Tag der Über-100-Jährigen Im Land der schwerhörigen Taxifahrer

Japan (Foto)
Japaner leben lange, doch die Altersarmut ist hoch. Bild: dpa

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
In keinem anderen Land werden die Menschen so alt wie in Japan. Mehr als 40.000 Über-100-Jährige leben dort. Und heute haben sie ihren eigenen Feiertag. Alt werden ist jedoch nur eine Seite der Medaille - denn die Altersarmut in Japan ist hoch.

40.399 Japanerinnen und Japaner sind mehr als 100 Jahre alt. Ihr Land stellt sich ein auf seine «silberne» Generation und ehrt sie sogar mit einem eigenen Feiertag, jedes Jahr am 21. September. Einer der so gewürdigten ist Jiroemon Kimura. Mit 112 Jahren ist er der älteste Mann des asiatischen Inselreichs. Sein Rezept für ein langes Leben: «maßvoll essen ohne Vorlieben und Abneigungen».

Die traditionelle Küche, kohlenhydratreich und fettarm, gilt neben den Fortschritten in der Altersmedizin als einer der wichtigsten Gründe für die mit durchschnittlich 85 weltweit höchste Lebenserwartung der Japaner. Sie essen wenig Fleisch, dafür viel Fisch und Meerestiere. Das bedeutet viel Jod für eine starke Schilddrüse, Fettsäuren und Vitamin D, die vor Krebs schützen. Und dazu kommt die viel gepriesene entgiftende Wirkung des grünen Tees.

Alte Menschen
Club der Hundertjährigen

Annette Schad-Seifert ist beeindruckt von den rüstigen alten Leuten in Japan. Die Japanologin hat jahrelang dort gelebt und war nach ihrer Rückkehr ganz erschrocken, wie viele alte Menschen hierzulande auf einen Rolator angewiesen sind. Auch sie spricht natürlich von der gesunden Ernährung, aber sie hat auch den Eindruck, dass auf den japanischen Inseln ein sehr zufriedenes Volk lebt – schließlich ist Japan eines der sichersten und reichsten Länder der Welt.

Doch gerade vom Reichtum profitieren die alten Menschen relativ wenig. Das Stichwort Altersarmut fällt im Zusammenhang mit Japan immer häufiger. Der Grund dafür liegt im dortigen Rentensystem, wie Annette Schad-Seifert erklärt. Die Zahlungen setzen sich aus einer Volksrente und einer Betriebsrente zusammen, die rund 30 Prozent der Altersversorgung decken sollte und in den meisten Fällen als einmalige Abfindung gezahlt wird.

Die ist bei einem einfachen Arbeitnehmer schnell aufgebraucht. Denn obwohl in Japan genau wie in Deutschland das Rentenalter - und damit auch der Bezug der Volksrente – erst mit 65 Jahren beginnt, scheidet man praktisch schon mit 55 oder spätestens 60 Jahren aus dem Berufsleben aus. «Jeder durchschnittliche Arbeitnehmer hat eine Brücke von fünf Jahren zu leisten. Für den Arbeitsmarkt bedeutet das, es wird einfach weitergearbeitet. Die Betriebe stellen zwar auch ältere Arbeitnehmer wieder ein, aber sie bieten ihnen einen neuen Arbeitsvertrag an: Es wird weniger bezahlt», erklärt die Japanologin. Und damit auch weniger in die Rentenkasse eingezahlt, was sich schließlich auch auf die Grundrente ab 65 negativ auswirkt.

Während die Deutschen im Schnitt mit 63 Jahren in Rente gehen, legen Japaner tatsächlich erst mit rund 70 Jahren die Erwerbsarbeit nieder, weil sie anders ihr Leben nicht finanzieren könnten. «Die Altersarmut trifft alle, die nicht mehr arbeitsfähig sind», sagt Annette Schad-Seifert. Das geht soweit, dass alte Männer kalkuliert kleine Straftaten begehen, um im Gefängnis zu landen und dort versorgt zu werden.

Die Alten klauen - um zu überleben

«Ich habe alte Leute beim Ladendiebstahl beobachtet. Da guckt jeder weg, weil alle wissen, die haben nicht viel», sagt die Japanologin. Viele alte Menschen leben auf der Straße – oder von der staatlichen Sozialhilfe. Ihre kulturelle Erziehung hält jedoch viele Japaner davon ab, die Stütze zu beziehen. Das geht so weit, dass inzwischen staatliche Initiativen dafür werben, die Hilfen doch anzunehmen.

Aber auch in Japan sei die Altersarmut vor allem weiblich, betont Annette Schad-Seifert. Einer Frau blieben nur etwa 40 Prozent der Rente ihres Mannes. Viele Frauen haben zwar auch selbst gearbeitet, sind jedoch, nachdem die Kinder aus dem Haus waren, mit «Teilzeit» wieder in den Job eingestiegen. «Paato» nennen das die Japaner, abgeleitet vom englischen «part time».

Paato bedeutet jedoch nicht, wie hierzulande die Teilzeit, weniger Zeit zu den selben Konditionen zu arbeiten, erklärt Annette Schad-Seifert: «Es ist eher mit Minijobs vergleichbar, weil Paato nicht sozialversicherungspflichtig ist. Aber sie arbeiten auch bis zu acht Stunden.» Rente bleibt für diese Frauen überhaupt keine. Und auch in Japan fängt die Familie die alten Menschen nicht mehr so auf wie früher.

Für Annette Schad-Seifert ist die Situation in Japan Zukunftsmusik für das, was uns in Deutschland erwartet. Bis zum Jahr 2025 soll es auch in Deutschland über 40.000 Über-100-Jährige geben. Derzeit sind es knapp 6000. Und auch in Deutschland kündigt sich die Verlagerung von der im Generationenvertrag garantierten auf eine kapitalgedeckte Rente an.

Vielleicht müssen wir uns dann hier auch an 70-jährige Bedienungen in Restaurants und schwerhörige Taxifahrer gewöhnen. Oder an ehemalige Manager, die sich in U-Bahn-Stationen ihr Alterseinkommen damit erarbeiten, Fahrräder vor den Notausgängen wegzuräumen. Das hat Annette Schad-Seifert erlebt. Vielleicht ist auch einfach die hohe Aktivität ein weitere Zutat zum japanischen Rezept für ein langes Leben.

mat/news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • john
  • Kommentar 1
  • 09.04.2010 12:02

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetuer adipiscing elit. Aenean commodo ligula eget dolor. Aenean massa. Cum sociis natoque penatibus et magnis dis parturient montes, nascetur ridiculus mus. Donec quam felis, ultricies nec, pellentesque eu, pretium quis, sem. Nulla consequat massa quis enim. Donec pede justo, fringilla vel, aliquet nec, vulputate eget, arcu. In enim justo, rhoncus ut, imperdiet a, venenatis vitae, justo. Nullam dictum felis eu pede mollis pretium. Integer tincidunt. Cras dapibus. Vivamus elementum semper nisi. Aenean vulputate eleifend tellus. Aenean leo ligula, porttitor eu,

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig