Tief «Daisy» «Es geht nichts mehr»

Deutschlands Nordosten hat schwer mit Tief «Daisy» zu kämpfen. Im Landkreis Ostvorpommern wurde der Katastrophenalarm ausgerufen. Zahlreiche Autofahrer stecken fest.

«Es geht nichts mehr» (Foto)
Autofahrer haben momentan in Deutschland nichts zu lachen. Bild: ddp

Sturmtief «Daisy» hat Autofahrer und Bahnfahrer in Vorpommern eiskalt erwischt. Hunderte saßen in der Nacht zu Sonntag in ausgekühlten Fahrzeugen fest. Um 3 Uhr machte sich Kraftfahrzeug-Mechaniker Ronny Schöning von Gützkow auf den Weg nach Grimmen, um eine dringend benötigte Motorsteuerkette abzuliefern. Wenige Kilometer später endete die Fahrt im Schneechaos. Ein quergestellter Lkw versperrte dem 35-Jährigen an der Auffahrt der Autobahn A 20 den Weg. «Es ging nichts mehr», berichtet er.

Für eine Umkehr war es zu spät. Ronny Schöning, der sich an den Katastrophenwinter 1978/79 erinnert fühlte, setzte einen Notruf ab und kroch bei dem Lasterfahrer in der Fahrerkabine unter. Fast sechs Stunden dauerte es, bis das Technische Hilfswerk (THW) an die Spitze des inzwischen 30 Autos langen Staus vordrang und seinen Golf, der bis zur Dachkante im Schnee steckte, mit einer Schneefräse befreite.

Winterwetter: Weiße Pracht und eisige Temperaturen

Vorpommern ist nach Einschätzung von Wetterexperten in Deutschland am stärksten von den bitterkalten Wetterkapriolen betroffen. Weniger die Schneemassen, sondern die enormen Sturm- und Orkanböen sorgten an der Küste zwischen Rügen, Usedom und dem küstennahen Festland für einen Ausnahmezustand. «Über der flachen Ostsee konnte Sturmtief «Daisy» richtig an Geschwindigkeit gewinnen und von Nordost auf die Küste drücken», sagte Juliane Pestel vom Wetterdienst Meteomedia.

Am Kap Arkona peitschte sich «Daisy» zu Orkanspitzen von 122 Kilometern pro Stunde hoch, am vorpommerschen Festland erreichte das Tief immerhin noch Sturmgeschwindigkeiten von 83 km/h. Zum Teil türmten sich Schneewehen bis zu drei Meter hoch wie in Wittow auf Rügen. Viele Ortschaften waren nicht erreichbar. Zwischen Greifswald und Stralsund sorgte seit Samstagabend ein entgleister Zug für Stillstand auf den Gleisen, die Bundesstraße zwischen den Städten war auch am Sonntag nicht befahrbar.

Katastrophenalarm in Ostvorpommern

Der Landkreis Ostvorpommern rief Katastrophenalarm aus. Das Land rief einen Sonder-Führungsstab zusammen, um die Arbeiten der Einsatzkräfte zu bündeln. Auf der A20 musste ein Konvoi von 30 Autos und 22 Lastwagen von einem Parkplatz heruntergeleitet werden.

Hunderte Autofahrer saßen in der Nacht in Fahrzeugen fest - unter ihnen auch eine junge Mutter mit einem sechs Wochen alten Baby. Die Urlauberin - auf dem Rückweg von der Insel Usedom - und ihr Säugling wurden nach mehreren Stunden in der Kälte unversehrt von Kräften des Technischen Hilfswerks gerettet. «Absolut verantwortungslos», nannte Polizeisprecher Axel Falkenberg die Fahrt der jungen Frau.

Auf dem Rügenzubringer bei Miltzow blieben seit Samstagabend unzählige Autos in meterhohen Schneeverwehungen stecken, auch der polnische Lasterfahrer Franek Suscevie. In den 40 Jahren, die er als Berufskraftfahrer unterwegs sei, habe er so etwas noch nicht erlebt, erzählt er entnervt. Autos hätten ihn unvernünftigerweise überholt und wären dann auf der Straße vor ihm liegen geblieben.

Hilfskräfte im Dauereinsatz

Von Sonntagmittag an hatten die Hilfskräfte von Feuerwehr, Polizei und THW mit einem weiteren Problem zu tun. Ihnen ging der Kraftstoff aus, die Hilfsfahrzeuge mussten selbst auf Hilfe warten. Bereits am Samstagabend war in Nordvorpommern ein Autofahrer bei schneeglatter Straße gegen zwei Bäume geprallt. Der 29-jährige Fahrer und sein Beifahrer starben noch an der Unfallstelle.

In Vorpommern liefen noch am Samstagabend verschiedene Hilfsaktionen an. So fanden fast 300 Menschen in Gützkow und Jarmen ein Notquartier. Die Mitarbeiter des Schullandheimes in Gützkow beherbergten bereits in der Nacht 30 Autofahrer. Weitere strandeten am Sonntagvormittag in der Einrichtung.

«Wir haben Betten bezogen, die Betroffenen mit warmen Getränken und mit Essen versorgt», berichtet Petra Sommer. Ein benachbarter Einkaufsmarkt - obwohl am Wochenende geschlossen - versorgte das Schullandheim mit Proviant. «Die Stimmung ist gefasst», beschreibt die Helferin die Atmosphäre. Viele Autofahrer wollen abwarten, bis sich die Lage entspannt.

Wetterdienst und Polizei appellierten an die Autofahrer, ihre Fahrzeuge stehen zu lassen. Im gesamten Vorpommern - von Rügen über Usedom, Anklam, Greifswald und Stralsund - seien Nebenstraßen voraussichtlich bis Montag nicht passierbar. Auch zu Wochenbeginn sei an den Küstenbereichen weiterhin mit heftigem Wind zu rechnen.

sgo/nak/news.de/dpa

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