Karneval Japaner, Brasilianer und das Straßenparfum

Rio Karneval (Foto)
In Rio ist es zur Karnevalszeit heiß. Bild: dpa

Für Japaner ist Karneval vor allem schlechtes Benehmen, in Brasilien sind die Umzüge ein gesellschaftliches Event erster Güte. News.de zeigt, wie Japaner sich mit dem Kulturschock arrangieren und was Rio derzeit am meisten beschäftigt.

Wenn in Deutschland Kostümierte aus den Kneipen fallen und eine Prunksitzung die nächste jagt, reiben sich viele Ausländer verwundert die Augen. Zum Beispiel die 11.000 Japaner im Rheinland. Für viele ist das, was zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch passiert, einfach «schlechtes Benehmen».

Den Asiaten fällt es schwer, sich mit dem Trubel und Lärm des Straßen- und Kneipenkarnevals zu arrangieren. «Dieser selbstvergessene Zustand ist mir fremd, das ist nichts für mich», sagt Michiko Ariga. «Sich erst verrückt zu machen mit viel Alkohol und danach zu fasten, jedes Jahr nach demselben Rhythmus, das macht keinen Sinn.» Ihre Freundin Kiyoko meint: «Ein Kulturschock. Die voll alkoholisierten Frauen, die jeden küssen. Dass man sich so eine Woche lang verhalten kann, ist ein bisschen abscheulich.»

Karneval
Außer Rand und Band

Hajime Takatsuka, Direktor bei der japanischen Außenhandelsorganisation Jetro, mag die einfallsreichen Umzugswagen, die feierliche Stimmung. Aber kein Fest in seiner Heimat sei dem Karneval ähnlich. Ganz anders geht es den Südamerikanern in Deutschland. Wer den Karneval in Rio de Janeiro erlebt hat, findet es im Rheinland wohl vor allem eins: kalt.

In Rio ist es heiß, und hot sind auch die Umzüge in der brasilianischen Karnevalshochburg. In diesem Jahr steht eine Siebenjährige in den Schlagzeilen: «Samba-Queen» Júlia. Die Kleine soll am Wochenende bei dem weltberühmten Defilee der wichtigsten Sambaschulen in Rios Sambódromo die Gruppe «Unidos do Viradouro» anführen, deren Präsident ihr Vater Marco ist. Eigentlich ist die Rolle der «Samba-Königin» jungen Frauen vorbehalten, die mit Sexappeal und knapper Kleidung ihren Gruppen vorwegtanzen.

Verkleidung
Aussehen wie Ingo Appelt als Britney

Der Fall beschäftigt auch das Jugend- und Kindergericht der brasilianischen Stadt. Man befürchtet, dass die üblichen Attribute einer Samba-Queen, eben Erotik und Sinnlichkeit, auf ein erst sieben Jahre altes Mädchen übertragen werden könnten, das diese Dimension noch nicht erfassen kann. Júlias Eltern sind fassungslos. Sie wollen ihrer Tochter die hochbegehrte Rolle der «Rainha de bateria» nicht verwehren und können den Wirbel nicht verstehen. «Sie wird sich anziehen wie ein Mädchen ihres Alters... Ich würde meine Tochter doch nie in erotische Kleidung stecken», sagte Vater Marco.

Júlia soll vor allem durch ihre Kindlichkeit der Truppe von «Unidos do Viradouro» wichtige Punkte bringen im heiß umkämpften Wettstreit um die Krone von Rios bester Sambaschule. «Die Kinder sind die Zukunft der Sambaschulen», verteidigte ein Vereinsfunktionär die Rolle Júlias.

Aber nicht nur die angemessene Portion Sex-Appeal beschäftigt die Jecken in Rio. Auch der Toilettengang ist ein wichtiges Thema: Auch wer beim öffentlichen Urinieren erwischt wird, wird abgeführt und wegen eines «obszönen Aktes» auf die Wache gebracht. Schon am vergangenen Wochenende wurden bei Vor- Karnevalsumzügen in der Stadt am Zuckerhut etwa 50 Straßenpinkler festgenommen, die aus Not oder Faulheit keine öffentliche Toilette aufsuchten.

«Es kann nicht angehen, dass jemand eine öffentliche Straße oder eine Haustür als öffentliches Klo benutzt», wetterte Rios Behördenleiter für öffentliche Ordnung, Rodrigo Bethlem. Schließlich sei die Zahl der Chemie-Klos in den karnevalistischen Hochburgen der Stadt im Vergleich zum Vorjahr auf 4000 erhöht und damit vervierfacht worden. «Die Leute sollen ihren Spaß haben, aber bitte mit Anstand.»

Nach den Umzügen schlägt die Stunde der Reinigungstrupps, die nicht nur Flaschen, Dosen, Becher und sonstigen Unrat einsammeln. Die Straßen werden auch «parfümiert», um etwaigen unangenehmen Urin- Geruch zu neutralisieren. Benutzt wird dabei eine Mischung aus Eukalyptus-Essenz und Reinigungsmitteln. Die Straßen seien nach dem Umzug «sauber, parfümiert und wohlduftend», so die städtische Reinigungsgesellschaft Comlurb.

iwi/car/reu/news.de/dpa

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