Weiterer Amoklauf vereitelt Psychologe warnt vor dem Werther-Effekt

«Warum?» fragen sich die Schüler des Ansbacher Carolinum-Gymnasiums. (Foto)
«Warum?» fragen sich die Schüler des Ansbacher Carolinum-Gymnasiums. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Herbert Mackert
Fünf Tage nach dem Amoklauf von Ansbach hat die Polizei einen weiteren Amoklauf an einer Berufsschule im sächsischen Zwickau vereitelt. Psychologen sprechen vom sogenannten Werther-Effekt, der Nachahmungstaten auslöse.

Der nach Goethes gleichnamigem Roman benannte Werther-EffektDer Begriff geht zurück auf das Auftreten einer Suizidwelle nach der Veröffentlichung von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers im Jahr 1774 und seiner zahlreichen Nachahmungen (Wertheriaden). beschreibt das Phänomen, dass Berichte über Suizide oder suizidähnliche Taten wie Amokläufe Menschen zu Nachahmungstaten motiviere.

Der Suizid-Experte Ulrich Hegerl von der Leipziger Klinik für Psychiatrie sagt im Gespräch mit news.de, eine besondere Verantwortung komme daher den Medien in ihrer Berichterstattung über Suizide und Amokläufe zu. «Je sachlicher die Berichterstattung ist und eine medizinische Einordnung der Tat gibt, desto geringer ist die Nachahmungswahrscheinlichkeit.»

Studien hätten gezeigt, dass etwa nach einem Seite-Eins-Bericht über einen Suizid in der Tageszeitung New York Times die Zahl der Selbstmorde in den USA in der darauffolgenden Wochen signifikant angestiegen sei. Besonders heftig sei dieser Effekt nach dem wahrscheinlichen Suizid von Marylin Monroe gewesen. Danach sei die Selbsttötungsrate in den USA um ein Vielfaches in die Höhe geschnellt. «Es kommt auf die Identifkationsmöglichkeit mit dem Suizid an, auf die Emotionalisierung. Wie groß ist die Aufmachung, wie wird die Tat dargestellt?», betont der Professor. Zu 90 Prozent seien für Suizide psychische Erkrankungen ursächlich.

Strafe wegen Zuspätkommens - 19-Jähriger rastete aus

Bei dem vereitelten Amoklauf in Zwickau gab es nach Polizeiangaben keine Verletzten. Bislang ist bekannt, dass der 19-jährige mutmaßliche Täter wegen Zuspätkommens eine Strafe bekam und deswegen wohl aus Frust bei einem Lehrer eine Gewalttat androhte. «Konkrete Handlungen in dieser Richtung oder Vorbereitungshandlungen hatte er nicht getroffen», teilte die Polizei mit, die mit 14 Beamten vor Ort war und den Mann festnahm. Der 19-Jährige stammt aus der Zwickauer Nachbarstadt Crimmitschau. Die Ermittlungen laufen noch.

Der Unterricht in der Schule lief planmäßig weiter. Waffen oder andere gefährliche Gegenstände hatte der Mann nicht bei sich. Gegen Mittag war bei der Polizei ein Notruf eingegangen.

Amoklauf in Ansbach
Eine Schule unter Schock
Wieder Amoklauf an einer Schule: Zehn Verletzte (Foto) Zur Fotostrecke

Erst vor knapp einer Woche war im fränkischen Ansbach ein 18-Jähriger in sein Gymnasium gestürmt und hatte zwei Molotow-Cocktails geworfen. Dabei gab es zehn Verletzte.

Bei Amokläufern haben sich nach Einschätzung von Experten oft Angst, Demütigung, Eifersucht oder Scham lange aufgestaut. Die Wut - das Wort «Amok» kommt aus der malaiischen Sprache und bedeutet «Wut» - wird unbeherrschbar. Fast alle Amokläufer sind männlich. Viele von ihnen töten sich nach der Tat selbst, weshalb solche Anschläge in bestimmten Fällen auch als «erweiterter Selbstmord» angesehen werden.

Viele Amokläufer seien «Sammler von Ungerechtigkeiten», sagte der Würzburger Psychiatrieprofessor Armin Schmidtke während eines Forums der Deutschen Polizeigewerkschaft. «Ein Großteil hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.» Die jungen Männer, die in den vergangenen Jahren Blutbäder an deutschen Schulen anrichteten, verband den Experten zufolge vor allem eines: unbändige Wut auf die Welt. Beeinflusst wurden die Täter von Killerspielen und Gewaltvideos, vor allem aber ging es um Kränkungen, Zurückweisung, Rache und die Rolle der Medien.

Amokläufer halten sich demnach oft für etwas ganz Besonderes, fühlen sich unverstanden und verfolgt. Hinter jeder noch so kleinen Bemerkung vermuten sie eine Beleidigung und noch nach Jahren können sie sich an jede erlittene Kränkung erinnern. «Sie schlucken das runter, aber unter der Oberfläche lodert es», sagte Schmidtke. Auch der 18-jährige Täter von Ansbach, der mit Molotowcocktails und einer Axt auf seine Mitschüler losging, hatte angegeben, vor Jahren einmal von Schulkameraden verprügelt worden zu sein. «Und das Fatale ist: Wenn ich meine, die Welt kränkt mich, dann finde ich dafür überall Belege», erklärte Schmidtke. «So schaukelt sich das immer weiter hoch.»

Hat jemand den Entschluss zu einem Amoklauf gefasst, verlaufen Vorbereitung und Tat nach Angaben des Psychiaters in vier Phasen: «Dumpfes Brüten, Amoktat, Erschöpfung, Amnesie.» Vor allem in der Phase des «Brütens» sei es möglich, Hinweise auf die geplante Tat zu entdecken. Viele Täter hätten Drohungen ausgesprochen, die niemand ernst genommen habe, oder die Tat sogar konkret angekündigt.

mac/seh/iwi/news.de/dpa/ap

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • moptop
  • Kommentar 1
  • 22.09.2009 16:13

Was soll man da noch sagen? Jugendliche brauchen eine ordentliche Erziehung und vor allem eine ordentliche Perspektive in ihrem Leben. Das ist wohl die einzige Möglichkeit, wie man solche Fälle verhindern kann.

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