Schlussverkauf Das Raubtier am Wühltisch

Wühltisch (Foto)
Im Auge des Tigers: der Wühltisch. Bild: dpa

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin , Leipzig
Wir haben das Internet, Outlet-Läden und Schnäppchen überall. Aber die schönsten Wühltische gibt es doch im Winterschlussverkauf. News.de hat herausgefunden, warum manche Angebote den Menschen zum Tier machen.

Scheinbar zufällig betritt die Kundin den Laden. Mit gelangweiltem Blick steuert sie auf den unordentlichsten Tisch im ganzen Verkaufsraum zu. Tausendmal geübt der Griff, mit dem sie dort ein blitzschnell geortetes Objekt aus dem Haufen zieht, es an ausgestreckten Armen vor sich hält, für Sekundenbruchteile genau taxiert und wieder zu den anderen gleiten lässt. Zehnmal wiederholt sie den Vorgang, dann ist das Potential des Wühltischs erschöpft.

Aber nebenan steht gleich der nächste. «Die Leute sind bequem. Sie wollen mit wenig Aufwand viel bekommen. Im Schlussverkauf ist alles mögliche aufgebaut, was günstig ist, da können sie mehrere Taschen rausschleppen und haben besonders viel gespart», beschreibt Werner Grimmer, Psychologe bei Psychonomics, das Phänomen Schnäppchenjagd. «Alles was schwarz ist» greift die Kundin bei Zara sich heraus. Direkt auf der Jagd sei sie nicht - aber man kann ja mal schauen. «Eigentlich brauche ich nichts. Der Schrank ist voll.»

Winterschlussverkauf
Ziel: Schnäppchen schnappen

Kaufen, was wir nicht brauchen, nur so brummt der Konsum. Besonders drastisch zeigt sich das Ungleichgewicht immer dann, wenn es viel für wenig gibt. Da machen wir alle irgendwie mit. «Es spielt auch die soziale Komponente eine Rolle: Das Wissen, dass man teure Dinge günstiger einkauft, wertet einen auf, damit kann man sich in Szene setzen», erklärt Grimmer. Und ein bisschen Evolutionspsychologie dürfe natürlich auch bei einem so urmenschlichen Bedürfnis wie dem Schnäppchen nicht fehlen: «Der Kampf ums Überleben steckt immer noch in uns: schneller zu sein als andere.»

Trotz Niedrigstpreisen lieber vergleichen

Der große Run kommt an den Wochenenden, unter der Woche wird zivilisiert gewühlt - da bleibt auch die Muße, auf Qualität zu achten. «Als DDR-Bürger hat man immer den Vergleich von Qualität und Preis im Auge», verkündet ein Rentner, der unauffällig taxierend durch den Leipziger Karstadt schlendert. Er habe schon viele schwarze Schafe entlarvt.

Das kritische Auge auch bei der Schnäppchenjagd offenzuhalten, empfiehlt auch Carolin Uhrig von der Verbraucherzentrale NRW. «Selbst, wenn noch so große Preisnachlässe angeboten werden, sollte man vergleichen, ob das Produkt nicht sowieso auf dem Markt für diesen Preis erhältlich ist», rät sie.

Die Tricks und Kniffe der Unternehmen sind nicht neu. «Vorher 49,90, jetzt 14,99» steht auf dem Schild mitten im Wühltisch. Die meisten Klamotten haben nie mehr als 25 Euro gekostet. Oder die «70 Prozent» über den Passionata-BHs, die von 39,90 auf 19,90 runtergesetzt sind. Oder die Schildchen mit dem Sonderpreis, die gleich zweimal übereinander geklebt werden, damit es nach mehrfacher Reduzierung aussieht.

Die preiswerten Passionata-BHs sind übrigens rot, gleich nebenan stehen blaue. Die sind nicht runtergesetzt, die neue Kollektion ist zum vollen Preis zu haben. «Die Leute steuern aber genau auf die Angebote zu. Der Effekt ist höchstens, dass sie sich schon mal merken, was es noch Schönes gibt», meint die junge Verkäuferin im Karstadt. Auch Grimmer hält diesen Trick für wenig verfänglich. «Solange die Leute die Sachen bekommen, ist das nicht tragisch.» Mürbe mache die Kunden, wenn die vermeintlichen Angebote bewusst knapp bemessen und damit immer schon ausverkauft seien. «Sie haben sich darauf vorbereitet, etwas zu kaufen, und werden so verführt, andere Dinge mitzunehmen», erklärt er.

Wollen wir verschaukelt werden?

Lassen wir uns denn wirklich noch verschaukeln? «Jein», meint der Psychologe. Zwar gebe es mehr Aufklärung, «aber ich weiß auch, dass ich bei Ebay am Ende mehr biete, als ich vorhatte, und mache es trotzdem», erklärt er, warum die Taktik im Kaufrausch dennoch aufgeht.

Überhaupt - Ebay, das Internet und die generelle Tendenz zu Outlet- und Schnäppchen-Märkten hätten den Saisonschlussverkäufen den Zahn ein bisschen gezogen. Wer online bietet, muss seinem Gegenüber am Wühltisch nicht mehr in die Raubtieraugen blicken. Doch der Mensch bleibt Mensch, erklärt Grimmer: «Es ist anonymer, aber das Gefühl, es jemandem weggeschnappt zu haben, bleibt dasselbe.»

seh/ivb/news.de

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