschlüssel öffnen. Ist der Abfallbehälter mit einer Kette samt Vorhängeschloss gesichert, rät Anarchopedia, die Glieder zu knacken und ein zweites Schloss anzubringen oder besser noch einen Schäkel. «So haben sowohl die Angestellten als auch du ihren Schlüssel zum Erfolg und alle sind glücklich», ist im Kapitel «Containern für EinsteigerInnen» zu lesen.

Wer sich den kostenlosen Zugang zu Essbarem sichern will, das der Supermarkt nicht mehr verkaufen kann, muss sich heiße Tipps nicht mehr auf der Straße erarbeiten, sondern guckt im Netz. Denn das subversive Abtauchen in Mülltonnen, international als Dumpster Diving bekannt, hat als Ausdruck des Antikonsumismus nur noch am Rande mit Überleben zu tun. Nicht nur Punker, auch junge Umweltfreunde wühlen Joghurts aus den Tonnen am Supermarkt und protestieren so gegen die Wegwerfgesellschaft.

FOTOS: Umsonst leben Leben, ohne zu zahlen

In Leipzig soll der Connewitzer Rewe-Markt ein guter Anlaufpunkt sein. Über den Blechverschlag klettern, Ware rüberreichen und den Taxifahrern winken, rät das Selbstorganisations-Wiki. Doch die Metalltür ist zu einem geschlossenen Kabuff geworden, nichts ist mit Klettern. Dafür liegt ein großer Müllsack auf der Rampe, angedätschte Mangos, Möhren und ein plastikverpackter Blumenkohl tun sich daraus hervor. Sieht essbar aus. Netterweise liegengelassen vom Supermarktmitarbeiter

Kann eigentlich nicht sein. «Containern können wir auch nicht im Stillen dulden», sagt Rewe-Pressesprecher Andreas Krämer. Seit 1996 unterstütze die Rewe-Gruppe die Tafeln, die alles bekommen, was die Läden nicht mehr verkaufen und noch nicht wegschmeißen müssen, also Beschädigtes und Produkte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum. Waren, die Rewe rein rechtlich auch noch reduziert zu Geld machen könnte, wie der Sprecher betont.

Verschenken, wofür andere zahlen? Nein.

Nicht auf der Tafel, sondern im Container landen Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchsdatum oder Gammliges. «Wenn in einer Packung Toastbrot drei Scheiben schimmelig sind, werfen wir natürlich die ganze Packung weg. Wir können da kein Auge zudrücken, denn wenn jemand davon erkrankt, kann er immer sagen, das habe er von Rewe bekommen und uns belangen», erklärt der Sprecher die Sichtweise des Konzerns.

Wer meint, die Händler auf dem Wochenmarkt wären näher dran am hungrigen Bürger, hat sich geirrt. Es wäre ja ungerecht, wenn er Essen verschenken würde, für das andere bezahlen, und der Beschenkte dann zusätzlich noch Hartz IV kassiere, verkündet ein Händler. «So ein Markt sind wir hier nicht, wenn Sie verstehen, was ich meine», erklärt eine andere. Einige geben Unverkäufliches an Tafeln oder Selbsthilfeorganisationen weiter, doch der Großteil landet in der Entsorgung beim Großmarkt.

Wer wirklich nichts zu essen hat, geht zur Tafel oder bettelt vielleicht. Containern oder Schwarzfahren sind als Protest gegen sogenannte Systemfehler mit etwas kriminellem Aufwand verbunden. «Es geht darum, ein Überleben zu sichern, ohne die konventionelle Wirtschaft zu unterstützen und ein Minimum an Ressourcen zu verbrauchen», erklärt Anarchopedia. Das Phänomen hat einen Namen und heißt Freeganismus.

Doch das Internet gibt nicht nur der erdigen Container-Community Tipps, sondern hat längst seine eigene Masche, wie man Lebenshaltungskosten senken kann. Das ist weder kriminell noch subversiv, nicht systemkritisch und auch der konventionellen Wirtschaft eher förderlich, springt es doch auf deren Mechanismen auf. Boss-Parfum, Pampers, Waschmittel, Kartoffelchips oder Faltencreme – in Probiermengen gibt es alles mögliche kostenlos im Netz. Doch als virtuelle Punks möchte Denis Gerecke seine Nutzer nicht bezeichnen. Er hat auf seiner Seite gratisalarm.de Unmengen von Kostenlos-Angeboten verlinkt. «Es betrifft die gesamte Gesellschaft. Alle nutzen gerne Gutscheine, Gratisproben und machen Schnäppchen.»

Pröbchen gegen Daten?

Er verfolgt keine Mission mit seiner Seite und sorgt sich auch nicht, dass er den Unternehmen ein Forum für Datenfang bieten könnte. Denn ohne Registrierung geht nichts. «Bei Facebook stellen die Leute ihren kompletten Lebenslauf online, und sobald man etwas umsonst haben will, ist schon die Adresse zu viel», findet er. «Daten von Konsumenten werden nur zu dem dafür vorgesehenen Geschäftszweck verwendet, betont auch Petra Popall, Pressesprecherin bei Procter & Gamble, dem unter anderem Gillette, Pantene Pro-V, Ariel und Pringels gehören.
Gratis-Jäger schrecken den Konzern nicht, er hat sogar eine eigene Seite für sie: «For me ist eine ideale Möglichkeit, mit den Verbrauchern in Kontakt zu treten», betont Popall.

Denis Gerecke nutzt diese Kontaktaufnahme intensiv. «Aber ganz kostenfrei kann man davon nicht leben.» Rund 40 Euro monatlich könne sparen, wer die regelmäßigen Probeangebote ausschlachte. Vor allem Babybedarf und Tierfutter werde gern kostenlos verschickt. Und nochmal bis zu 80 Euro im Monat seien bei den Online-Meinungsumfragen zu verdienen, schätzt Gerecke. Ob mit Dreikantschlüssel oder Computermaus – so nebenbei lässt sich der Lebensunterhalt offenbar nicht erschleichen.

ped/reu/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser