Von Sebastian Garthoff - 01.04.2010, 11.42 Uhr

Nonnen: Kein Nachwuchs im Kloster

Gebet, Messe, Essen und Arbeiten: So malen sich junge Frauen ihr Leben nicht aus. Im Erfurter Ursulinenkloster leben deshalb nur noch zwölf Nonnen - in den 1920er Jahren waren es über 70. Die letzte Novizin ist vor 15 Jahren dazugekommen.

Seit 1995 haben die Schwestern im Erfurter Ursulinenkloster keinen Nachwuchs mehr erhalten. Bild: ddp

Es ist wie so oft ein ruhiger Abend für Schwester Clothilde im Erfurter Ursulinenkloster. Wie so oft verbringt die 65-Jährige ihn mit Briefeschreiben und Handarbeiten. Ja, das Klosterleben sei mit Entbehrungen verbunden, aber es sei alles andere als «düster», sondern «ganz normal und menschlich», sagt Schwester Clothilde. Im Alter von 20 Jahren hatte sie sich für ein Leben als Nonne entschieden. Und diesen Weg wählten heute jedoch kaum noch junge Frauen, sagt sie. Das Ursulinenkloster hat Nachwuchssorgen.

Zwölf Nonnen leben derzeit in dem 1136 erbauten Kloster, das seit 1667 von den Ursulinen genutzt wird. Zu den Hochzeiten in den 1920ern waren es mal über 70. Das Durchschnittsalter heute liegt bei Ende sechzig. Die älteste Nonne ist 89, die jüngste 35 Jahre alt. Der letzte Eintritt datiert von 1995. Bis Anfang der 1980er Jahre habe es regelmäßig Neuzugänge gegeben, erzählt Schwester Clothilde. Seitdem seien die Abstände größer geworden. «Ähnlich wie bei einem gewöhnlichen Beruf muss man sich berufen fühlen», sagt sie. Bei vielen jungen Frauen sei das aber nicht mehr der Fall.

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Der Tagesablauf einer Nonne ist strikt durchorganisiert. Der Tag im Ursulinenkloster beginnt um 6.10 Uhr mit dem ersten Gebet, sonntags eine Stunde später. Um 6.45 Uhr folgt die Messe bis 7.30 Uhr, dann gibt es Frühstück. Anschließend wird gearbeitet. 11.45 Uhr Mittagsgebet. Zwölf Uhr Mittagsessen. Gekocht wird selber. Im Klosterleben hat jede ihre Aufgabe: Einkaufen, Saubermachen, Jugendseelsorge oder Religionslehre auch außerhalb des Klosters. Nach den Tagesaufgaben treffen sich alle um 18.15 Uhr wieder zum Gebet, dann Abendessen, 19.45 Uhr das letzte Gebet. Dazwischen sitzt man in lockerer Runde beisammen, liest Zeitung, sieht fern.

Ein halbes Jahr Novizin auf Probe

Fünfeinhalb Jahre dauert es, bis eine Novizin zur Nonne wird. Die Frauen nehmen Kontakt mit dem Kloster auf, vereinbaren einen Eintrittstermin. Während des ersten halben Jahres dürfen sie ihre normale Kleidung tragen und können testen, ob das Klosterleben das ist, was sie sich vorgestellt haben. Im Einzelnen bedeutet das: nicht nur ehelos und gehorsam zu leben, sondern auch die freie Verfügung über Geld abzugeben. Nach dem halben Jahr erhalten sie die Ordenskleidung und werden mit «Schwester» angeredet. Ihren bürgerlichen Namen dürfen sie beibehalten. Nach zwei Jahren legen sie ein Gelübde für drei Jahre ab - ein langer Weg, den nicht viele durchhalten.

Und nicht nur das Ursulinenkloster, sondern das gesamte Bistum Erfurt hat mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. Die Zahl von Gläubigen und Priestern nimmt stetig ab. Derzeit gibt es im Bistum Erfurt knapp 160.000 Katholiken. 1995, ein Jahr nach der Gründung des Bistums, waren es noch mehr als 194.000. Verantwortlich dafür seien auch allgemeine gesellschaftliche Tendenzen, sagt ein Bistumssprecher. «Die Leute wollen sich immer weniger binden.»

Die Situation wird noch verschärft durch die in jüngster Zeit vermehrt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen in Deutschland und Europa. Derzeit sei es zwar noch zu früh, um die Auswirkungen im Bistum Erfurt abzusehen. »Dass das kein Vorteil ist, dürfte jedoch klar sein«, sagt der Sprecher.

Auf den Schwund reagiert das Bistum mit verschiedenen Maßnahmen. In den Gemeinden werde geschaut, »wo sich Talente entwickeln«, sagt der Sprecher. Außerdem soll die Zahl der Pfarreien bis 2020 von 72 auf 32 reduziert werden. Bereits 2005 wurde die Zahl der Dekanate von 14 auf sieben, die der Pfarreien von 120 auf 95 und 2008 noch einmal auf 72 gesenkt.

Schwester Clothilde hält diese Entwicklungen für notwendig. «Die ersten Schnitte tun weh und die Wege für Gläubige werden länger», gibt sie zu. Jedoch sieht sie auch Vorteile. »Durch notwendige Fahrgemeinschaften entstehen neue persönliche Kontakte und ein neues Gemeinschaftsgefühl.»

iwi/news.de/ddp

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