Schauspiel Keine Männer für die Bühne

Wer männlich ist, hat gute Chancen auf einen Platz an der Schauspielschule. Während Mädchen von Vorsprechen zu Vorsprechen tingeln und ihren Traum am Ende doch begraben müssen, sind Männer Mangelware. Und die wenigen, die es gibt, sind oft sehr androgyn.

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Schauspielschulen wünschen sich mehr Männer. Bild: dpa

Die Berliner Schule für Schauspiel hat ein Problem. Dem privaten Ausbildungshaus fehlen die Männer. Denn obgleich etwa zwei Drittel der Bühnenrollen und über die Hälfte der Filmrollen männlich sind, zieht es vor allem Frauen in den Beruf. Neu sei das Phänomen zwar nicht, seit einigen Jahren falle es bei Auswahlverfahren jedoch immer schwerer, guten Schauspielerinnen entsprechend begabte Schauspieler gegenüberzustellen, berichtet Schulleiter Ekkehardt Emig. Das Problem des Männermangels kennen viele Schauspielschulen. Unterschiedlich fallen allerdings die Antworten auf die Frage nach dem Warum aus.

«Wer männlich ist und vorspricht, hat bei uns definitiv und auch leider einen Bonus», sagt Emig, «Männer werden mit Kusshand genommen». In den Bewerbungsrunden gehe es zunächst darum, ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern zu schaffen. «Wir versuchen, die Klassen möglichst fifty-fifty zu besetzen.» Um das zu erreichen, drücke die Schulleitung auch bei weniger talentierten Männern gern mal ein Auge zu. «Im Gegensatz zu ihren Mitstreitern haben es die Mädchen leider schwerer», sagt Emig.

Gefragt ist der Typ des starken Rebells

Die Geschäftsführerin der Ständigen Konferenz Schauspielausbildung (SKS) und Dekanin der Schauspielabteilung der renommierten Folkwang Hochschule im Ruhrgebiet, Marina Busse, geht bei der Definition von Männermangel noch weiter. In der Regel gelinge es, gleich viele Frauen und Männer in einem Jahrgang aufzunehmen. «Ob dann die Männer auch Männer sind, ist eine andere Frage», sagt Busse. Viele Bewerber seien sehr sensibel, zartbesaitet und oftmals schlaksig und blass. Gefragt sei aber vor allem der Typ des selbstbewussten, charismatischen und starken Rebells, ein Karl Moor aus Schillers Räuber, «ein echter Kerl», erklärt die Professorin.

«Wir wünschen uns natürlich Schüler, die sich gegenseitig das Wasser reichen», sagt Busse weiter. Leider sei der weibliche Nachwuchs oftmals stärker, fordernder, sich selbst gewisser. Emig geht noch einen Schritt weiter: «Frauen sind begabter, definitiv«, sagt er. »Spielerischer, poetischer, naiver in gewisser Weise». Männern hingegen fehle oft ausreichend Fantasie, sie seien eher praktisch veranlagt. Außerdem hätten sie mehr Angst vor dem Scheitern als Frauen, seien weniger risikobereit. «Das Schauspiel ist kein Gewinnerberuf, der Grad zwischen Siegen und Scheitern ist nicht sehr breit», sagt Emig.

Busse sieht den Grund für das Ausbleiben von Männern in alten, immer noch gängigen Rollenbildern und einem daraus resultierenden unterschiedlichen Umgang mit künstlerischer Kreativität. «Männern geht es ums Geld verdienen, sie wollen nicht in einem brotlosen Gewerbe bestehen müssen.» Frauen hingegen träfen auf ein breiteres gesellschaftliches Verständnis: «Sie dürfen Schauspielerin werden wollen und kaum einer guckt schief», sagt Busse. Keiner frage: «Wovon willst du denn deine Familie ernähren?»

Bei der Zwischenprüfung gibt es die Quittung

Die Berliner Schule für Schauspiel, in einem Hinterhaus im Stadtteil Friedrichshain untergebracht, bildet seit 1992 aus. Die langen Flure sind geschmückt mit Fotos der Absolventen, zwei Klassen verlassen die Schule pro Jahr. Ins Auge fällt ein Foto aus 2007: Sechs Frauen strahlen energiegeladen in die Kamera, der eine Mann unter ihnen scheint unterzugehen. «Während das Männer-Frauen-Verhältnis zu Beginn der Ausbildung noch relativ ausgeglichen ist, kippt das Gewicht spätestens nach der Zwischenprüfung zugunsten der Frauen», sagt Emig. Für ihre Kulanz bei der Aufnahmeprüfung bekomme die Schulleitung dann eben doch die Quittung.

Anders als noch vor rund 15 Jahren fehle den Schauspielanwärtern heute die nötige Portion Idealismus, zeigt sich Emig enttäuscht. «Die meisten Männer wollen berühmt werden und Geld verdienen, gleich, direkt.» Gelinge ihnen das nicht, wechselten sie in andere Berufe. Er kenne viele junge Familienväter, die ein Engagement an einem Stadttheater ablehnten und stattdessen als Synchronsprecher für größere Produktionen arbeiteten, sagt Emig.

Der Leiter der Berliner Schauspielschule «Der Kreis», Dietrich Lehmann, bringt gesellschaftspolitische Bedingungen als Grund ins Spiel. Die DDR habe das Problem nicht gekannt, erinnert er sich. Das Männerangebot sei im Vergleich zu heute riesig gewesen. «Theater hatte damals noch eine Perspektive, der Subtext war wie eine Insel in diesem autoritären Staat.» Wer wollte, habe über die Rolle seine Meinung äußern können, wenn auch subtil, sagte Lehmann. «Das Potenzial für Idealisten war riesig.»

iwi/sck/news.de/ddp

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