Menschen mit Behinderung Aufs Ohr geküsst

Der Titel klingt besonders, die Redakteure sind es allesamt. Beim Magazin Ohrenkuss haben alle Mitarbeiter bis auf die Chefredakteurin das Down-Syndrom. Das Heft erscheint seit elf Jahren und ist eines von vielen künstlerischen Projekten für Menschen mit Behinderung.

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Angela Fritzen ihr Kollege Michael Häger tragen Ohrenkuss-Texte vor. Bild: Luke Golobitsch

Der Begriff Ohrenkuss, der Schmatz auf die Hörmuschel, ist längst mit einer Bedeutung beladen worden. Informationen gehen zum einen Ohr hinein, zum anderen heraus und das, was hängen bleibt, nennen die Macher der Zeitschrift: Ohrenkuss.

Nicht den letzten aber doch einen sehr intensiven Ohrenkuss erlebte Bärbel Peschka mit der Heftausgabe 14 im Jahr 2005. Die Autoren schrieben unter anderem über den Besuch im KZ Buchenwald. «Wenn dann jemand mit Down-Syndrom an solch einem Ort erkennt, er hätte es nicht geschafft, jemanden vor den Nazis zu verstecken, da komme ich nicht darüber weg», erzählt Peschka, die zusammen mit der Chefredakteurin Katja de Bragança, die Down-Town Werkstatt für Kultur und Wissenschaft in Bonn betreibt, die das Magazin herausgibt.

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zurück Weiter Bobby Brederlow (Foto) Zur Fotostrecke Foto: Lebenshilfe/Hans D. Beyer

Was mit einem geförderten Versuchsprojekt vor 11 Jahren begann, ist nun ein Selbstläufer. Auf vier Ausgaben war der Ohrenkuss angelegt, mittlerweile sind es 23 geworden, je zwei Exemplare erscheinen pro Jahr. Es sei ein Versuch gewesen, schildert Bärbel Peschka, zu Beweisen, dass Menschen mit Down-Syndrom schreiben und ihre Gefühle artikulieren könnten. «Nicht das behindert sein soll im Vordergrund stehen, sondern die Kunst.»

Die 15 Redaktionsmitglieder leben in Bonn und versammeln sich alle 14 Tage an einem Abend, um ein neues Thema festzulegen. Die meisten arbeiten tagsüber in Werkstätten, regelmäßige Ausflüge aber auch Reisen, etwa in die Mongolei, sind Inspiration für die Blattplanung. «Am Anfang ging es noch um Grundlegendes: Essen, Liebe, Arbeit», sagt Peschka, heute nehmen sich die Schreiber durchaus komplexeren Themen wie dem Paradies an, und schreiben selbst darüber oder lassen aufzeichnen.

Die Sprache bleibt unverfälscht, Korrektur oder Rechtschreibregeln gibt es nicht. Die sogenannten Fernkorrespondenten, 30 bis 50 wirken an jeder Ausgabe mit, senden per Post oder E-Mail aus der ganzen Republik ihre Beiträge, die Besten werden dann ausgewählt. Der Ohrenkuss ist ein Magazin mit Anspruch: «Wir sagen beim Schreiben schon: ‹strengt euch an und konzentriert euch›», erzählt Bärbel Peschka aus dem Redaktionsalltag, denn wie jeder andere Mensch neigen auch Autoren mit Down-Syndrom «zur Faulheit», wenn sie nicht genug gefordert werden.

Mit «langen Atem» steigerte sich der Ohrenkuss vom Projekt zur Zeitschrift und hat nun eine Auflage von 5000 Exemplaren. Die meisten Leser seien Liebhaber, weiß Peschka, ein Preis von elf Euro sorgt gewiss nicht für Spontankäufe. Dafür gibt es aber ein hochwertiges, professionell gelayoutetes Heft mit den Arbeiten renommierter Fotografen – nebst außergewöhnlicher Artikel. Der Ohrenkuss wirke eben «nicht über die Mitleidstour», sondern sei ein erster Schritt zur «Rückkopplung» in den Köpfen der Menschen, der es nach Peschkas Meinung Bedarf, um das stereotype Bild von Menschen mit Behinderung zu verändern.

Recht auf Selbstbestimmung

An diesem Bild feilt auch die Lebenshilfe, eine Vereinigung für Menschen mit geistiger Behinderung. Die Aufgabe sei, «das Recht auf Selbstbestimmung in allen Bereichen, zu fördern», sagt Lebenshilfe-Sprecherin Kerstin Heidecke. Mit medialer Präsenz gelingt dies. Seit 1999 wird jährlich der «Bobby», ein undotierter Medienpreis, verliehen. Sänger Guildo Horn, Moderator Günther Jauch und neuerdings das Team der ARD-Serie Polizeiruf 110 nebst Hauptdarstellerin Juliana Götze, die selbst das Down-Syndrom hat, gehören zu den Preisträgern.

Wichtig findet Kerstin Heidecke, dass es eine «Inklusion statt Integration» von Menschen mit Behinderung gibt. Was fast ähnlich klingt, entscheidet aber per Definition, ob eine ausgegrenzte Gruppe zurück in die Gesellschaft geführt wird, oder ob die Gruppe von Anfang an Teil der Gesellschaft ist. Grundsätzlich sei die Lebenshilfe auf vielen Gebieten tätig, betont die Sprecherin, angefangen mit Problemen bei Behördengängen bis zur Schulausbildung.

Der Verein Eucrea aus Hamburg, der sich als Dachverband für Künstler mit Behinderung sieht, will beispielsweise eine bessere künstlerische Ausbildung etablieren. «Es bräuchte eine Curriculum, das festschreibt, was die Inhalte einer Ausbildung sind», sagt Projektleiterin Jutta Schubert. Gute Unterweisung in verschiedenen künstlerischen Disziplinen und Techniken sei dringend notwendig.

Die Unterstützer kommen aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Der renommierte taube Pantomime Jomi gehört genauso dazu, wie verschiedenste Theatergruppen und Vertreter der Bildenen Künste. «Wir sind nur ein kleiner Verein, haben aber viele Mitglieder», sagt Jutta Schubert. In Zukunft sollen Projekte wie die jährliche Fachtagung, der neu ausgelobte Design-Preis für Künstler mit Behinderung und die Eucrea-Akademie, wo sich Helfer und Betreuer fortbilden können, ausgebaut werden.

iwe/news.de

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