DDR-Heim-Opfer: «Wir waren Freiwild»

Wenn er sie in eine Arrestzelle fĂŒhrt, weiß Heidemarie Puls, was kommt: Der Heimleiter will Geschlechtsverkehr. 40 MissbrauchsfĂ€lle aus DDR-Heimen sind inzwischen bekannt. Die sollen nun am Runden Tisch der Regierung aufgeklĂ€rt werden.

Auch im Geschlossenen DDR-Jugendwerkhof in Torgau hat es MissbrauchsfÀlle gegeben. Bild: dpa

Torgau war Endstation der sozialistischen Erziehungsmaßnahmen. Wer hier herkam, hatte schon etliche DDR-Kinderheime gesehen und galt als besonders schwerer Fall. Mit dem die Erzieher im Zweifel tun konnten, was sie wollten. «Wir hatten keine Rechte, waren Freiwild», sagt Heidemarie Puls heute ĂŒber ihre Zeit im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Sie spricht ĂŒber Misshandlungen, drakonische Strafen und auch davon, wie sie von einem Erzieher und dem damaligen Heimleiter mehrfach vergewaltigt worden ist.

In etlichen DDR-Kinderheimen soll es FĂ€lle von sexuellem Missbrauch gegeben haben, die sogar in Akten notiert wurden. «Es gibt in Stasi-Unterlagen Hinweise darauf», sagt die Leiterin der GedenkstĂ€tte in Torgau, Gabriele Beyler. Sie hatte Mitte MĂ€rz unter dem Eindruck der MissbrauchsfĂ€lle in Berlin und in den alten BundeslĂ€ndern Betroffene aufgerufen, ĂŒber entsprechende traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten. Mehr als 40 MĂ€nner und Frauen haben das bisher getan.

Er befahl ihr, sich selbst zu befriedigen

Dass es auch in DDR-Heimen sexuelle Übergriffe gegeben hat, ahnte Beyler schon lange. «Wir arbeiten die Geschichte der DDR-Heimerziehung seit den 1990er-Jahren auf und haben in den GesprĂ€chen immer wieder herausgehört, dass es da auch noch mehr gegeben haben muss, außer psychischer und physischer Gewalt, die ja in den Heimen auf der Tagesordnung standen», sagte Beyler im GesprĂ€ch mit dem Deutschlandradio.

Ähnlich geht es der Autorin Grit Poppe, die fĂŒr ihren Roman ĂŒber den Jugendwerkhof mit vielen Betroffenen gesprochen hat. «Die Menschen haben angedeutet, dass es noch viel schlimmere Sachen gegeben hat als die, von denen sie sowieso schon gesprochen haben», sagt Poppe. Erst kĂŒrzlich hatte sie ein solches GesprĂ€ch. «FĂŒr die Person war es aber noch zu frĂŒh, genauer ĂŒber ihre Erlebnisse zu sprechen.»

FĂŒr Heidemarie Puls war genau jetzt, in der Debatte ĂŒber Missbrauch an kirchlichen und weltlichen Internaten, der richtige Zeitpunkt, um mit ihrer ganzen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Erzieher K., erzĂ€hlte sie dem Tagesspiegel, habe sie mehrfach zum Geschlechtsverkehr gezwungen. «Doch das war schwierig, weil er so dick war. Deshalb musste ich mich auf die Pritsche legen, und er befahl mir, mich selbst zu befriedigen. Er hat dabei masturbiert und sein Sperma auf meinen Körper gespritzt.»

DDR-Heimvertreter nicht zum Runden Tisch eingeladen

Grit Poppe kann gut verstehen, warum nicht alle Opfer von Missbrauch in DDR-Heimen mit diesen grauenvollen Geschichten an die Öffentlichkeit gehen. «Was hĂ€tten sie davon?», fragt sie. Die Geschehnisse seien nur kurz in den Medien und bald wieder verschwunden. «Die Opfer brĂ€uchten lĂ€ngerfristig UnterstĂŒtzung. In der GedenkstĂ€tte in Torgau zum Beispiel fehlt ein Psychologe, an den sie sich wenden können.»

GedenkstĂ€tten-Chefin Beyler will, dass die MissbrauchsfĂ€lle in Ost und West nun zeitgleich aufgeklĂ€rt werden. Bisher wurde sie noch nicht zum Runden Tisch, den die Bundesregierung zur Aufarbeitung der FĂ€lle initiiert hat, eingeladen. Aber sie will sich bei Familienministerin Kristina Schröder (CDU) persönlich dafĂŒr einsetzen, dass Vertreter aus Torgau mit dabei sind. «Diese sexuellen Misshandlungen fanden im Osten und im Westen statt. Um kĂŒnftig solche Dinge in Heimen - und es wird immer Heime geben - zu verhindern, muss das gemeinsam aufgearbeitet werden», sagte Beyler im Deutschlandradio.

iwi/news.de/dpa

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4 Kommentare
  • papon

    31.05.2011 14:28

    Heime,Jugendwerkhöfe,JugendgefĂ€ngnisse (möglich ab 14 Jahren)waren Zwangsmethoden wie es Deutschland vor 1945 hĂ€tte nicht besser machen können.In diesen Einrichtungen wurde man gezwungen das SED Verbrecherregime zu bejubeln.Tat man dies nicht,war das Leben in diesen Einrichtungen die Hölle und nach der Entlassung ging das Spiel weiter.Eine Chance fĂŒr ein "NORMALES" Leben im SED Regime waren unerfĂŒllte TrĂ€ume. Folterungen waren in o.g. DDR Einrichtungen an der Tagesordnung. Es ist um so trauriger,das ein Gericht in Erfurt solche Situationen nicht Rehabilitiert. Werde aber weiter KĂ€mpfen.

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  • Tom

    22.04.2011 12:11

    Ich hatte selner mit vielen heimkindern zutun. Bitte keine Verallgemeinerungen es war nicht gang und gebe in der DDR ,es kam immer auf den Menschen an und da gibt es heute weit mehr die sich des Verbrechen schuldig machen !!

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  • alfgarfield

    15.09.2010 10:54

    Wo Licht, da auch Schatten! Die gut gelaufenen Dinge werden tot geschwiegen. Im Ganzen waren alle DDR-Heime besser aufgestellt, als es je in Deutschland der Fall gewesen ist. HĂ€ngt wohl mit dem 'fĂŒr einander da sein', der Gewissheit auf Arbeitsplatzgarantie plus 'Nutzer der eigen FrĂŒchte Arbeit sein' zusammen. Die Erzieher waren durch LehrgĂ€nge ausgezeichnet geschult und durch langjĂ€hrige Praxis sehr wohl erfahren um den Missbildungen menschlichen Verhaltens zielsicher Einhalt zu gebieten. Das Ergebnis zĂ€hlt: Allen jungen Menschen wurde ein wĂŒrdiger Einstieg in den Alltag möglich gemacht.

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