Stadtmarketing Wenn Otto «Hallo» sagt

Wenn eine Stadt kein Gesicht hat, braucht sie ein Image. Sicher ist Magdeburg ganz charmant – aber das wei√ü halt keiner. Deshalb ist man jetzt Ottostadt. Und Bonn schm√ľckt sich lieber mit Beethoven als mit Bundesstadt.

Die Kugelstoßerin Nadine Kleinert macht Magdeburg olympisch. Bild: dpa

Es ist von hinten wie von vorne O-T-T-O. Hinten König, vorne Wissenschaftler, andersherum - oder doch Blödel- und Versandhaus-Otto? Magdeburg hat sich entschieden: Alles ist otto.

Wenn man die Ku'Damm-Flaneure in Berlin fragte, was f√ľr sie eigentlich Magdeburg bedeute, kam statt einer Antwort ein Schulterzucken. Das haben Studien bewiesen. «Leider», sagt Cornelia Poenicke, Sprecherin der Otto-Kampagne, habe Magdeburg kein herausragendes Alleinstellungsmerkmal. Das gro√üe Zauberwort dieser Tage. Etwas haben, was sonst keiner hat. Um sich besser zu verkaufen. Um bekannt zu werden. Um im Ged√§chtnis haften zu bleiben.

Dabei ist man doch so vieles in Magdeburg. Domstadt. Hansestadt. Landeshauptstadt. Es flie√üt die Elbe. Eine Universit√§t gibt es auch und einen wundersch√∂nen Stadtpark, in dem unerwartet Rehe den Weg kreuzen. «Aber damit wird man nicht als etwas besonderes wahrgenommen», da machen sich Poenicke und Magdeburg nichts vor. Also hat man zwei Jahre lang gebr√ľtet, konferiert und destilliert, und die Essenz sind vier Buchstaben und ein Palindrom.

FOTOS: Luther oder Otto Wie Städte sich einen Namen machen
zur√ľck Weiter Magdeburg (Foto) Foto: news.de/ wikipedia/ Chris 73 Talk (Montage) Kamera

Es ist ja nicht nur so, dass Otto I., der Gro√üe, von Magdeburg aus das Heilige r√∂mische Reich regierte und im Dom begraben liegt. Da ist auch noch dieser Otto von Guericke, der auch so vieles war. Jurist, Festungsbauer, Naturwissenschaftler und Erfinder. Vor allem aber Magdeburger. Deshalb sind es auch die «Magdeburger» Halbkugeln, die acht Pferde nicht auseinanderrei√üen konnten und mit denen Guericke dabei im Jahre 1657 die Kraft des Vakuums unter Beweis stellte.

Popkultur mit alten Strategen

Diese Ottos sind lange her. Aber Otto ist auch olympisch, Otto forscht und Otto singt. Ein bisschen kryptisch bleibt die Botschaft, die Magdeburg aufpeppen soll. Doch das ist Taktik – oder einfach Popkultur. Die Berliner Werbeagentur Scholz & Friends z√§umt gerne mal das Pferd von hinten auf. Sie hat die Kampagne um das Magdeburger Destillat modelliert, neben Otto sollten auch die Gedanken «wissen k√∂nnen machen» drinstecken.

Denn so, erkl√§rt Poenicke, sind die Magdeburger. Eher norddeutsch, ein bisschen k√ľhler als die Sachsen, «er guckt erstmal, sagt erstmal nichts, sie k√∂nnen auch im Gesicht keine Reaktion ablesen. Aber wenn er √ľberzeugt ist, dann redet er nicht lange drumherum, dann macht er.» Von hinten wie von vorne. Und deshalb steht f√ľr Otto auch die Schwimmerin Nadine Kleinert, die bei Olympia dabei war, Ulrike Krewer, die am Max-Planck-Institut forscht, oder Stephan Michme, der Radio und Musik macht. Die sind Magdeburg heute und die Gesichter auf den Plakaten.

Kassel teilt mit Magdeburg das Schicksal des Kriegsopfers. Altes zerbombt, der Charme dahin. Doch Kassel hatte Gl√ľck, weil Kunstprofessor Arnold Bode sich in den 1950er Jahren die Documenta ausdachte. «Die bedeutendste Ausstellung zeitgen√∂ssischer Kunst auf der Erde», sagt Stadtsprecher Hans-J√ľrgen Schweinsberg. Seit 1999 ist Kassel ganz offiziell documenta-Stadt, jeder, der hineinf√§hrt, sieht es auf dem gelben Schild. Nat√ľrlich spricht auch Schweinsberg von Alleinstellungsmerkmal. Kassel h√§tte noch die Br√ľder Grimm zu bieten, aber die wollen auch andere. Und Universit√§tsst√§dte oder Hansest√§dte, das wolle er nicht kleinreden, aber etwas besonderes sei es eben nicht, findet er.

Was der Beiname bringt

Zehn Jahre als documenta-Stadt – kennt man Kassel jetzt auf dem Ku'Damm? Zumindest werde man endlich als die Kulturstadt wahrgenommen, die Kassel ohnehin ist. «Wir geh√∂ren mit unseren Museen und Sammlungen zu den vier, f√ľnf ersten Adressen in Deutschland, das wissen viele nicht», erkl√§rt Hans-J√ľrgen Schweinsberg. Das neue Image poliert das Selbstbewusstsein der B√ľrger auf und hilft, wenn es um Pr√§dikate geht wie Kulturhauptstadt (wo Kassel nur knapp unterlag) oder Welterbe (was man f√ľr den Bergpark beansprucht).

Wer nach Wittenberg reist, sieht Luther beim Thesenanschlag geradezu plastisch vor sich, bei der Universitätsstadt Heidelberg stellt sich das Bild von fechtenden Studenten ein. Und Bonn? Bundesstadt darf hier auf dem Ortsschild stehen. Doch so richtig vom Hocker reißt dieser amtliche Titel in der Ex-Hauptstadt niemanden. Bundesstadt sei ja auch nur eine rechtliche Bezeichnung, die die Aufteilung der Regierungsapparate im Berlin-Bonn-Gesetz zeige, sagt Stadtsprecherin Silke Hilt. Geworben hat Bonn damit nie.

Nein, Bonn brennt f√ľr Beethoven. «Freude. Joy. Joie. Bonn.» So m√∂chte die Stadt wahrgenommen werden. Die Ode an die Freude des Bonner Komponisten, «der bekannteste Komponist weltweit», wie Hilt sagt, gibt das Schlagwort f√ľr das neue Marketing, die Dachmarke f√ľr Bonn am Rhein. Die Ode ist auch die Europahymne, das passe, denn auch als international versteht man sich, schlie√ülich ist Bonn auch Uno-Stadt. Deshalb w√§re es zu kurz gegriffen, sich einfach Beethovenstadt zu nennen, findet Silke Hilt. Und deshalb ist sie auch skeptisch, was die Reduzierung auf ein Element im Beinamen betrifft.

Vielleicht hat Magdeburg diese Klippe gewieft umschifft mit seinem doppelten Otto, der in jedem von uns steckt. V√∂llig okay sei es √ľbrigens, an Otto Walkes zu denken, finden die Macher von Scholz & Friends. Der ist gleich zur Otto-Taufe in Magdeburg aufgetreten. Und der Katalog-Riese hat sowieso ein Standbein in der Stadt. Es geht schlie√ülich um Aufmerksamkeit. Und da ist ein bisschen Dada erfahrungsgem√§√ü nicht das Schlechteste.

reu/news.de

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