Urlaub im Osten Stasi, Müll und FKK

Peter Sombert (Foto)
Peter Sombert ist der einzige verbliebene Fischer in Kallinchen. Bild: ddp

Von Olaf Jahn
Früher übten hier Honeckers Leibwächter. Heute ist es die Polizei. Doch nicht nur das macht Kallinchen zu einem besonderen Ort. Das Dorf in Brandenburg ist eine Ost-Perle im Wandel.

Mittags gegen 13 Uhr sitzt der Fischer Peter Sombert gut gelaunt vor einer seiner Holzhütten in Kallinchen am Motzener See, trinkt einen Becher Kaffee und sagt beim Blick auf das Wasser nachdenklich: «Man kann ja vieles so oder so sehen. Aber die Wende hatte schon vieles für sich.» Sombert geht es gut. Er ist Fischer, der einzige am Ort. Er verkauft selbst geräucherte Forellen, Fischbrötchen, verleiht Ruder- oder Tretboote und vergibt Angelscheine. «Als ich mich nach der Wende selbständig gemacht habe, war klar: Nur mit der Fischerei, das reicht nicht. Darum wollte ich unbedingt diese Stelle hier neben dem Strandbad haben», sagt Sombert.

Kallinchen ist seit Jahrzehnten ein besonderer Urlaubsort in Ostdeutschland: Rund 50 Kilometer von Berlin entfernt, dicht am Spreewald und direkt an einem klaren See gelegen. Im Sommer tummeln sich hier die Badegäste am Strand, lesen oder bräunen sich in der Sonne. Kinder toben im Wasser. Sombert weiß: «Irgendwann kriegen die Hunger, und viele kommen dann zu mir. Ich kann mich wirklich nicht beklagen», sagt der 56-Jährige.

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Gefischt hatte Sombert schon vor dem Mauerfall, in einer Produktionsgenossenschaft. «Der größte Teil des Fangs ging an die russischen Truppen oder in den Westen», erinnert sich Sombert, der die Fischerei 1993 als sogenannter Wiedereinrichter übernommen hat. Wie sich sein Leben verändert hat? Sombert überlegt kurz und sagt: «Früher habe ich es genossen, lange auf dem See zu sein und zu fischen.» Das ginge heute nicht mehr, die Arbeit sei komplizierter geworden. Aber, so betont Sombert, «es macht auch Spaß zu sehen, wie gut das Geschäft läuft».

Seine Tochter hat eine Ausbildung in London gemacht, sein Sohn arbeitet in Wiesbaden als Motorenentwickler. «Wäre früher unmöglich gewesen», bemerkt er. Das gilt auch für seine Urlaube auf Usedom. Wo früher Zimmer für Privatpersonen kaum zu kriegen waren, macht er jetzt regelmäßig Urlaub. In einer Suite. Was ihn heute am Leben in Kallinchen stört? «Am ehesten, dass es für die Jugendlichen so wenig Angebote gibt. Die wissen oft nicht, wohin mit sich«, sagt Sombert.

Die Stasi ließ die Reifen quietschen

Die gewisse Kontinuität, die sich bei ihm mit dem Wandel verbindet, gilt für viele Bereiche des 500-Seelen-Dörfchen. Das Gelände etwa, auf dem der 300 Hektar große Teltow-Fläming-Ring (TFR) liegt, war auch zu DDR-Zeiten prägend für den Ort. Die Stasi hatte das Areal abgeriegelt und für das Fahrtraining von Personenschützern genutzt. Hier analysierte die Stasi Attentate der Rote Armee Fraktion (RAF) und stellte sie nach.

Die Dorfbewohner wussten davon nichts. «Wir haben nur das Quietschen der Reifen gehört und die Busse gesehen, mit denen da Leute zur Ausbildung hingefahren wurden. Meist waren die Vorhänge zugezogen», erinnert sich Ortsvorsteher Reinhard Schulz. Seiner Familie gehörte schon damals der «Alte Krug», in dem auch Stasi-Leute vom Übungsplatz zum Essen kamen. Inzwischen, so Schulz, «hat sich da der Ring ja gut gemacht».

Wo früher die Stasi übte, bildet heute die Polizei aus. Auf der Referenzliste des TFR finden sich neben dem Deutschen Bundestag und der Potsdamer Staatskanzlei Dutzende Firmen. Auf dem Ring schliddern Limousinen bei Bremsversuchen auf Asphalt, Kopfsteinpflaster oder auf den schon zu DDR-Zeiten extra verlegten Straßenbahnschienen.

Wenige hundert Meter weiter hangeln sich Kinder und Erwachsene durch einen anspruchsvollen Kletterwald. Auf einem Off-Road-Gelände kämpfen sich gelbe Geländewagen durch weichen Sand und auf Hügel hinauf. Viele Unternehmen nutzen die Angebote des Teltow-Fläming-Rings für Betriebsausflüge. Insgesamt, so Schulz, «geht es Kallinchen recht gut».

Eine zeitlang sei es sogar als der reichste Ort Deutschlands gehandelt worden. «Journalisten hatten die Millionen an Steuereinnahmen durch eine Müllentsorgungsanlage auf unserem Gebiet auf die Köpfe der Einwohner umgerechnet. Da kam eine riesige Summe heraus», sagt Schulz. Inzwischen ist Kallinchen ein Ortsteil von Zossen. Dort landen jetzt die Steuern.

Lange Tradition mit «den Nackten»

Einnahmen und Arbeitsplätze sichert, neben einer auf alternative Energien spezialisierten Firma, besonders der Tourismus. An sonnigen Tagen hat allein das Strandbad bis zu 3000 Gäste. Dazu kommen Besucher des Campingplatzes und des nahegelegenen FKK-Geländes. «Der Andrang ist für uns aber nichts Neues», sagt Sabine Hummitzsch, die an der Ortseinfahrt ein Blumengeschäft führt. Zu DDR-Zeiten habe fast jede Familie ein Gästezimmer gehabt. Damals kamen vor allem Sachsen und Thüringer nach Kallinchen, pro Jahr waren es bis zu 70.000 Urlauber.

Zur Tradition Kallinchens gehören auch «die Nackten», wie sie hier manchmal genannt werden. Am Sandberg, am Rande des Dorfes, hat der Verein der «Allgemeinen Körperkultur Birkenheide» ein zwölf Hektar großes Gelände. Etwas hügelig, von märkischen Kiefern bestanden, grenzt es direkt an den Motzener See. «Hier hat es schon immer Freikörperkultur gegeben», behauptet ein Gast, der mit seinem Sohn zum Strand bummelt. Manche sehen dieses Gelände als Wiege des deutschen FKK. Schon Anfang der 1920er Jahre entdeckten die ersten Naturisten den Motzener See als Paradies für sich. Die «Windsbräute» oder «Freien Menschen», wie sie sich nannten, kamen per Bahn aus Berlin.

Durch den Nationalsozialismus und später während der DDR-Zeit hielt sich die Tradition. «Wir waren da Teil einer Betriebssportgruppe, Sektion Freizeitsport», erklärt Vorstand Bernd Hinkel. Die rund 450 Mitlieder haben sich auf die neuen Zeiten eingestellt und das zuvor gepachtete Vereinsgelände gekauft. Die Sorge, von einem möglichen Großinvestor verdrängt zu werden, hat sich damit erledigt. Inzwischen wächst der Verein wieder. Der Zulauf kommt vor allem aus Thüringen und Sachsen. Hinkel weiß: «Viele haben ihre Auslandsreisen gemacht und erinnern sich jetzt wieder an Kallinchen.»

mik/bjm/news.de/ddp

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