Missbrauch an Schulen Und es war früher doch ein Thema

Margarita Kaufmann (Foto)
Margarita Kaufmann, Direktorin der Odenwaldschule, trat wegen der Missbrauchsfälle an ihrer Schule vor die Presse. Bild: dpa

Von Caroline Bock
Die Welle der Missbrauchsfälle an katholischen Schulen und Internaten weckt Erinnerungen: Wurde Missbrauch früher einfach nicht thematisiert - oder ist das ein Klischee? Wie hat sich der gesellschaftliche Umgang damit geändert?

Früher gab es mit dem Rohrstock etwas auf die Finger. Ein Lehrer bekam anscheinend selten Ärger, wenn er bei der Hilfestellung am Turnkasten mit der Hand abrutschte oder in der Umkleidekabine der Mädchen auftauchte. Fahrlehrer waren gefürchtet, wenn sie einem das Schalten beibringen wollten und dabei, hoppla, auf dem Knie landeten.  Aus heutiger Sicht  fällt derartiges Verhalten zumindest zum Teil in die Kategorie Missbrauch. Die gesellschaftliche Wahrnehmung hat sich geändert. Schüler werden heute ernster genommen als früher?

Die Liste der Forschung zum Thema Missbrauch ist lang, Kinderschützer kennen die Diskussion gut. «Die feministische Frauenbewegung hat das Thema nach Deutschland gebracht», erklärt Julia von Weiler, Geschäftsführerin der Organisation Innocence in Danger. Deren Vizepräsidentin Ursula Raue hat die Fälle am Berliner Canisius-Kolleg mit aufgedeckt.

Skandal
Missbrauch bei Katholiken

Von Weiler erinnert daran, was es für ein Politikum war, als 1982 mit «Wildwasser Berlin» die erste Anlaufstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs öffnete. Ein Tabuthema wurde öffentlich diskutiert. Als erstes waren es Frauen, die sich an Qualen in der Kindheit erinnerten, was in dem - wohl einem Buchtitel entlehnten - überzogenen Slogan «Väter sind Täter» gipfelte. Die Einsicht, dass auch Mütter Täter sein können, kam später.

«Es gibt nichts, was es nicht gibt»

Der Zeitgeist brachte in den 90er Jahren eine Bewegung, die die Instrumentalisierung, den «Missbrauch mit dem Missbrauch», anprangerte. Der Begriff der Political Correctness schwappte aus den USA nach Deutschland, wo er als Bezeichnung für hysterisches Verhalten ein Schmähwort wurde. Übereifrige Therapeuten, zu Unrecht bezichtigte Väter, Diffamierungen: Das alles kam vor. Auch der Kinderschutzbund räumt ein, dass in manchen Sorgerechtsklagen mit harten Bandagen gekämpft wurde. An der Dramatik von tatsächlichen Missbrauchsfällen ändert das nichts.

Heute ist das Bewusstsein geschärft, auch existierten mittlerweile bundesweit mehr als 500 Beratungsstellen, wie von Weiler berichtet. Genug getan sei aber noch lange nicht. Gerade durch die Kinderpornografie im Internet ist demnach noch einmal eine neue Dimension dazu gekommen, was damit anfing, dass alte Tatfotos aus den 1970ern im Netz landeten. «Es gibt nichts, was es nicht gibt», bilanziert die Psychologin. «Die Täter suchen sich einfach gezielt Orte, in denen sie mit Kindern in Kontakt kommen.»

Hiebe mit dem Rohrstock auf die Hand

Josef Kraus, Präsident desLehrerverbandes und Schulleiter in Bayern, hat beobachtet, dass sich das Verhältnis von Schülern und Lehrern insgesamt entkrampft hat und es weniger autoritär zugeht als zu Zeiten der «körperlichen Züchtigung». Diese war in den Bundesländern teils bis in die 1970er Jahre erlaubt. «Man lässt sich heute weniger gefallen», sagt Kraus. «Ich habe noch ‹Tatzen› gekriegt.» So hießen Hiebe mit dem Rohrstock auf die Hand.

Heute seien die Lehrer beim Umgang mit den Schülern sensibilisiert. Sportlehrer sollen die Hilfestellung beim Turnen möglichst den Jugendlichen überlassen, damit keine Missverständnisse aufkommen, sagt Kraus. «Ich würde jedem Lehrer dringend davon abraten, den Schülern körperlich zu nahe zu kommen.» Was deutlich wird, wenn man sich umhört: Eltern sind gegenüber der Schule selbstbewusster geworden, Kinder der 68er-Generation und der danach folgenden Jahrgänge auch. Lehrer dürften deutlich aufmerksamer geworden sein.

«Wir müssen Rede und Antwort stehen»

Schulleiter sind nach den Schlagzeilen alarmiert, das zeigt ein Anruf beim schleswig-holsteinischen Internat Louisenlund. «Wir haben mit Erschrecken festgestellt, welche Ausmaße das angenommen hat», sagt Schulleiter Werner Esser. «Ich glaube, dass hier ein großer Vertrauensschaden entstanden ist.» Er will offen mit dem Thema umgehen. «Wir müssen Rede und Antwort stehen.»

Esser betont, in Louisenlund gebe es keinen Verdacht oder Hinweise auf Missbrauchsfälle. Sicherheitshalber will er aber die alten Akten lesen und in einem Elternbrief das Thema ansprechen. In dem Internat werde Schülern ein «doppeltes System» geboten. In Vertrauensfragen könnten sich die Jugendlichen an Hausmütter und -väter sowie an Mentoren wenden. Zudem lege die Schule Wert auf frühe Eigenständigkeit und darauf, die Jugendlichen ernst zu nehmen. Einen freien Psychologen hat das Internat seit 25 Jahren.

Die Berliner Rechtspsychologin Renate Volbert vom Charité-Institut für Forensische Psychiatrie korrigiert den Eindruck, der in den Medien entsteht, dass Missbrauch früher kein Thema war. «Das ist einfach falsch.» 1960 wurden demnach allein in den alten Bundesländern etwa 18.000 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern gezählt - 2008 waren es bundesweit 12.000. Wie der Schwund zustande kommt, weiß die Gutachterin nicht.

Auch wenn Volbert Fälle kennt, in denen die Aussagen der Kinder von Erwachsenen manipuliert waren: «Ich gehe sicher davon aus, dass die meisten Anzeigen auf tatsächlichen Erlebnissen basieren.» Das bedeute allerdings nicht, dass nicht jeder einzelne Fall genau zu prüfen sei. «Das Problem ist meist gar nicht so sehr, dass die eigene Mutter das nicht glaubt, sondern dass sie nichts unternimmt.» Volbert wundert die große Debatte über die Fälle innerhalb kirchlicher Einrichtungen nicht, nachdem die Diskussion einmal begonnen hat. «Das Erstaunliche ist eigentlich, dass sie erst jetzt aufkommt.»

tfa/reu/news.de/dpa

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