Raimund Stecker: «Geld ist das gleiche wie Kunst»

Nach der Versteigerung eines Giacomettis aus der Sammlung der Commerzbank f├╝r 74 Millionen Euro f├╝rchten Kunsthistoriker den gro├čen Ausverkauf. Raimund Stecker nicht. Der Leiter des Duisburger Lehmbruck-Museums h├Ąlt das schlicht f├╝r Marktwirtschaft.

Raimund Stecker. Bild: Stadt Duisburg

Herr Stecker, f├╝r die Skulptur L'Homme qui marche I von Alberto Giacometti sind bei Sotheby's rund 74 Millionen Euro gezahlt worden. Was sagen Sie zu dem Preis?

Stecker: Es wollten anscheinend zwei oder drei diese Skulptur haben, und dann wird das so teuer. Wenn zwei das Gleiche wollen, bekommt es der, der mehr zahlt.

Ist der Preis denn gerechtfertigt?

Stecker: Es handelt sich um eine der wichtigsten Skulpturen des 20. Jahrhunderts, ganz klipp und klar. Ich w├╝rde es mal so sagen: Endlich ist der ├Ąsthetische Wert einer Skulptur des 20. Jahrhunderts einmal finanziell gegengespiegelt worden.

Dennoch haben selbst Experten mit diesem Ergebnis nicht gerechnet. Warum ist ausgerechnet der Preis f├╝r diese Skulptur derart durch die Decke gegangen?

Stecker: Sie ist ein Schl├╝sselwerk, weltweit bekannt. Denkt man an Giacometti, denkt man an den Schreitenden oder die Frau auf dem Wagen. Das ist bei anderen K├╝nstlern ├Ąhnlich. Denkt man an Picasso, denkt man an Les Demoiselles d'Avignon und Guernica, denkt man an Bacon, denkt man an das Kardinalsportr├Ąt, denkt man an Lehmbruck, denkt man an die Kniende. Das sind Signets geworden, und da der Markt mittlerweile global ist, m├Âchten auch die neu Hinzugekommenen finanziell nicht mehr so ganz armen L├Ąnder diese gesetzten Werte besitzen. So wie Frankreich die Mona Lisa besitzt.

Die neu Dazugekommenen – nicht wenige spekulieren, der K├Ąufer k├Ąme aus dem Ostblock. Gerade in Russland boomt der Kunstmarkt ...

Stecker: Das sind Spekulationen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass diejenigen, die dort sehr schnell sehr gutes Geld machen, sich jetzt auf einen Markt der klaren, bew├Ąhrten und eindeutigen Werte begeben.

Rechnen Sie denn damit, dass das Auktionsergebnis die Preise f├╝r Giacometti in die H├Âhe treibt?

Stecker: Ja, ohne Frage. Nat├╝rlich m├╝ssen wir im Lehmbruck-Museum jetzt unsere Versicherungspolicen ├╝berdenken, wir haben nun einmal gemeinsam mit den Freunden und F├Ârderern unseres Museums die gr├Â├čte Giacometti-Sammlung in Deutschland. Wir ├╝berlegen aber dennoch, unsere Sammlung durch ein Bild Giacomettis zu erweitern. Zum Gl├╝ck haben wir ein Agreement vor der Auktion mit einer Sammlerin und Leihgeberin unserer jetzigen Giacometti-Ausstellung getroffen. Die Auktion bedeutet ├╝brigens nicht, dass jetzt jede Giacometti-Auktion so wahnsinnig abgeht, aber es kann sein, dass die Preise noch weiter hochgehen. Denn wenn einmal eine solche Marke gesetzt ist – das ist Marktwirtschaft, das hat mit Kunst nichts zu tun –, dann m├Âchten eben viele auf der Gewinnerseite sein.

Die Alternative zur Erweiterung der Sammlung w├Ąre ja, Kunstwerke gerade jetzt zu verkaufen, so, wie es der franz├Âsische Abgeordnete Jean Fran├žois Mancel den Museen schon 2008 empfohlen hat, um ihre Finanzprobleme zu l├Âsen ...

Stecker: Ich glaube, Museen sind kollektive Ged├Ąchtnisse und sollten davon Abstand nehmen, sich in diese Gedankenwelt hineinzubegeben. Basta. Museen sind Tresore gesellschaftlicher Werte und Zeugnisse gesellschaftlicher Entwicklungen, daraus sollte nicht ausverkauft werden. Ich w├╝rde es lieber sehen, wenn aus solchen Gewinnen den Museen etwas zukommt. Dieser Giacometti, dieser Schreitende, war zweimal in Ausstellungen im Lehmbruck-Museum zu sehen, wir geh├Ârten zu den ersten – vor franz├Âsischen Museen –, die Giacometti gekauft haben. Die Museen haben mithin einen nicht unbetr├Ąchtlichen Anteil an solchen Wertsteigerungen. Aber sie d├╝rfen sich jetzt nicht dr├Ąngen lassen, finanziell durch Verk├Ąufe zu partizipieren. Das halte ich f├╝r fundamental falsch. Sie sollten lieber an die gesellschaftliche Verantwortung der heute Partizipierenden appellieren, diese gesellschaftlichen Tresore mit Werten unserer Zeit f├╝r die Zukunft zu erweitern.

Teilen Sie die Sorge einiger Kunsthistoriker, dass genau dieser Giacometti nun in der Versenkung verschwinden wird?

Stecker: Ich glaube an die Repr├Ąsentationsbed├╝rftigkeit derjenigen, die ihn jetzt ersteigert haben, um damit auch gesellschaftliche Anerkennung zu erzielen, sprich: ihn der ├ľffentlichkeit zug├Ąnglich zu machen. Und ich f├Ąnde es sch├Ân, wenn ich ihn in Zukunft am Schwarzen Meer oder in China oder wo auch immer sehe. Warum auch nicht? Es ist sehr schade, dass er nicht mehr in Deutschland ist, das ist klar. Aber die Commerzbank, die das Geld ja unter anderem f├╝r ihre Kulturstiftung erzielt hat, kann nun wieder helfen, Werke anzuschaffen, die zu unserem kollektiven Ged├Ąchtnis beitragen.

Manfred Meier-Preschany, der ehemalige Vorstand der Dresdner Bank, der f├╝r den Giacometti seinerzeit 750.000 Dollar ausgegeben hat, sagte k├╝rzlich, er habe ihn gar nicht als Spekulationsobjekt gekauft. Glauben wir ihm das einmal. Doch warum sammeln dann Banken, Versicherungen und andere Konzerne eigentlich Kunst?

Stecker: Unter anderem, weil in der Kunst immer noch dieser Nebel herrscht, unterst├╝tzt werden zu m├╝ssen. K├╝nstler legen das Gel├╝bde der Armut ab, hei├čt es. In den Museen sind die L├Âhne alles andere als ├╝ppig, Kunstjournalisten werden nicht so gut bezahlt wie Wirtschaftsjournalisten. Die sind froh, wenn sie einen Katalog bei der Ausstellung bekommen, Autojournalisten bekommen Autos f├╝r ein halbes Jahr zur Probe, frei, mit allen Geb├╝hren. In diesem Armutsnebel gibt es immer noch diese gro├čb├╝rgerliche Unterst├╝tzungsmentalit├Ąt – und das ist gut so!

... also das, was fr├╝her einmal M├Ązenatentum hie├č?

Stecker: Genau.

Das Ph├Ąnomen Geldanlage spielt nat├╝rlich dennoch eine Rolle, zumindest heutzutage ...

Stecker: Was ist Geld? Geld ist das gleiche wie Kunst. Der Brennwert eines Geldscheins ist gleich dem einer Zeichnung. Der ├Ąsthetische und Tauschwert ist abh├Ąngig von Vereinbarungen. Ich habe einmal einen Vortrag vor der Deutschen Bank gehalten und seinerzeit eine wunderbare Burg und ein Portr├Ąt beschrieben und gesagt: «Diese wunderbaren Bilder k├Ânnen Sie f├╝r 1000 Mark kaufen, denn ich habe Ihnen gerade den 1000-Mark-Schein beschrieben.» Lasst und doch das Geld einmal ├Ąsthetisch anschauen und nicht immer nur die Kunst unter Renditegesichtspunkten.

Die Commerzbank hat f├╝r die Versteigerung ja nicht gerade die beste Presse bekommen. Kann der Kunstmarkt also auch zum Imageproblem werden?

Stecker: Das wird da zu einem Imageproblem, wo Neid aufkommt. Und ich habe ganz, ganz gro├če Probleme mit dieser Neidgeschichte. Vor 30 Jahren haben sie diese Skulptur erworben und damit den Markt angekurbelt. Wenn wir uns zum Kapitalismus bekennen, was wir glaube ich zu ├╝ber 90 Prozent in Deutschland tun, dann ist das einfach der Lauf der Zeit, wenn solche Werke wieder auf den Markt kommen. Da soll man nicht neidisch sein, sondern froh. So sind 74 Millionen Euro wieder auf dem Markt – und durch die Stiftung der Bank auch auf dem Kunstmarkt.

Das hei├čt, Sie f├╝rchten nicht, dass der Giacometti der Beginn des gro├čen Ausverkaufs war?

Stecker: Was hei├čt Ausverkauf? Ich lebe seit 1988 in D├╝sseldorf und muss sehen, dass mindestens 30 kapitale Werke von Gerhard Richter, den ich k├╝nstlerisch gar nicht mal so wahnsinnig sch├Ątze, aus D├╝sseldorf und K├Âln in den letzten zehn, f├╝nfzehn Jahren ├╝ber amerikanische Galerien in internationale Sammlungen gekommen sind. Das ist Marktwirtschaft. Nur, weil es um den Idealismus Kunstwerk geht, jetzt eine Kapitalismuskritik aufzumachen, halte ich f├╝r unredlich.

Sie haben k├╝rzlich eine gro├če Giacometti-Ausstellung in Duisburg er├Âffent. Hat die Auktion Ihnen PR gebracht?

Stecker: Die Ausstellung ist unendlich gut besucht, es stehen Schlangen vor dem Museum, das hat es seit Jahren nicht mehr gegeben. Ich glaube, das ist auch auf das Auktionsergebnis zur├╝ckzuf├╝hren, vor allem aber auf den K├╝nstler und das Konzept der Ausstellung. Jetzt erlaube ich mir aber auch einen kleine Pressekritik: 254 Mal wurde das Lehmbruck-Museum in den Berichten ├╝ber die Auktion als gr├Â├čte Giacometti-Sammlung Deutschlands erw├Ąhnt. So viele Ergebnisse haben wir bisher ├╝ber die Ausstellung selber nicht. Wenn eine Ausstellung wissenschaftlich so brillant aufbereitet ist, wie die jetzige von Gottlieb Leinz, und sie bekommt weniger Pressezeilen als das Ergebnis einer Auktion, dann muss sich auch die Presse fragen, auf wessen Seite sie steht: auf der gesellschaftlicher Werte oder der spektakul├Ąrerer Auktionsergebnisse, die immer auch Spekulationsgel├╝ste sch├╝ren.

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zur├╝ck Weiter Arbus (Foto) Foto: news.de/Wikipedia (Montage) Kamera

 

Prof. Dr. Raimund Stecker, geboren 1957, ist seit Februar Leiter des Wilhelm Lehmbruck Museums in Duisburg und lehrt als Gastprofessor Kunstgeschichte an der Kunstakademie M├╝nster. Der Kunsthistoriker studierte in Bochum, Florenz und Hamburg. Er war unter anderem Direktor des Kunstvereins f├╝r die Rheinlande und Westfalen, gesch├Ąftsf├╝hrender Gr├╝ndungsdirektor des Arp-Museums Bahnhof Rolandseck und arbeitete als Kurator.

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