Katholische Heime Viel mehr Missbrauchsopfer als angenommen

Drei Geistliche sind wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs im Bistum Dresden-Meißen suspendiert worden. Der Verein ehemaliger Heimkinder geht von viel mehr Opfern aus als bislang angenommen.

Immer mehr Missbrauchsfälle - Berlin will Aufklärung (Foto)
Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater in der Hand Bild: dpa

Rund 70 Prozent der 450 Mitglieder wurden nach Einschätzung der Vorsitzenden des Vereins ehemaliger Heimkinder Monika Tschapek-Güntner in der Kindheit und Jugend in Heimen missbraucht. Tschapek-Güntner bestätigte damit einen Bericht der Berliner Zeitung. Der Missbrauch reiche bis zur Vergewaltigung. Der Großteil ihrer Vereinsmitglieder - rund 80 Prozent - sei in katholischen Heimen aufgewachsen. Unterdessen teilte das Bistum Dresden-Meißen mit, dass drei Geistliche wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs suspendiert worden seien.    

Seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals an Jesuitenschulen meldeten sich jeden Tag zahlreiche Opfer bei Tschapek-Güntner. «Leute rufen an und sagen: ‹Mir ist das auch passiert›», sagte sie. «Die Menschen halten es nicht mehr aus und müssen reden.»

Nach dem Missbrauchsskandal am Benediktinerkloster Ettal in Bayern wurden drei Mönche des Klosters Wechselburg in Sachsen suspendiert - zunächst war von zwei Geistlichen die Rede gewesen. Das teilte das Bistum Dresden-Meißen am Dienstag mit. Gegen sie lägen Missbrauchsvorwürfe aus ihrer Zeit an der Schule und dem Internat in Ettal vor.

Was genau den Männern vorgeworfen wird, wisse man nicht, sagte ein Bistumssprecher. Bischof Joachim Reinelt sei auch erst in der vergangenen Woche und damit später als vorgeschrieben über den Fall informiert worden. Der Ettaler Abt Barnabas Bögle, der noch die Freistellung der Wechselburger Ordensmänner verfügt hatte, war in der vergangenen Woche von seinem Amt zurückgetreten.

Im Kloster Ettal sowie anderen Einrichtungen der katholischen Kirche sollen Schüler von Geistlichen missbraucht oder misshandelt worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Verdachtsfälle aus dem Kloster Wechselburg gab es bislang nach Angaben des Bistums nicht. Einer der drei Mönche sei für das Jugend- und Familienhaus des Klosters in Wechselburg verantwortlich gewesen. Bischof Joachim Reinelt äußerte sich tief betroffen. Das Bistum werde Anhaltspunkten auf mögliche Verdachtsfälle gründlich nachgehen. 

In Niedersachsen teilte die Kommission des katholischen Bistums Osnabrück zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen am Dienstag mit, dass sie sich in den vergangenen acht Jahren mit fünf Fällen beschäftigt habe. Dreimal seien Ermittlungen gegen Priester von der Staatsanwaltschaft aus Mangel an Beweisen eingestellt worden. Zwei Fälle seien wegen Geringfügigkeit von Richter und Staatsanwalt gegen eine Geldauflage eingestellt worden. Dabei sei es einmal nicht um sexuellen Missbrauch, sondern um eine Beleidigung gegangen, sagte Kommissionsmitglied Heribert Günther. 1995 und 2000 waren zwei Priester des Bistums wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden. Sie wurden in den Ruhestand versetzt. Weitere Fälle seien bislang nicht bekanntgeworden, betonte das Bistum, schloss aber nicht aus, dass es noch bislang unbekannte Fälle geben könnte.    

Tschapek-Güntner warf der Katholischen Kirche «Falschheit» vor. Zwar wolle die Kirche den Eindruck erwecken, die Missbrauchsfälle aufklären zu wollen, jahrelang habe sie Opfer aber unter Druck gesetzt oder mit Geld zum Schweigen gebracht. «Da wird die Decke der Verschwiegenheit ausgebreitet. Das ist grausam und das halten wir kaum aus.»

Der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) mit Sitz im hessischen Rodgau kümmert sich vor allem um Menschen, die als Kinder in Heimen Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch geworden sind. Für diese fordert der VEH seit Jahren eine Entschädigung. Die nach Vereinsschätzungen deutschlandweit rund 500.000 Betroffenen sollen eine Entschädigung von jeweils 50.000 Euro erhalten - insgesamt 25 Milliarden Euro.

iwe/ivb/news.de/dpa

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