Megastädte «Verzweiflung gepaart mit Hoffnung»

Manila (Foto)
In einem Slum bei Manila leben die Menschen unter desolaten Bedingungen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in riesigen Städten. Und es werden immer mehr. Die Herausforderungen dieser Entwicklung sind Thema des Weltstädteforums diese Woche in Rio. Der Städtebau-Experte Professor Franz Pesch erklärt den Trend zu Megastädten.

Herr Professor Pesch, welche Herausforderung stellt das enorme Wachstum vieler Riesenstädte aus der Sicht eines Stadtplaners dar?

Professor Franz Pesch: Wir erleben heute, wie ein neuer Stadttyp entsteht. Es gibt durchaus Parallelen zur Stadtentwicklung Ende des 19. Jahrhunderts, als dynamisches Wirtschaftswachstum die moderne Großstadt hervorbrachte – Metropolen wie Berlin, London, Paris haben sich in dieser Zeit entwickelt. Hundert Jahre später entsteht – begleitet von ähnlichen Geburtswehen – ein neuer Stadttyp: Die Megacitys des 21. Jahrhunderts - Sao Paulo, Mexico City, Shanghai oder Mumbai - bewegen sich auf 25 bis 30 Millionen Einwohner zu.

Kann man solche Megastädte organisieren?

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Pesch:  Sie entstehen nicht geordnet. Ihr Wachstum findet in Slumgebieten statt, in denen unzählige Menschen hausen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben vom Land in die Stadt  gezogen sind. Diese Randbezirke sind Orte von Armut, Krankheit und Kriminalität. Für die jungen Stadtgesellschaften ist das ein großes Problem. Noch in den 1980er Jahren glaubte man, diese Wachstumsdynamik sei nicht zu beherrschen, der Stadttyp der Megacity sei überhaupt nicht organisierbar. Inzwischen wissen wir, dass sich Slums schrittweise stabilisieren und in urbane Lebensräume verwandeln können. Allerdings erfolgt die Transformation der Randbezirke weitgehend ohne Stadtplanung. Die zuwandernden Bewohner sind darauf angewiesen, sich selbst zu organisieren.

Wenn die Entwicklung der Randbezirke so schlecht planbar ist, wie kann man dann überhaupt dazu beitragen, ihren Einwohnern ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen?

Pesch: Es ist wichtig, solche Stadtbezirke in ihrem Stabilisierungsprozess zu begleiten und den Bewohnern Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Zum Beispiel kann man versuchen, die Entwicklung von Dienstleistungen und Produktionen auf niedrigem Niveau zu unterstützen, damit sich Slumbewohner eine Existenz aufbauen können. Beispiele für solche Dienstleistungen sind etwa kleine Speditionen in Manila, die vorhandene Gleise nutzen, Fahrradtaxis in Außenbezirken von Mexico-Stadt oder Projekte der Wertstofftrennung in Mumbai. So entwickelt sich allmählich eine informelle Ökonomie als Basis für einen nachhaltigen Stadtentwicklungsprozess.

Kann Hilfe zur Selbsthilfe die Instrumente der Stadtplanung ersetzen?

Pesch: Nein! Hilfe zur Selbsthilfe ist notwendig, aber nicht hinreichend. Die Transformation der Slumgebiete in eine funktionsfähige Stadt setzt eine leistungsfähige Infrastruktur voraus: Es geht um Wasser- und Energieversorgung, Kanäle und Straßen. Verkehr spielt auch eine wichtige Rolle, insbesondere der öffentliche Personennahverkehr, mit dem Menschen, die sich kein eigenes Fahrzeug leisten können, Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten und Schulen erreichen können.
Wichtig sind auch öffentliche Freiflächen – vor allem Parks und Grünzüge, in denen sich die Menschen erholen und Luft, Licht und Sonne tanken können. In den ausufernden Metropolen sind die Wege in die Natur weit. Daher müssen Freiräume in der Stadt geschaffen werden; ähnlich wie im 19. Jahrhundert in New York, als der Central Park angelegt wurde.

Warum zieht es weltweit überhaupt immer mehr Menschen in Megastädte?

Pesch: Aus den klassischen Motiven der Wanderung: Verzweiflung gepaart mit Hoffnung. Die Landbevölkerung versucht, der Armut zu entkommen und in den urbanen Zentren Arbeit, bessere Lebensbedingungen und Bildungsangebote zu finden.

In Europa existieren Megastädte wie Shanghai oder Mexico City nicht. Weshalb eigentlich nicht?

Pesch: Die großen Wanderungsbewegungen haben in Europa längst stattgefunden und die Bevölkerung wächst im Gegensatz zu anderen Kontinenten nicht mehr. In Deutschland, aber auch in traditionell kinderfreundlichen Ländern wie Italien, liegen die Geburtenziffern sehr niedrig. Das heißt im Klartext: die europäische Stadt muss sich mit den Folgen einer älter werdenden Bevölkerung und mit Schrumpfungsprozessen auseinandersetzen.

Aber es gibt doch auch in Deutschland Städte, die wachsen ...

Pesch: Sicher. Hamburg und München, aber auch regionale Zentren wie Freiburg oder Heilbronn. Aber die meisten Kommunen müssen sich auf Bevölkerungsverluste einstellen. Langfristig wird sich in Deutschland also eher die Frage stellen, wie man die Infrastrukturversorgung aufrecht erhält und an die veränderte Nachfrage anpasst. Bereits heute steht in manchen Kommunen die Schließung von Kindergärten und Schulen an. Zugleich verlangt die zunehmende Zahl älterer Menschen nach neuen Einrichtungen: Es geht um medizinische Einrichtungen, generationsübergreifende Wohnprojekte, um Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen. Stadtplanung in Europa steht also vor ganz anderen Herausforderungen als in Ländern mit Megastädten.
 

Professor Dr. Franz Pesch ist geschäftsführender Direktor des Städtebau-Instituts der Universität Stuttgart und lehrt Stadtplanung und Entwerfen.

Kat/reu/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Mike Charles
  • Kommentar 1
  • 03.02.2012 09:22

Auch hier gilt der Spruch: "Weniger ist oft mehr" und da bedeuted, uber die "Grenzen des Wachstum" (nach dem "Club of Rome") nachzudenken und zu diskutieren, bevor es zu spät ist und eine lebensunwerte Erde entsteht. Nachdenken und handeln, bevor es zu spät ist, Mike Charles

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