Evolution in Aktion Manchmal muss es schnell gehen

Evolution ist mehr als ein abstrakter Langzeitplan, sie passiert ständig und ohne Unterlass. Ob in Kannibalen-Genen, in der E.Coli-Farm im Weckglas, oder in Millionen Jahre alten Fossilienfunden - die Evolution kann man bei der Arbeit beobachten.

Charles Darwin (Foto)
Mit der Theorie, der Mensch stamme vom Affen ab, wirbelte Charles Darwin vor 150 Jahren das Weltbild durcheinander. Bild: ddp

Die Evolution ist ein komplexer Prozess, der oft für einen abstrakten, Jahrmillionen währenden Vorgang gehalten wird, den man empirisch nicht nachvollziehen könne. Zu theoretisch, zu konzeptionell, um ihre Auswirkungen hier und heute sehen zu können, heißt es. Und tatsächlich ist Evolution vordergründig eine Theorie, eine Idee, die erklärt, warum das Leben so vielfältige Formen kennt und ständigen Veränderungen unterworfen ist.

Sie ist Sammelbegriff und Erklärmodell für universelle Vorgänge und Muster der Natur, wie die genetische Vielfalt innerhalb einer Spezies (Genvarianz), die steten Anpassungen an den Lebensraum (Adaption), die hierarchische Baumstruktur aller lebender Arten, die auf gemeinsame Vorfahren schließen lässt (Divergenz) und schließlich die schlichte Tatsache, dass neue Arten aus bestehenden hervorgebracht werden und auch wieder aussterben können – wie abertausende Fossilienfunde eindrücklich belegen.

Charles Darwin: Schöpfer der Evolutionstheorie

Gendrift und Adaption sorgen im Zeitverlauf für Darwins natürliche Auslese; dafür, dass die am besten angepassten Arten tatsächlich bestehen. Doch jeder Langzeitprozess ist die Summe zahlloser kleiner Entwicklungen, die sich durchaus beobachten lassen, auch hier und heute. Evolution ist Theorie und Fakt, lautet folglich ein oft zitierter Sinnspruch der Evolutionsforscher.

Wie der Paläontologe Stephen J. Gould formuliert: «Also, Evolution ist eine Theorie. Sie ist zugleich eine (beobachtbare) Tatsache. Tatsachen und Theorien sind allerdings unterschiedliche Dinge, nicht Sprossen auf einer hierarchischen Treppe steigender Gewissheiten.»

Ardi als Jubiläumsgeschenk

Für Charles Darwins wissenschaftliches Vermächtnis dürfte die Präsentation des Urmenschen Ardi im Darwin-Jubiläumsjahr das schönste Geschenk gewesen sein, wurde doch seit Lucy mit einem einzigen Skelettfund das Bild der Menschwerdung nie so revolutioniert wie 2009. Und die Fossilienfunde sind nun mal Fakten – keine abstrakten Ideen.

Anders gesagt, Fossilienfunde und empirisch nachgewiesene Phänomene verschwinden nicht deswegen, weil man das Erklärungsmodell nicht mag. Der Mensch hat sich aus affenähnlichen Vorfahren entwickelt, ganz gleich, ob er dies anhand des von Darwin postulierten Mechanismus oder eines bisher unentdeckten Mechanismus getan hat. Die Evolutionsbiologie und Populationsgenetik kennt zahllose Beispiele, anhand derer sich Evolution in Aktion erkennen lässt.

Und manchmal kann die Evolution auch ganz schnell gehen, wortwörtlich einen evolutionären Sprung machen, wie im Falle der amerikanischen Eidechsen, die sich aufgrund der Verbreitung giftiger Feuerameisen genötigt sahen, Verhalten und genetische Ausstattung zu ändern. Ihr zunächst untypisches Ameisenabschüttelverhalten hat sich innerhalb von ein paar Jahren zum Standardbenehmen gemausert, nicht zielgesteuert, aber aus gutem Grund.

Mutierende Bakterien

Und Bakterien, die binnen weniger Generationen Antibiotika-Resistenzen entwickeln, und Viren, die rasant mutieren können, beschäftigen nicht nur im Darwinjahr ganze Zweige der Pharmaforschung und Epidemiologie. Doch die eindrücklichsten Beispiele für Live-Evolution kommen aus der Forschung mit kurzlebigen Kleinorganismen.

Forscher können mittels künstlicher Auslese evolutionäre Prozesse nachstellen, und so die evolutionäre Auslese fast in Echtzeit durchspielen – manchmal ohne selbst zu wissen, wo die Reise hingeht. Ein solcher Forscher ist Richard Lenski, der seit 1988 in seinem Labor an der Michigan State University an einer ganzen Sippe des gemeinen Darmbakteriums E. Coli forscht in seinem Labor gezüchtet hat. Gut 44.000 Generationen später hat sich die E. Coli-Kolonie in ein ganz anderes Bakterium verwandelt, das den Lebensbedingungen in einer Glasflasche in einem amerikanischen Labor besser angepasst ist als denen im menschlichen Darm. So sind Lenskis E.Colis von Glukosefressern zu Citratfressern mutiert, alles in einem recht überschaubaren Zeitrahmen.

Beim Menschen sind Fälle bekannt geworden, in denen eine genetische Anpassung zügig vonstatten geht. Gruseligstes Beispiel jüngeren Datums ist eine Genvariante, die vor den Folgen von Kannibalismus schützt: da der Papua-Stamm Fore regelmäßig die Gehirne ihrer Toten verspeiste, starben sie zu Tausenden an Kuru – einer Hirnkrankheit, die nur über das Essen infizierter Hirnteile übertragen wird und sich wegen der Bräuche der Fore immer wieder weiterverbreiten konnte.

Erst kürzlich entdeckten Forscher bei den Fore eine Genvariante, die gegen Kuru wirkungsvoll immunisiert. Das Anti-Kuru-Gen, das sich binnen kürzester Zeit durchsetzte, gilt jetzt schon als Klassiker der «Evolution in Aktion» und als Paradebeispiel dafür, wie schnell und wirkungsvoll evolutionäre Anpassungen sein können, wenn es nötig ist.

kat/car/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • tomahawk
  • Kommentar 2
  • 24.11.2009 23:08

Solche Genveränderungen haben wir täglich. Heute noch mutiren in Vietnam Menschen an den Folgen des Wald entlaubendes Giftes. In Japan werden heute noch A-Bomben Geschädigte geboren und es erkranken immer noch Menschen an sden Folgen der Panzerbrechenden A-Munition. Warum eigentlich bid zu den Kannibalen gehen?

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  • skeptiker
  • Kommentar 1
  • 24.11.2009 19:50

Die mutierten Grippeviren ... Wer's glaubt. Trilobiten galten als ausgestorben und wurden lebend wiedergefunden - in unveränderter Form. Sprich: Genauso wie die Versteinerungen. Wo ist die Weiterentwicklung? Selbst Bakterienkulturen sind noch nicht zu Ameisen "mutiert". Irgend sowas müßte doch im Laufe der Zeit mal passieren? Ich weiß schon: Wir müssen ein paar Millionen Jahre warten. Ist ja auch logisch! Wieviel Billionen Jahre brauchen wir dann jedoch bis zum Menschen? Warum sprechen eigentlich die Mendelschen Gesetze gegen die Evolution? Man nimmt es einfach als gegeben hin ... viele Grüße.

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