Stevia Konkurrenz für den Zucker

Stevia (Foto)
Süßen ohne Reue: mit der Pflanze Stevia soll das möglich sein. Bild: dpa

Von Susanne Donner
Eine Pflanze aus Südamerika könnte Übergewichtigen Hoffnung geben: Stevia. Sie senkt den Blutzuckerspiegel, hat keine Kalorien und ist dazu noch 40 mal süßer als Zucker.

Für den argentinischen Bauern Carlos Haigis gibt es keinen Matetee ohne Steviablätter. Das Süßkraut verleiht dem leicht bitteren Muntermacher die angenehme Süße. Dafür braucht es nicht viel. Ein Blatt ersetzt einen Zuckerwürfel. Das Grün ist 40 mal so süß wie Zucker. Gemeinsam mit seinem Sohn betreibt Haigis nahe der Stadt Mercedes in Argentinien einen landwirtschaftlichen Betrieb. Er möchte Stevia für den Export anbauen, für die USA, vielleicht auch für Europa.

Haigis weiß: Im Ausland ist die Begeisterung für Stevia groß. Das Honigkraut, wie es auch genannt wird, hat kaum Kalorien, befördert keine Karies und enthält sogar Stoffe, die Zahnbelag verhindern. Steviafans feiern das Kraut als Erlösung vom Dickmacher Zucker, eine Wonne der Natur, der man hemmungslos frönen kann. Sie stützen sich dabei gerne auf kulturelle Tradition. In Paraguay und der Grenzregion Brasiliens schlürfen Indianer ihren Matetee seit über 500 Jahren versüßt mit dem Honigblatt.

Im Juli 2008 erklärte ein Expertenausschuss der Weltgesundheitsorganisation den Süßstoff aus der südamerikanischen Pflanze für unbedenklich. Vorausgesetzt, dieser ist mindestens zu 95 Prozent rein und es werden weniger als vier Milligramm am Tag je Kilogramm Körpergewicht verzehrt. Wohl gemerkt, bei diesen Zahlen dreht es sich nicht mehr um das Grün, sondern um ein chemisch extrahiertes weißes Pulver, das wie Puderzucker auf Kuchen rieseln oder in den Kaffee gestreut werden kann.

Die Schweiz bewilligte im August 2008 Lebensmittel mit der neuen Süße. Auch Australien öffnete dem weißen Pulver Fabrik- und Ladentüren und die USA ließen den Süßstoff als Nahrungsergänzungsmittel zu. Im August 2009 erteilte schließlich Frankreich eine vorläufige Genehmigung.

Die US-Lebensmittelgiganten Cargill und Merisant haben einige hundert Millionen Dollar in die Produktion des Steviapulvers investiert. Schon sind in den USA Steviapillen bei Kaffeetrinkern in Mode. In der Schweiz kann man Kräuterbonbons mit der grünen Süße lutschen.

Nur in der EU sei so viel Fortschritt nicht möglich, klagt der Europäische Steviaverband. Produkte gibt es - mit Ausnahme von Frankreich - hier allenfalls als Badezusatz oder Kosmetikum. Der Süßstoff gilt nämlich per Verordnung als neuartiges Lebensmittel, das streng geprüft werden muss. Einstweilen darf es nicht verspeist werden. Daran muss sich auch die zuständige Europäische Lebensmittelbehörde halten.

«Wenn das Produkt auf dünner Datenbasis zugelassen wird, gibt es Leute, die automatisch dagegen sein werden, weil sie zu Recht sagen können: Die Genehmigung wird der Großindustrie hinterhergeworfen», gibt Udo Kienle, Steviaexperte von der Universität Hohenheim in Stuttgart, zu bedenken. Seit fast 30 Jahren forscht er an dem Honigkraut. Auf den Geschmack kam Kienle, als ihm ein Freund ein paar Blätter aus Südamerika zum Probieren mitbrachte. Vor den Toren des Instituts für Agrartechnik wächst inzwischen die 70 Zentimeter hohe Pflanze mit ihren brennesselähnlichen haarigen Blättern in Gewächshäusern.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die EU Stevia so streng prüft

Die Strenge, mit der Stevia in der EU geprüft wird, kommt nicht von ungefähr: 1999 haben sich die Experten schon einmal mit dem südamerikanischen Gewächs auseinandergesetzt. Dabei gaben die vorgelegten Studien Anlass zu Bedenken, vor allem in zwei Punkten: Ein Abbauprodukt aus dem Süßstoff, das Steviol, greift sowohl in Zellkulturen als auch in Tieren das Erbgut an.

Die Gutachter forderten eine weitere Studie, um ein Risiko für den Menschen auszuschließen. Daneben hemmt die Süße aus der Pflanze in mehreren Untersuchungen die männliche Fruchtbarkeit. Es bildeten sich weniger Spermien. Auch die Indianer wissen wohl um diese Wirkung: In der indigenen Bevölkerung Paraguays wird ein Aufguss als natürliches Verhütungsmittel gepriesen.

«Es gibt einen sehr guten Grund, weshalb die Substanz bisher nur in extrem geringen Mengen eingesetzt werden darf», führt Kienle aus. Deshalb kann auch kein Hersteller sein Getränk alleine mit Stevia süßen. Immer tauchen Zucker oder Zuckerersatzstoffe wie Aspartam zusätzlich auf der Verpackung auf.

Doch der europäische Steviaverband verdächtigt die Zuckerlobby, eine Zulassung auf EU-Ebene zu blockieren. Kienle hält das für ausgemachten Humbug, die Fakten sprächen dagegen. In Deutschland haben Zuckerunternehmen schon vor 20 Jahren an Stevia geforscht, waren aber damals mit dem leicht lakritzeartigen Geschmack nicht zufrieden. Die Verfahren zur Herstellung sind sehr ähnlich. Heute produziert der US-Hersteller Cargill neben Zucker zusätzlich Steviasüßstoff. «Die Zuckerindustrie hat großes Interesse an dem Produkt. Die können damit ein weiteres Marktsegment erschließen und dort, wo der Zuckerverbrauch zurückgeht, ein modernes Süßungsmittel ohne Kalorien anbieten», erklärt Kienle.

Das Kraut ließe sich sogar hierzulande pflanzen. Im Freiland wäre zwar nur eine Ernte im Jahr möglich, aber Yaroslav Shevchenko vom Institut für Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie der Universität Berlin hat schon eine Stevia-Sprossenkultur gezüchtet, die zehn Mal im Jahr geschnitten werden kann. Sie soll in einem Bottich mit mehreren Etagen, einem Bioreaktor, unter Kunstlicht wachsen. Shevchenko sucht nun einen Partner, der sich für den Bau einer Pilotanlage erwärmt.

Die Industrie hält sich zurück. Hinter verschlossenen Türen tüftelt sie an neu gesüßten Snacks und Speisen. «Fast alle größeren Lebensmittelunternehmen machen zurzeit Versuche mit Stevia», weiß Kienle. Seine Veranstaltung «Stevia ante portas» lockte im Oktober vergangenen Jahres 130 Unternehmensvertreter an. Fabrikanten für Schokolade, für Bonbons, Getränke, Molkereiprodukte und Backmischungen.

Das weiße Pulver könnte also bald beliebtes Naschwerk wie Gummibärchen bis hin zu Alltagsgetränken wie Limo süßen. Statt etlicher Würfel Zucker verzehrt der Durchschnittsbürger dann vielleicht einige Messerspitzen Steviasüßstoff am Tag. Sollte da Nachlässigkeit oder Nachsicht bei der Zulassung geübt werden? «Das muss schon alles ordentlich geprüft werden», findet Shevchenko.

Ob die neue Süße in der EU genehmigt wird, kann noch niemand sagen. Im März will sich die Europäische Behörde erneut äußern. Angesichts der Studien wird sie jedenfalls keinen unbegrenzten Einsatz des Süßstoffs erlauben und zumindest einen Grenzwert festlegen, mutmaßen Experten.

car/news.de/ddp

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Martin Schuh
  • Kommentar 1
  • 22.07.2011 13:04

Alle bitte mal herhören (lesen..)wer Kontakte zur Finanzwelt hat bzw.zu Förderprogrammen der EU, WHO etc.. melde sich bitte bei obiger mail-adresse, Hr.Schuh lotet gerade aus, ob Familie Felber in Paraguay recht behält, daß man für STEVIA-Anbau € 200-500.-Tsd. benötigt, da es keinerlei Förderungen hierfür gäbe. STEVIA wird jedoch wie heute Gold, Silber oder Seltene Erden enormes Potential entfalten, ähnlich wie ein Waschmittelkonzentrat zu herkömmlichem Pulver, oder Essig-Essenz im Verhältnis zu klassischem Essig. Auch Agrar-Rebell Sepp Holzer ist über STEVIA informiert, Antwort ausstehend...

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