Ex-Knackis Wo die Freiheit hinführt

In jeder WG prallen Lebensläufe aufeinander. Die in der Leipziger Wiebelstraße 2 sind etwas heftiger. Die meisten Bewohner saßen im Knast, die anderen auf der Straße. Manche Geschichten sind verworren, andere einfach traurig. Hoffnung gibt es irgendwie.

Steffen Ferrari  (Foto)
Drei Jahre lang hat Steffen Ferrari im Wohnprojekt in der Wiebelstraße gewohnt. Bild: news.de

Immerhin war es August, als Heinz-Günter Braasch auf der Straße saß. Es war die Straße vor der JVA Leipzig, Braasch hatte eine ganze Batterie Aktenordner neben sich stehen und harrte der Dinge. Zu tun gab es vorerst nichts, und abholen würde ihn niemand.

«Irgendwann kam jemand und hat gesagt, er bringt meine 13 Ordner in die Wiebelstraße 2.» Da sitzt Braasch gerade, im Büro, und wieder quillt seine Geschichte aus ihm heraus. In den Ordnern sind die vielen Dokumente, mit denen er alles beweisen kann, doch gebe es bisher niemanden, der sich traue, ihm zu glauben.

In der Wiebelstraße 2 gibt es keinen Lack, der ab sein könnte. Wenn am Morgen einer gefallen ist, mit dem Kopf in die Glasscheibe, dann kommt er ein paar Stunden später aus dem Krankenhaus und ist noch immer blutverschmiert, und die Sozialarbeiterin ist sich nicht sicher, ob er weggeschickt wurde oder einfach gegangen ist, weil es ihm langweilig wurde. Jetzt geht er hoch, auf sein Zimmer.

21 Zimmer hat das Haus, in jedem wohnt ein Mensch, der sich sonst ein Kartonhaus bauen müsste oder ein Plätzchen unter der Brücke sichern oder in eins der leer stehenden Häuser kriechen oder bei diesem oder jenem Kumpel pennen oder nachts in die Obdachlosenunterkunft schleichen. Nichts davon klingt besser als die Wiebelstraße 2. Hier hat jedes Zimmer sogar einen Schlüssel, ein Bett und eine Schrankwand, und je drei bilden eine Wohnung mit Küche und Bad.

Warum wer gesessen hat, erzählt man sich irgendwann

Im vierten Stock links wohnt Steffen Ferrari. An die Schrankwand hat er ein paar CD-Cover von The Cure gelehnt, und in der Küche steht schon fertig das Mittagessen, Spagetti mit Salami-Soße für drei Tage. Sein Essen macht er nur für sich, so eng ist er mit seinen beiden WG-Kumpels nun nicht. 55 ist der eine, hat sechs Jahre wegen Körperverletzung gesessen, erst 27 der andere, warum der im Knast war, weiß Ferrari nicht. Irgendwann erzähle man sich seine Geschichte.

Der Arbeitskreis Resozialisierung, der das Wohnprojekt betreut, mischt sich da nicht ein. Zweimal pro Woche kontrollieren die Betreuer die Zimmer, Ordnung muss sein, und Drogen und Alkohol sind Tabu. Claudia Gütter, die Sozialarbeiterin, ist montags bis freitags da, das Team regelt, was es zu regeln gibt. Ämter, Hartz IV, Schuldenberatung.

«Es gibt Leute, die sitzen wegen Schwarzfahren», sagt Ferrari. Über manche Vergangenheit möchte Ferrari aber auch lieber nichts wissen. Wenn jemand 30 Jahre im Knast gesessen habe, sehe man das schon an den alten DDR-Tätowierungen im Gesicht. Ob es hier Freunde gibt? Freunde sind etwas anderes, findet Steffen Ferrari, das sind die von früher, aber sie wohnen im Westen, sind nicht mehr da. Aber hier gibt es jemanden zwei Etagen tiefer, den «kann ich gut leiden».

Ferrari ist einer der wenigen, der nicht aus dem Gefängnis hergekommen ist. Er kam aus der Ferne, fuhr LKW, und irgendwann, als er wieder hier war, musste er raus aus der Wohnung, die Miete war nicht bezahlt, weil sich andere Schulden häuften. Was es an Fragen gibt zu seinem Leben, beantwortet Steffen Ferrari. Abgeplatzter Lack tritt nicht zutage, nicht einmal Tragik. Beschissen gelaufen, könnte man sagen, erst Maurer, dann Fernfahrer, jetzt Privatinsolvenz und seit drei Jahren ohne viel mehr eigenes als die CDs und den Fernseher in der Wiebelstraße.

Fehler der Justiz von a bis n

Hinter Gitter hätte er vielleicht mal kommen können, «ich bin kein Kind von Traurigkeit», sagt er und grinst, herausfordernd und beschämt gleichzeitig. Ab und zu wehre er sich mit der Faust, «das ist genetisch veranlagt». Aber er habe Glück gehabt und sei mit einer Geldstrafe davongekommen. Daher auch ein Teil der Schulden.

Heinz-Günter Braasch hat vielleicht einmal Geld gehabt, denn er versucht, einen Standard zu halten. Wenn er eine Email schreibt, gibt es Punkt 1 bis 3, Aspekte a bis n und eine Schlussbemerkung. Zwischenüberschriften sind unterstrichen. Der Mann mit den langen grauen Haaren und dem Vollbart sieht aus, wie Kinder sich einen verrückten Professor vorstellen, aber er ist Stratege, das habe er in Moskau studiert. Dass sein Zuhause derzeit die Wiebelstraße ist, wo es kein Internet gibt, kaschiert er, indem er unter seine Email-Adresse schreibt: «Abruf wöchentlich 1x».

Ende 2008 ist er festgenommen worden, da hatte er seine Familie schon verloren, das war 2004, als er auch alles andere verlor. Er sei wohl unrechtmäßig in Haft gewesen, betont er und beginnt, die Fehler bei Justiz und Staatsanwaltschaft aufzuzählen. Einen Haftbefehl habe ihm kein Staatsanwalt zeigen können, ohne richterlichen Beschluss habe man seine Wohnung durchsucht und Geld beschlagnahmt. 68 Delikte habe man ihm ursprünglich vorgeworfen, Wirtschaftskriminalität, 13 seien noch übrig, jetzt hat er einen neuen Pflichtverteidiger.

Nach der Wiebelstraße muss irgendwas kommen

Braasch war Unternehmensberater in Thüringen, er hat Insolvenzen verwaltet und fünf Jahre lang eine Zeitschrift herausgegeben namens Haus und Invest. Unter Punkt n) in der Email steht «Folter (wohl zur Aussageerpressung)». Er spricht von Schlafentzug und Licht, dann sei er in der JVA Leipzig ins Krankenhaus gekommen. Für ihn ist das Justizwesen in der Bundesrepublik nicht mehr wert als das vergangener Diktaturen.

Allein ist auch er, das haben wohl wirklich alle in der Wiebelstraße gemeinsam. Zu seinen Kindern gebe keine Verbindung mehr, sie wollten nichts von ihm wissen. 55 ist Heinz-Günter Braasch, und jetzt will er nur noch zwei Dinge: seine Rente und sein Recht.

Steffen Ferrari hat etwas vor. Drei Jahre lang hat ihn das Wohnprojekt des AK Reso von der Straße gehalten, das ist fast länger als jeden anderen. Aber in vier Wochen zieht er aus, denn 100 Meter weiter hat er eine Wohnung in Aussicht. Dann will er auch wieder einen Job suchen, eine Arbeit als Lagerarbeiter könnte er sich vorstellen. Wegen der Privatinsolvenz blieben ihm höchstens 990 Euro vom Lohn. Aber er freut sich drauf, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

hav/news.de

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