Interview mit Ilse Pohl, 102 Jahre «Wehe, wer an meiner Freiheit kratzt»

Mit 70 Jahren veröffentlichte Ilse Pohl ihr erstes Buch. Gerade hat die 102-Jährige ihre Bach-Biographie abgeschlossen und brütet schon über ihrer nächsten Idee. Mit news.de spricht Ilse Pohl über Freiheit und darüber, wie man gut alt wird.

Ilse Pohl (Foto)
Ilse Pohl Bild: Frankfurter Verlagsgruppe

Frau Pohl, sie haben 102 Jahre erlebt. Woran erinnern Sie sich am liebsten?

Pohl: Das kann ich eigentlich gar nicht sagen. Wenn man auf ein so langes Leben zurückschaut, tauchen so viele Inseln auf. Meine erste ganz glückliche Zeit, das war mit 19 in Berlin in der Kunstschule, da war ich in dem Leben, was ich eigentlich leben wollte, Atelier und Kunst und malen. Und dann kam nochmal eine schöne Zeit, das war der Sommer ´29. Da kam ich nach Konstanz. Ich kam von Berlin, es war alles zum Osten orientiert, zur Ostsee, oder Schlesien, Mecklenburg. Im Westen war ich so gut wie gar nicht. Das Erlebnis dieser Bodenseelandschaft, das war unbeschreiblich für mich. Alles in so tiefem Frieden, verträumt, nicht wie es heute ist. Vor diesen vielen, vielen Jahren, 70 oder 80 Jahre ist es her - es war alles ganz anders.

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War es besser?

Pohl: Nein, ich vermeide immer das zu sagen. Jede Zeit hat ihre Schönheit und ihre Besonderheit und hat ihr Negatives. Ich glaube, da sind wohl alle Zeiten ziemlich gleich. Und wenn man darin aufwächst, ist man das Kind seiner Zeit.

Was gefällt Ihnen an der heutigen Zeit?

Pohl: Das Wichtigste in meinem Leben sind die Begegnungen. Sie machen das Leben reich. Und je nachdem, wen und was man kennenlernt – ach, das kann das Leben verändern, es kann es schön machen.

Sie sind viel gereist, liebten die Kunst – und dann haben Sie geheiratet.

Pohl: Ich wollte gar nicht heiraten. Mein Mann, der lernte mich kennen, und für ihn stand fest, die oder nie. Er fragte mich bei einer Tasse Kaffee, ob ich wohl als seine Sekretärin mit nach Frankreich gehen würde. Da habe ich gesagt, «können sie sich denn eine Sekretärin nehmen?» Er lächelte ein bisschen verlegen, und dann sagte er, «nein, ich meinte, als meine Frau». Das war ein kompletter Heiratsantrag.

Ihre Antwort?

Pohl: Ich hab ja gesagt. Ich war so neugierig, alles hat mich interessiert. Ich war noch zu unreif für eine Ehe. Die Augen und die Ohren sind mir aufgegangen, als ich schwer krank war. Aus der Hölle der Krankheit kam ich zurück ins Leben, und damit kam die Erkenntnis, was für eine Verantwortung man hat dem Menschen gegenüber, mit dem man zusammen lebt. Da wusste ich, auf Biegen und Brechen, wir halten zusammen, bis dass der Tod uns scheidet. Das war vor 17 Jahren.

Hat Sie die Ehe nie eingeengt?

Pohl: Ach, das lief ja so gut. Mein Mann war ja so furchtbar viel weg, ich war so viel alleine. Ich nahm mir vor, wenn mein Mann da ist, gehört ihm meine Zeit, wenn er nicht da ist, gehört mir meine Zeit. 25 Jahre Frankfurt, das war meine Quelle, aus der ich alles nahm. So viele Konzerte, so viele Vorträge, Ausstellungen, Museenbesuche. Es war unglaublich, ich habe nichts versäumt. Das war die Substanz, aus der ich gelebt habe, als wir aufs Dorf zogen und ich alt wurde – davon lebe ich heute noch.

Sie haben auch ein Kind bekommen.

Pohl: Ja – dieses Kind war meine ganze Liebe, meine ganze Freude. Dadurch auch, dass mein Sohn sehr schwierig war. Er war ein besonderes Kind. Und dieses Kind ist vor einem Jahr gestorben. Es ist schrecklich. Ist eine ganz falsche Reihenfolge. Er war Physiker und hochmusikalisch und überhaupt besonders begabt.

Dann hatte er das musische Talent von Ihnen?

Pohl: Ich nehme es fast an. Ich habe mal zufällig eine Wahrsagerin kennengelernt, und die hat gesagt, alles das, was bei ihnen im Ansatz ist, das hat er in Vollendung. Und so war´s auch.

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