Datumsgrenze Im Pazifik ist gestern und morgen gleichzeitig

Roland Kubik kann jedes Jahr zweimal Geburtstag feiern - und in diesem Jahr zweimal Silvester. Denn er lebt zwischen gestern oder morgen, direkt an der Internationalen Datumsgrenze im Pazifik. Dort ist das Thema Zeit nicht ganz schön kompliziert.

Datumgrenze (Foto)
An der Datumsgrenze sieht es zu Silvester ungefähr so aus. Bild: dpa

Wenn auf der Insel Samoa in der Südsee am Silvesterabend die Sektkorken knallen, ist der Neujahrstag auf Tonga ein paar Inseln weiter schon 24 Stunden alt. Zwischen den Inseln im Pazifik liegen rund 900 Kilometer. Sie haben zwar die gleiche Uhrzeit, aber andere Wochentage. Will heißen: von Tonga aus gesehen ist es am Freitag noch gestern auf Samoa, also Donnerstag. Die Samoaner können ihrerseits am Freitag die Freunde in Tonga schon «morgen» anrufen, also Samstag, weil es dort auf dem Kalender immer einen Tag später ist. Verwirrt?

Es funktioniert so: Vom Nullmeridian durch Greenwich in London wird die Uhrzeit rund um den Globus berechnet: nach Westen wird es immer früher, nach Osten später. Silvester um 11 Uhr in London ist es in Deutschland schon 12 Uhr, in Singapur 19 Uhr und auf Tonga Mitternacht. Westlich von London, auf den Azoren etwa, ist es dann erst 10, in New York erst 6 Uhr, an der US-Westküste 3 Uhr und auf Samoa bricht der Tag mit 0 Uhr gerade erst an. Zwischen Tonga und Samoa verläuft die internationale Datumsgrenze.

«Da kann man zum Beispiel leicht zwei Tage hintereinander Geburtstag feiern», sagt der in Bremen aufgewachsene Ronald Kubik (71), der erst jahrelang auf Tonga lebte und jetzt in Samoa zu Hause ist. Der fußballbegeisterte Fotograf hat die imaginäre Linie hunderte Male überquert und zweimal ganz bewusst: «1978 an meinem 50. Geburtstag und 1988 an meinem 60. bin ich von Tonga nach Samoa geflogen und habe zweimal gefeiert», sagt er. Geburtstagsmuffel können sich die Lage natürlich auch zunutze machen: wer auf Samoa an seinem Geburtstag ganz früh die Koffer packt und die gute Stunde nach Tonga fliegt, kommt an, wo das gefürchtete Datum längst vorbei ist.

Die Sache mit dem verlorenen Tag hat die Crew des ersten Weltumseglers Ferdinand Magellan 1522 gehörig erschreckt: die Überlebenden der Expedition, die 1519 in Sevilla in Richtung Westen aufgebrochen war, hatten akribisch Logbuch geführt und fürchteten um ihr Seelenheil, als sie zurück in Portugal feststellten, dass sie einen ganzen Tag verloren hatten. Vergnügter war Phileas Fogg im Jules Vernes Roman «In 80 Tagen um die Welt»: er wähnte seine Wette bei der Rückkehr nach London verloren, ehe ihm klar wurde, das er bei seiner Weltumrundung in östlicher Richtung einen Tag gewonnen hatte.

Vorsicht bei Reservierungen

Wer an der Datumsgrenze Urlaub macht, muss aufpassen, beim Buchen von Hotels etwa. Urlauber, die am 30. Dezember von Tonga nach Samoa fliegen, brauchen dort ein Zimmer für den 29. Wer aber am 30. Dezember in Samoa ist und in umgekehrter Richtung fliegt, sollte tunlichst für den 31. reserviert haben. Die Einheimischen sind alte Hasen im Umgang mit der Zeit. «Es gibt manchmal Verwirrung, wenn wir mit Verwandten in Neuseeland telefonieren», sagt Vize-Premierminister Misa Telefoni. Um dort pünktlich ein frohes neues Jahr zu wünschen, müssten die Samoaner schon am Silvestermorgen zum Hörer greifen.

Richtschnur für heute, gestern, morgen ist mehr oder weniger der 180. Längengrad. Im Norden beult sie sich nach Osten aus, damit ein Teil Sibiriens Russland nicht einen Tag hinterherhinkt, und weiter südlich macht sie einen Bogen nach Westen, um zu verhindern, dass die amerikanischen Aleuten-Inseln dem Mutterland einen Tag voraus sind.

Und dann ist da noch Kiribati. Bis 1995 lief die Datumsgrenze mitten durch das Inselreich im Pazifik, dessen Atolle in Ost-West- Ausdehnung über fast 5000 Kilometer verteilt sind. Dann beschloss die Regierung, sich ganz nach Westen zu orientieren. So liegt die Insel Kiribati zwar östlich der Datumsgrenze, gehört zeittechnisch aber in die westliche Hemisphäre und ist Deutschland 14 Stunden voraus.

Nachbarinseln argwöhnten, dass Kiribati die Umstellung nur vornahm, um sich als Land vermarkten zu können, das als erstes das neue Jahrtausend begrüßte. Kiribati macht es auch möglich, dass von 10 bis 12 Uhr deutscher Zeit gleich drei verschiedene Daten auf der Welt gelten: am 31. Dezember kurz nach 10 Uhr in Deutschland ist es auf Kiribati kurz nach Mitternacht und damit 1. Januar, während es auf Samoa erst kurz nach 22 Uhr am 30. Dezember ist.

iwe/iwi/news.de/dpa

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