Scientology «Nicht nur gehirngewaschene Mitglieder»

Straflager und Morddrohungen oder eine Hilfe bei der Suche nach dem Sinn des Lebens? Die umstrittene Weltanschauungsgemeinschaft Scientology ist ein Fall f├╝r Religionswissenschaftler Andreas Gr├╝nschlo├č.

Tom Cruise besucht Harvard-Vorlesung (Foto)
Tom Cruise ist f├╝r Scientology ein Aush├Ąngeschild. Bild: dpa

Scientology unterwandert den Staat, kippt Gesetzesvorlagen, ist ├╝berall. Von solchen Verschw├Ârungstheorien h├Ąlt Religionswissenschaftler Andreas Gr├╝nschlo├č nichts. Zu bescheiden seien die Mitgliederzahlen in Deutschland, sagt der Religionswissenschaftler, der sich seit vielen Jahren mit der Glaubensgemeinschaft besch├Ąftigt, die f├╝r viele schlicht eine Sekte ist.

Von 30.000 zwar nicht aktiven, aber bei Bedarf aktivierbaren Scientologen spricht J├╝rg Stettler, Sprecher von Scientology Deutschland und Pr├Ąsident des Kirchenvereins in der Schweiz. Nur 10.000 bis 12.000 h├Ąlt Gr├╝nschlo├č f├╝r realistisch. Weltweit gibt es empirischen Erhebungen zufolge gerade 500.000 Mitglieder, nicht die von Scientology erhofften 12 Millionen. Zu wenige f├╝r eine scientologische Revolution.

Tom Cruise & Co.: Prominente Scientologen

F├╝r Jeannette Schweitzer, die den Verein Vitem gegr├╝ndet hat und Scientologen beim Ausstieg hilft, ist das auf die gute Aufkl├Ąrungsarbeit zur├╝ckzuf├╝hren. «Viele fallen auf Scientology nicht mehr herein. Die Leute, die drin sind, sind das schon seit 15 oder 20 Jahren», erz├Ąhlt Schweitzer aus ihren Erfahrungen. Immer wieder k├Ąmen Eltern, Geschwister oder Freunde von Scientology-Anh├Ąngern zu ihr, um ihre Lieben aus den F├Ąngen zu retten.

Russland verweigert Scientology-Anerkennung zu Unrecht

«Scientology hat in Deutschland einen schweren Stand, weil hier ein starker Gefahrendiskurs etabliert ist», erl├Ąutert Gr├╝nschlo├č. F├╝r Stettler sind diese Diskussionen durchaus m├╝hsam. «Ich empfinde es als eine Art Kreuzzug, die richtigen Informationen ├╝ber Scientology herauszugeben oder mitzudiskutieren, weil so viele falsche Informationen verbreitet werden. In der Schweiz ist mir das schon ganz gut gelungen. In Deutschland habe ich noch zu knabbern. Das ist eine Herausforderung.» Die kritische Sicht auf die Organisation k├Ânne sich nach Gr├╝nschlo├č´ Meinung nur ├Ąndern, wenn sich auch Scientology ├Ąndere und nicht mehr an den Lehren L. Ron Hubbards unkritisch festhalte.

In Deutschland fehle laut Stettler zwar die ├Âffentliche Anerkennung, rechtlich habe man jedoch schon viel erreicht. Er spricht von ungef├Ąhr 50 Urteilen, die seine Glaubensgemeinschaft unter den Schutz der Religionsfreiheit stellen. Erst Anfang Oktober urteilte der Europ├Ąische Gerichtshof f├╝r Menschenrechte, dass Russland Scientology die Registrierung als religi├Âse Organisation zu Unrecht verweigert. In Spanien sei Scientology bereits genauso anerkannt wie die katholische Kirche. Auch in Italien gebe es eine religi├Âse Anerkennung. «In Deutschland, Frankreich und Belgien l├Ąuft dieser Kampf noch», sagt Stettler.

Besonders Geschichten wie die von Jeannette Schweitzer, die drei Jahre f├╝r die Sekte lebte, Geld und Nerven an sie verlor und nach ihrem Ausstieg mit Morddrohungen traktiert und eingesch├╝chtert wurde, befeuern das negative Bild in Deutschland. Sie erz├Ąhlt ihre Geschichte und gibt Beispiele anderer Aussteiger. «Jeder, der sich ├Âffentlich gegen Scientology ├Ąu├čert, ist in deren Augen ein Schwerverbrecher. Deshalb haben alle anderen Leute ganz viel Angst. Wenn M├╝tter und V├Ąter rauskommen, haben sie Angst um ihre Kinder. Oder sie haben viel Geld verloren und sch├Ąmen sich daf├╝r.»

Auch J├╝rg Stettler kennt diese Aussteigergeschichten, wiegelt jedoch ab. «Das hei├čt nicht, dass es gar keine Leute gibt, die negative Erfahrungen gemacht haben m├Âgen und dass immer alles perfekt gelaufen ist. Aber die Aussteigerstorys werden von einer verschwindend geringen, immer gleichen Personenzahl erz├Ąhlt.» Stettler selbst ist seit 33 Jahren aktives Mitglied bei Scientology. «Ich habe mehr Sinn im Leben gesucht. Scientology hat mir zugesagt.»

Lesen Sie auf Seite 2, wie die «Normalkarriere» eines Scientologen aussieht

«Nicht jeder Scientologe ist ein ‹gehirngewaschenes›, von der Organisation aufgefressenes ‹Sekten›-Mitglied», r├Ąumt Religionswissenschaftler Gr├╝nschlo├č ein. Er spricht von einer «mitunter geradezu volkskirchlichen» Form der Teilnahme vieler Mitglieder, die nur ab und zu einen Kurs oder einen so genannten «sunday service» besuchen. Die Normalkarriere eines Scientologen bestehe darin, einen Kommunikationskurs zu besuchen, eventuell zwei B├╝cher Hubbards zu kaufen und sich wieder zu verabschieden. «Die Allerwenigsten bleiben wirklich h├Ąngen», sagt Gr├╝nschlo├č.

Und dann gibt es sie doch, die Aufgefressenen, die im besten Fall zu Aussteigern werden. Ihre Kritikpunkte an Scientology sind laut Gr├╝nschlo├č immer die gleichen. «Je mehr jemand aktiv wird, desto mehr besteht die Gefahr, dass er von Scientology absorbiert wird. Nicht nur Lebens- und Arbeitszeit dort verbringt, sondern auch ├Âkonomisch ausblutet.» Das k├Ânne zu einer Spirale werden, die Menschen abh├Ąngig von Scientology mache.

L. Ron Hubbard, Gr├╝nder der Glaubensgemeinschaft, habe bereits in den 1960er Jahren begonnen, Scientology «fast milit├Ąrisch zu regieren», sagt Gr├╝nschlo├č. Er habe einen internen ├ťberwachungsapparat institutionalisiert, der die Mitglieder rigoros auf ihre Produktivit├Ąt und Linientreue ├╝berpr├╝ft. Mehr Mitglieder, mehr Kursabsolventen, mehr Geld, sei die Devise der Glaubensgemeinschaft, die auch Jeannette Schweitzer best├Ątigt. Sie wurde von Scientology unter Druck gesetzt, weil sie nicht mehr «optimal funktionierte».

Gr├╝nschlo├č sieht aber auch religi├Âse Elemente in der Lehre Hubbards. Das seien unter anderem die Etablierung von ├ťbergangsriten, die Wiedergeburtslehre und die Vorstellung von der Befreiung der «Seele» aus dem Gef├Ąngnis der Materie. «Viele von Hubbards R├╝ckf├╝hrungsberichten wird man aber als gelenkte Fantasien zu verstehen haben und nicht als historisch glaubw├╝rdige Schilderungen.»

All dem liege ein «technizistisches Machbarkeitsideal» zugrunde. Diese Vermischung von modernem technologischem Weltbild, therapeutischen Interventionsverfahren und spirituellen Hoffnungen und Sehns├╝chten findet Gr├╝nschlo├č interessant. Er w├╝rde Scientology daher «am ehesten als eine auf den Vertrieb ihrer therapieartigen Produkte ausgerichtete Organisation mit weltanschaulichem Charakter und ein paar religi├Âsen Elementen» charakterisieren.

«Mit einem gewissen Science-Fiction-Einschlag und intergalaktischer Mythologie steht die Organisation ├╝brigens deutlich im Kontext von Ufo-Glaubensbewegungen der F├╝nfziger Jahre.» Er glaubt, dass es in der modernen Lebenswelt solche Ph├Ąnomene wie Scientology noch ├Âfter geben werde, denn viele Anbieter auf dem esoterischen und therapeutischen Markt praktizieren heute bereits ganz ├Ąhnliche Mischformen.

Gallionsfiguren und Vorzeigescientologen

Derweil will Jeannette Schweitzer auch 17 Jahre nach ihrem Ausstieg noch vor einer Organisation warnen, die besonders durch Prominente in die ├ľffentlichkeit r├╝ckt. Tom Cruise ist der Vorzeigescientologe. «Die Stars werden angehimmelt und sind Maschinen f├╝r die ├ľffentlichkeitsarbeit», sagt Schweitzer. Obwohl besonders Cruise in der ├Âffentlichen Wahrnehmung wenige Sympathien wecke, verkaufe er dennoch seine Filme und stehe Scientology als Sponsor zur Seite.

J├╝rg Stettler verneint jedoch, dass mit den Prominenten Werbung gemacht werde. «Das sind Mitglieder wie jedes andere auch.» Das ├Âffentliche Interesse an dem k├╝rzlichen Austritt von Regisseur Paul Haggis kann Stettler nicht verstehen. «Sie wussten wahrscheinlich nicht, dass er Scientologe ist. Wenn Tom Cruise ausgestiegen w├Ąre, w├Ąre eine Medienhype vielleicht verst├Ąndlicher.»

Dennoch bescheinigt auch Religionsforscher Gr├╝nschlo├č den besonderen Status von Cruise, Travolta und Co. «Scientology hat fr├╝h erkannt, wie wichtig solche Gallionsfiguren sind, mit denen man sich schm├╝cken kann – und sie kommen daher in den Genuss einer entsprechenden Sonderbehandlung.»

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • RBoeck
  • Kommentar 3
  • 07.11.2012 03:50

Ich denke, die Anzahl ist unterm Strich egal, denn was Scientologen ├╝berall auf der Welt vollbringen und in welcher Gr├Â├čenordnung sie Menschen unabh├Ąngig von Religion, Kultur oder Herkunft helfen, ist einfach unbeschreiblich und tats├Ąchlich gibt es keine vergleichbare Gruppierung! So sponsern Scientology und Scientologen z.B: die gr├Â├čten und effektivsten Kampagnen zur Menschenrechtserziehung und Drogenpr├Ąvention der Welt! Informiert Euch an der Quelle, nicht durch die Medien. Es ist besonders in unserer heutigen Zeit wichtig, seine eigenen Beobachtungen zu machen und selbstst├Ąndig zu denken!

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  • Odin
  • Kommentar 2
  • 26.09.2010 09:04

.....wie lange will man sich diesen cirkus noch mit ansehen???? Das ist unter aller Menschenw├╝rde was sich dort ab- spielt wenn man ein naives Individuum an der angel hat! Das sich ein T.C. daf├╝r hergibt ist mir schleierhaft u man munkelt, dass dieser prominente dort eine leitende funktion im f├╝hrungskadar hat.

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  • eppelein
  • Kommentar 1
  • 01.11.2009 18:22

Wie oft noch. Scientologie ist keine Religion sondern ein psychologisches Wissen dass so perfektioniert ist dass die das Technologie nennen, und dass an jeder dt. Uni unter dem Namen NLP gelehrt wird und dort pl├Âtzlich hoch anerkannt ist... "funktioniert" sagen NLP-ler. Wie Scientologen

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