Stadtmarketing Wenn Otto «Hallo» sagt

Ottostadt (Foto)
Die Kugelstoßerin Nadine Kleinert macht Magdeburg olympisch. Bild: dpa

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Wenn eine Stadt kein Gesicht hat, braucht sie ein Image. Sicher ist Magdeburg ganz charmant – aber das weiß halt keiner. Deshalb ist man jetzt Ottostadt. Und Bonn schmückt sich lieber mit Beethoven als mit Bundesstadt.

Es ist von hinten wie von vorne O-T-T-O. Hinten König, vorne Wissenschaftler, andersherum - oder doch Blödel- und Versandhaus-Otto? Magdeburg hat sich entschieden: Alles ist otto.

Wenn man die Ku'Damm-Flaneure in Berlin fragte, was für sie eigentlich Magdeburg bedeute, kam statt einer Antwort ein Schulterzucken. Das haben Studien bewiesen. «Leider», sagt Cornelia Poenicke, Sprecherin der Otto-Kampagne, habe Magdeburg kein herausragendes Alleinstellungsmerkmal. Das große Zauberwort dieser Tage. Etwas haben, was sonst keiner hat. Um sich besser zu verkaufen. Um bekannt zu werden. Um im Gedächtnis haften zu bleiben.

Dabei ist man doch so vieles in Magdeburg. Domstadt. Hansestadt. Landeshauptstadt. Es fließt die Elbe. Eine Universität gibt es auch und einen wunderschönen Stadtpark, in dem unerwartet Rehe den Weg kreuzen. «Aber damit wird man nicht als etwas besonderes wahrgenommen», da machen sich Poenicke und Magdeburg nichts vor. Also hat man zwei Jahre lang gebrütet, konferiert und destilliert, und die Essenz sind vier Buchstaben und ein Palindrom.

Luther oder Otto
Wie Städte sich einen Namen machen

Es ist ja nicht nur so, dass Otto I., der Große, von Magdeburg aus das Heilige römische Reich regierte und im Dom begraben liegt. Da ist auch noch dieser Otto von Guericke, der auch so vieles war. Jurist, Festungsbauer, Naturwissenschaftler und Erfinder. Vor allem aber Magdeburger. Deshalb sind es auch die «Magdeburger» Halbkugeln, die acht Pferde nicht auseinanderreißen konnten und mit denen Guericke dabei im Jahre 1657 die Kraft des Vakuums unter Beweis stellte.

Popkultur mit alten Strategen

Diese Ottos sind lange her. Aber Otto ist auch olympisch, Otto forscht und Otto singt. Ein bisschen kryptisch bleibt die Botschaft, die Magdeburg aufpeppen soll. Doch das ist Taktik – oder einfach Popkultur. Die Berliner Werbeagentur Scholz & Friends zäumt gerne mal das Pferd von hinten auf. Sie hat die Kampagne um das Magdeburger Destillat modelliert, neben Otto sollten auch die Gedanken «wissen können machen» drinstecken.

Denn so, erklärt Poenicke, sind die Magdeburger. Eher norddeutsch, ein bisschen kühler als die Sachsen, «er guckt erstmal, sagt erstmal nichts, sie können auch im Gesicht keine Reaktion ablesen. Aber wenn er überzeugt ist, dann redet er nicht lange drumherum, dann macht er.» Von hinten wie von vorne. Und deshalb steht für Otto auch die Schwimmerin Nadine Kleinert, die bei Olympia dabei war, Ulrike Krewer, die am Max-Planck-Institut forscht, oder Stephan Michme, der Radio und Musik macht. Die sind Magdeburg heute und die Gesichter auf den Plakaten.

Kassel teilt mit Magdeburg das Schicksal des Kriegsopfers. Altes zerbombt, der Charme dahin. Doch Kassel hatte Glück, weil Kunstprofessor Arnold Bode sich in den 1950er Jahren die Documenta ausdachte. «Die bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst auf der Erde», sagt Stadtsprecher Hans-Jürgen Schweinsberg. Seit 1999 ist Kassel ganz offiziell documenta-Stadt, jeder, der hineinfährt, sieht es auf dem gelben Schild. Natürlich spricht auch Schweinsberg von Alleinstellungsmerkmal. Kassel hätte noch die Brüder Grimm zu bieten, aber die wollen auch andere. Und Universitätsstädte oder Hansestädte, das wolle er nicht kleinreden, aber etwas besonderes sei es eben nicht, findet er.

Was der Beiname bringt

Zehn Jahre als documenta-Stadt – kennt man Kassel jetzt auf dem Ku'Damm? Zumindest werde man endlich als die Kulturstadt wahrgenommen, die Kassel ohnehin ist. «Wir gehören mit unseren Museen und Sammlungen zu den vier, fünf ersten Adressen in Deutschland, das wissen viele nicht», erklärt Hans-Jürgen Schweinsberg. Das neue Image poliert das Selbstbewusstsein der Bürger auf und hilft, wenn es um Prädikate geht wie Kulturhauptstadt (wo Kassel nur knapp unterlag) oder Welterbe (was man für den Bergpark beansprucht).

Wer nach Wittenberg reist, sieht Luther beim Thesenanschlag geradezu plastisch vor sich, bei der Universitätsstadt Heidelberg stellt sich das Bild von fechtenden Studenten ein. Und Bonn? Bundesstadt darf hier auf dem Ortsschild stehen. Doch so richtig vom Hocker reißt dieser amtliche Titel in der Ex-Hauptstadt niemanden. Bundesstadt sei ja auch nur eine rechtliche Bezeichnung, die die Aufteilung der Regierungsapparate im Berlin-Bonn-Gesetz zeige, sagt Stadtsprecherin Silke Hilt. Geworben hat Bonn damit nie.

Nein, Bonn brennt für Beethoven. «Freude. Joy. Joie. Bonn.» So möchte die Stadt wahrgenommen werden. Die Ode an die Freude des Bonner Komponisten, «der bekannteste Komponist weltweit», wie Hilt sagt, gibt das Schlagwort für das neue Marketing, die Dachmarke für Bonn am Rhein. Die Ode ist auch die Europahymne, das passe, denn auch als international versteht man sich, schließlich ist Bonn auch Uno-Stadt. Deshalb wäre es zu kurz gegriffen, sich einfach Beethovenstadt zu nennen, findet Silke Hilt. Und deshalb ist sie auch skeptisch, was die Reduzierung auf ein Element im Beinamen betrifft.

Vielleicht hat Magdeburg diese Klippe gewieft umschifft mit seinem doppelten Otto, der in jedem von uns steckt. Völlig okay sei es übrigens, an Otto Walkes zu denken, finden die Macher von Scholz & Friends. Der ist gleich zur Otto-Taufe in Magdeburg aufgetreten. Und der Katalog-Riese hat sowieso ein Standbein in der Stadt. Es geht schließlich um Aufmerksamkeit. Und da ist ein bisschen Dada erfahrungsgemäß nicht das Schlechteste.

reu/news.de

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