Woche des Grundeinkommens «Wir leben fast im Paradies»

Thomas Peterschun (Foto)
Thomas Peterschun ist ein Verfechter des Grundeinkommens. Bild: news.de

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Was er arbeiten würde, wenn für sein Einkommen gesorgt wäre? Dem Leipziger Thomas Peterschun fällt die Antwort nicht schwer. Seit er sich gegen die Universität entschieden hat, ist er kreativ geworden. Und er kämpft für das Grundeinkommen.

Der Verfechter des Grundeinkommens ist zuhause. Er kommt persönlich zur Tür des einzigen unsanierten Gründerzeitbaus in der Straße, statt den Summer zu betätigen. Thomas Peterschun hat Zeit, solche Dinge zu tun. Deshalb sitzt er auch am Montagmittag in seiner WG-Küche und hat Plätzchen im Ofen. Mit 28 Jahren könnte er gerade genauso gut in einer Abschlussprüfung für sein Medizinstudium hocken oder von einem Patienten zum nächsten hetzen.

Aber Thomas Peterschun hat beschlossen, sich Zeit zu nehmen. Was nicht heißt, dass er den Plätzchen beim Bräunen zusieht. Noten liegen auf dem Tisch, und Peterschun studiert auch Medizin – auf seine Weise. «Alternativ könnte man es nennen, wenn man das etablierte System als Basis ansieht», wägt er ab. Denn das medizinische System derzeit sei völlig untragbar. Auf seine ganz ruhige, bescheidene Art skizziert er Gedanken, um sie schließlich doch noch auf einen Punkt zu bringen. Die fünf biologischen Naturgesetze sind die Basis seiner freien Medizinstudien. Ob er damit irgendwann einmal Arzt sein kann? Er wünscht sich das.

Grundeinkommen
Geld bekommen, ohne zu arbeiten

Die Institution Universität jedenfalls hat er nach einem Semester Kommunikationspsychologie entlarvt: ständige Vorgaben, kein individueller Zuschnitt. Er wünscht sich ein demokratisches Lernen, wo jeder selbst bestimmen kann, was er wissen möchte. Mit dem Abbruch sei sein Antrieb gewachsen. «Ich wurde kreativ, habe angefangen, Musik zu machen. Das hat sich sehr frei angefühlt», beschreibt er den Ausstieg aus der Uni. Und sein Einkommen? «Das bestreite ich mit dem an Bedingungen geknüpften Grundeinkommen», sagt Peterschun.

Seine große Frage, «Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?», kann er für sich selbst also schon beantworten. Diese Worte hängen bei ihm im Erdgeschossfenster über den bunt bemalten Blumenkästen, jeder kann sie von der Straße aus lesen und im Weitergehen eine Antwort suchen. Für Thomas Peterschun ist das Grundeinkommen mehr als diese 1000 Euro im Monat für jeden und ohne Bedingungen, die in der Debatte immer wieder durch den Raum schweben. Er rechnet keine Zahlen gegeneinander auf.

Er geht lieber durch die Stadt und sieht, was möglich ist. Dass wir in einer hoch technologisierten Welt leben und im absoluten Wohlstand. Dass es Menschen gibt, die aus dem Müll leben - «sogar das ist einkalkuliert». Wie man das Grundeinkommen finanzieren soll? «Es ist genug für alle da, sogar noch mehr. Es wird einfach gerechter aufgeteilt werden.»

Von wem? Noch so ein großes Thema, das vierte inzwischen. «Vom Rechtsstaat, der tatsächlich aus den Bürgern besteht. Das ist heute nicht der Fall.» Einfach so einführen werde deshalb wohl niemand das Grundeinkommen. Da bräuchte es doch eine Revolution, auch wenn Peterschun das Wort nicht benutzt. Revolution von unten natürlich.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Peterschun es für Quatsch hält, Arbeit zu erfinden

Er spricht lieber über den kulturellen Impuls: Wie wäre es, wenn ich mein Leben selbst in die Hand nähme? «Es ist notwendig und zeitgemäß. Es geht nicht anders, sonst wird die Situation immer prekärer. Wir müssen uns weiterentwickeln», findet er. Vor 200 Jahren, da sei die Verbindung von Arbeit und Einkommen vielleicht einmal angemessen gewesen. «Damals musste jeder arbeiten, damit die Gesellschaft funktioniert. Alles wurde mit der Hand gemacht: Der Tisch, die Kerze und das Messer», sagt er und blickt über seinen Küchentisch. «Heute überwacht einer einen Computer, und es kommen 20.000 Messer heraus.»

Dafür gebe man sich größte Mühe, neue Arbeit zu erfinden – dabei wüssten schon Kinder, die eine Baumbude bauen, dass man sich am besten möglichst wenig Arbeit macht, um schnell Spaß mit der Bude haben zu können. «Wir haben das geschafft. Es gibt nur noch sehr wenig Arbeit in der Produktion, wir sollten glücklich sein, leben fast im Paradies», sagt er lächelnd.

Könnten wir zumindest. Aber um den Lebensunterhalt zu verdienen, nähmen die Menschen vieles in Kauf und arbeiteten in unwürdigen Zuständen. Menschen würden stigmatisiert und ließen sich versklaven. Warum nun aber so viele Leute mit Grundeinkommen assoziieren, gar nicht mehr zu arbeiten, kann er überhaupt nicht nachvollziehen. «Es geht dann nur nicht mehr ums Geldverdienen, sondern um die Schönheit des Jobs. Viele Arbeiten wären anders, viele würden auch wegfallen.» Und die Drecksarbeit, die nicht automatisierbar ist? «Die müsste sehr gut entlohnt und attraktiv gestaltet werden.»

Ob er das Grundeinkommen selbst erleben wird? «Ja, denn die Vorstellung, dass nicht, ist noch krasser: Wenn der Trend so weitergeht und die Arbeitsbedingungen noch unwürdiger werden...» Immerhin, ein paar Anker hat das Grundeinkommen in Deutschland schon geworfen. Unter anderem die Petition von Susanne Wiest, die 53.000 Menschen unterschrieben haben. Nach der Wahl wird der Bundestag entscheiden, ob er das Thema verhandelt.

Oder Götz Werner, der Chef der Drogeriekette dm. Er ist der erste gewichtige Fürsprecher eines Grundeinkommens, verficht seine 1982 entwickelte These seit vier Jahren öffentlich. Und er lässt seine Angestellten selbst über Sortiment, Dienstpläne, Vorgesetzte und Gehälter entscheiden. «Auch die Grünen und die Linken sind dafür, und viele kleine Parteien und Direktkandidaten», zählt Peterschun auf.

Und auch er wird jetzt aktiv. Thomas Peterschun hat in Leipzig ein paar Gleichgesinnte gefunden für die Initiative Grundeinkommen und wünscht sich, dass die Gruppe wächst. Vor kurzem haben sie in der Fußgängerzone Passanten Pappkronen aufgesetzt, als Teil der bundesweiten Krönungstournee. Um zu zeigen, dass jeder sein eigener König ist.

mat/iwe/news.de

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • Tobi
  • Kommentar 4
  • 13.08.2013 23:10

Oha, was würde er denn arbeiten? denn so wie die Lage jetzt ist, ist doch für sein Einkommen gesorgt?

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  • Josef Lechner
  • Kommentar 3
  • 11.11.2010 00:33

Wir leben bereits im Paradies nur, wir können es vor lauter gier nicht erfassen.

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  • Igelin
  • Kommentar 2
  • 10.11.2010 16:35

Menschen, die sich über Geld definieren haben ein arges Problem mit dem Selbstwertgefühl und Menschen, die ihren Mitmenschen nicht die Butter aufs Brot gönnen - haben ein noch größeres Problem mit dem Selbstwertgefühl. Die Menschenwürde ist nicht bezahlbar und mit Geld nicht abrechenbar. Wer mehr als seinen Bedarf als sein Einkommen verbucht ist eh ein Betrüger weil der dieses "mehr" anderen Menschen wegnimmt. Wäre das Existenzminimum gedeckt - hatte das Volk mehr Kunst und Kultur

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