Woche des Grundeinkommens «Wir leben fast im Paradies»

Was er arbeiten w├╝rde, wenn f├╝r sein Einkommen gesorgt w├Ąre? Dem Leipziger Thomas Peterschun f├Ąllt die Antwort nicht schwer. Seit er sich gegen die Universit├Ąt entschieden hat, ist er kreativ geworden. Und er k├Ąmpft f├╝r das Grundeinkommen.

Thomas Peterschun ist ein Verfechter des Grundeinkommens. Bild: news.de

Der Verfechter des Grundeinkommens ist zuhause. Er kommt pers├Ânlich zur T├╝r des einzigen unsanierten Gr├╝nderzeitbaus in der Stra├če, statt den Summer zu bet├Ątigen. Thomas Peterschun hat Zeit, solche Dinge zu tun. Deshalb sitzt er auch am Montagmittag in seiner WG-K├╝che und hat Pl├Ątzchen im Ofen. Mit 28 Jahren k├Ânnte er gerade genauso gut in einer Abschlusspr├╝fung f├╝r sein Medizinstudium hocken oder von einem Patienten zum n├Ąchsten hetzen.

Aber Thomas Peterschun hat beschlossen, sich Zeit zu nehmen. Was nicht hei├čt, dass er den Pl├Ątzchen beim Br├Ąunen zusieht. Noten liegen auf dem Tisch, und Peterschun studiert auch Medizin – auf seine Weise. «Alternativ k├Ânnte man es nennen, wenn man das etablierte System als Basis ansieht», w├Ągt er ab. Denn das medizinische System derzeit sei v├Âllig untragbar. Auf seine ganz ruhige, bescheidene Art skizziert er Gedanken, um sie schlie├člich doch noch auf einen Punkt zu bringen. Die f├╝nf biologischen Naturgesetze sind die Basis seiner freien Medizinstudien. Ob er damit irgendwann einmal Arzt sein kann? Er w├╝nscht sich das.

FOTOS: Grundeinkommen Geld bekommen, ohne zu arbeiten

Die Institution Universit├Ąt jedenfalls hat er nach einem Semester Kommunikationspsychologie entlarvt: st├Ąndige Vorgaben, kein individueller Zuschnitt. Er w├╝nscht sich ein demokratisches Lernen, wo jeder selbst bestimmen kann, was er wissen m├Âchte. Mit dem Abbruch sei sein Antrieb gewachsen. «Ich wurde kreativ, habe angefangen, Musik zu machen. Das hat sich sehr frei angef├╝hlt», beschreibt er den Ausstieg aus der Uni. Und sein Einkommen? «Das bestreite ich mit dem an Bedingungen gekn├╝pften Grundeinkommen», sagt Peterschun.

Seine gro├če Frage, «Was w├╝rden Sie arbeiten, wenn f├╝r Ihr Einkommen gesorgt w├Ąre?», kann er f├╝r sich selbst also schon beantworten. Diese Worte h├Ąngen bei ihm im Erdgeschossfenster ├╝ber den bunt bemalten Blumenk├Ąsten, jeder kann sie von der Stra├če aus lesen und im Weitergehen eine Antwort suchen. F├╝r Thomas Peterschun ist das Grundeinkommen mehr als diese 1000 Euro im Monat f├╝r jeden und ohne Bedingungen, die in der Debatte immer wieder durch den Raum schweben. Er rechnet keine Zahlen gegeneinander auf.

Er geht lieber durch die Stadt und sieht, was m├Âglich ist. Dass wir in einer hoch technologisierten Welt leben und im absoluten Wohlstand. Dass es Menschen gibt, die aus dem M├╝ll leben - «sogar das ist einkalkuliert». Wie man das Grundeinkommen finanzieren soll? «Es ist genug f├╝r alle da, sogar noch mehr. Es wird einfach gerechter aufgeteilt werden.»

Von wem? Noch so ein gro├čes Thema, das vierte inzwischen. «Vom Rechtsstaat, der tats├Ąchlich aus den B├╝rgern besteht. Das ist heute nicht der Fall.» Einfach so einf├╝hren werde deshalb wohl niemand das Grundeinkommen. Da br├Ąuchte es doch eine Revolution, auch wenn Peterschun das Wort nicht benutzt. Revolution von unten nat├╝rlich.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Peterschun es f├╝r Quatsch h├Ąlt, Arbeit zu erfinden

Er spricht lieber ├╝ber den kulturellen Impuls: Wie w├Ąre es, wenn ich mein Leben selbst in die Hand n├Ąhme? «Es ist notwendig und zeitgem├Ą├č. Es geht nicht anders, sonst wird die Situation immer prek├Ąrer. Wir m├╝ssen uns weiterentwickeln», findet er. Vor 200 Jahren, da sei die Verbindung von Arbeit und Einkommen vielleicht einmal angemessen gewesen. «Damals musste jeder arbeiten, damit die Gesellschaft funktioniert. Alles wurde mit der Hand gemacht: Der Tisch, die Kerze und das Messer», sagt er und blickt ├╝ber seinen K├╝chentisch. «Heute ├╝berwacht einer einen Computer, und es kommen 20.000 Messer heraus.»

Daf├╝r gebe man sich gr├Â├čte M├╝he, neue Arbeit zu erfinden – dabei w├╝ssten schon Kinder, die eine Baumbude bauen, dass man sich am besten m├Âglichst wenig Arbeit macht, um schnell Spa├č mit der Bude haben zu k├Ânnen. «Wir haben das geschafft. Es gibt nur noch sehr wenig Arbeit in der Produktion, wir sollten gl├╝cklich sein, leben fast im Paradies», sagt er l├Ąchelnd.

K├Ânnten wir zumindest. Aber um den Lebensunterhalt zu verdienen, n├Ąhmen die Menschen vieles in Kauf und arbeiteten in unw├╝rdigen Zust├Ąnden. Menschen w├╝rden stigmatisiert und lie├čen sich versklaven. Warum nun aber so viele Leute mit Grundeinkommen assoziieren, gar nicht mehr zu arbeiten, kann er ├╝berhaupt nicht nachvollziehen. «Es geht dann nur nicht mehr ums Geldverdienen, sondern um die Sch├Ânheit des Jobs. Viele Arbeiten w├Ąren anders, viele w├╝rden auch wegfallen.» Und die Drecksarbeit, die nicht automatisierbar ist? «Die m├╝sste sehr gut entlohnt und attraktiv gestaltet werden.»

Ob er das Grundeinkommen selbst erleben wird? «Ja, denn die Vorstellung, dass nicht, ist noch krasser: Wenn der Trend so weitergeht und die Arbeitsbedingungen noch unw├╝rdiger werden...» Immerhin, ein paar Anker hat das Grundeinkommen in Deutschland schon geworfen. Unter anderem die Petition von Susanne Wiest, die 53.000 Menschen unterschrieben haben. Nach der Wahl wird der Bundestag entscheiden, ob er das Thema verhandelt.

Oder G├Âtz Werner, der Chef der Drogeriekette dm. Er ist der erste gewichtige F├╝rsprecher eines Grundeinkommens, verficht seine 1982 entwickelte These seit vier Jahren ├Âffentlich. Und er l├Ąsst seine Angestellten selbst ├╝ber Sortiment, Dienstpl├Ąne, Vorgesetzte und Geh├Ąlter entscheiden. «Auch die Gr├╝nen und die Linken sind daf├╝r, und viele kleine Parteien und Direktkandidaten», z├Ąhlt Peterschun auf.

Und auch er wird jetzt aktiv. Thomas Peterschun hat in Leipzig ein paar Gleichgesinnte gefunden f├╝r die Initiative Grundeinkommen und w├╝nscht sich, dass die Gruppe w├Ąchst. Vor kurzem haben sie in der Fu├čg├Ąngerzone Passanten Pappkronen aufgesetzt, als Teil der bundesweiten Kr├Ânungstournee. Um zu zeigen, dass jeder sein eigener K├Ânig ist.

mat/iwe/news.de

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4 Kommentare
  • Tobi

    13.08.2013 23:10

    Oha, was w├╝rde er denn arbeiten? denn so wie die Lage jetzt ist, ist doch f├╝r sein Einkommen gesorgt?

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  • Josef Lechner

    11.11.2010 00:33

    Wir leben bereits im Paradies nur, wir k├Ânnen es vor lauter gier nicht erfassen.

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  • Igelin

    10.11.2010 16:35

    Menschen, die sich ├╝ber Geld definieren haben ein arges Problem mit dem Selbstwertgef├╝hl und Menschen, die ihren Mitmenschen nicht die Butter aufs Brot g├Ânnen - haben ein noch gr├Â├čeres Problem mit dem Selbstwertgef├╝hl. Die Menschenw├╝rde ist nicht bezahlbar und mit Geld nicht abrechenbar. Wer mehr als seinen Bedarf als sein Einkommen verbucht ist eh ein Betr├╝ger weil der dieses "mehr" anderen Menschen wegnimmt. W├Ąre das Existenzminimum gedeckt - hatte das Volk mehr Kunst und Kultur

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