Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 27.08.2009, 13.37 Uhr

Beziehung zwischen Mensch und Tier: Seelische Rettungsanker gegen die Anonymität

Was bringt der Hund dem Menschen? Die engste Symbiose zwischen Mensch und Tier hat Professor Reinhold Bergler in verschiedenen Studien untersucht. Und warum ein Hund viele Menschen vor dem Abgleiten bewahrt, erklärt er news.de.

Professor Reinhold Bergler erforschte die Beziehungen von Menschen zu Heimtieren. Bild: privat

Warum haben Menschen Hunde?

Bergler: Weil ein Hund wesentliche Bedürfnisse der menschlichen Lebensqualität zu befriedigen vermag. Bei alten Leuten können Sie das ganz massiv beobachten, ebenso bei Scheidungskindern oder bei Langzeitarbeitslosen.

Funktioniert diese Verbindung Mensch-Hund immer?

Bergler: Alle Ergebnisse meiner Studien gelten nur dann, wenn der Mensch eine positive, konstante, partnerschaftliche Haltung zu seinem Tier hat. Das Verhältnis von Hundehaltern zu ihren Tieren ist nicht homogen, nur ein Drittel hat eine derart positive Beziehung. Die Aussage, wenn man einen Hund hat, dann bewirkt das bei mir grundsätzlich jenes, ist wissenschaftlich nicht vertretbar. Untersuchungen mit Kindern zeigen zum Beispiel, dass die positiven Effekte daran gebunden sind, dass das Kind eine gleichbleibend verantwortliche Beziehung zu dem Tier hat. Dann zeigt sich eine wesentliche Förderung von sozialen Kompetenzen und Leistungsvermögen.

FOTOS: Tierische Probleme Hund und Katz als Fall für den Psychiater

Sie haben die Landzeitarbeitslosen angesprochen. Der Deutsche Tierschutzbund fordert besondere Sozialleistungen für Haustierbesitzer, damit sie ihre Tiere nicht abgeben müssen.

Bergler: Das ist ein zweischneidiges Schwert und wenig erfolgversprechend. Dann fordern andere, wir wollen das Geld auch. Sie können ja Hartz-IV-Empfängern keinen Hund auf Rezept verschreiben, da kommen wir an Grenzen. Aber wenn sie die Leute anschauen, sehen sie, da gibt es eben mal ein Bier weniger, wenn wirklich eine Beziehung mit dem Tier da ist. Sie sagen, ich habe zwar wenig, aber für den Hund wird es immer langen.

Inwiefern hilft der Hund dem Arbeitslosen?

Bergler: Sie haben Menschen vor sich, die dem Risiko sozialer Verarmung ausgesetzt sind: Die Sozialkontakte spielen sich zum Großteil im Berufsleben ab, bin ich also draußen, ist der Risikofaktor soziale Isolierung vor allem in Großstädten außerordentlich. Langzeitarbeitslose verlieren vielfach die Struktur ihres Tagesablaufes. Das ist verbunden mit dem Verlust von Ordnung und der Zunahme partnerschaftlicher Konflikte - bis hin zu den Risikofaktoren Alkohol, Drogen und Verwahrlosung.

Der Hund soll menschliche Gesellschaft ersetzen?

Bergler:
Nicht nur das. Hunde sind soziale Katalysatoren. Hat jemand einen Hund, entstehen andere Gruppen. Er macht längere Spaziergänge als früher, dabei trifft er irgendwelche Menschen, es führt automatisch dazu, dass andere Leute ihn ansprechen. Das funktioniert auch bei Schwerbehinderten im Rollstuhl, die werden viel häufiger angesprochen: «Was für ein schöner Hund...». Das Tier hilft ihm, wieder ein soziales Netz aufzubauen. Außerdem reguliert er den Tagesablauf, denn er muss früh, mittags und abends raus. Da kann ich mich nicht den ganzen Tag aufs Kanapee setzen und vor die Glotze.

Funktioniert dieser Effekt nur beim Hund?

Bergler: Ich haben in meiner Sammlung der Mensch-Tier-Beziehungen auch eine Studie über Wellensittiche. Da haben wir 200 Leuten in Altenheimen angeboten, für acht Wochen einen Wellensittich zu halten, und alle haben ja gesagt. Nach acht Wochen sind wir wiedergekommen, und kein einziger hat ihn zurückgegeben. Aber das Spannende war: Das Klima im Altenheim hatte sich radikal verändert. Nehmen sie nur das Gesprächsthema. Jeder hatte das Tier auf seinem Zimmer, da war es selbst eine Art Gesprächspartner und bekam sofort einen Namen, in Deutschland ist der Hansi hochbeliebt. Den pflegt man und hegt man. Und man hat was zu erzählen mit den anderen Leuten im Heim, jenseits des bislang üblichen. Die Leute waren wieder fröhlich, weil sie die Verantwortung für ein Tier hatten, das vermittelt selbst so ein kleiner Vogel. Die Nachfrage nach Tabletten sinkt, sie gehen nicht mehr zum Arzt.

Das verbreitetste deutsche Haustier ist die Katze, erst an zweiter Stelle kommt der Hund. Was unterscheidet diese beiden Tiere in ihrer sozialen Bedeutung?

Bergler: Bei Risikopatienten, die unter Depressionen litten, haben wir es mal mit Katzen probiert. Sie erfüllen andere Bedürfnisse an die Lebensqualität als ein Hund: Zärtlichkeit, Schmusen, Ästhetik, Unabhängigkeit, Ruhe, Sauberkeit. Ein Hund hingegen ist in erster Linie ein Kommunikationspartner, ein Freund, mit dem ich mich auf die Jagd begebe, der soziale Partnerschaften vermittelt, für manche Leute auch Prestige. Er ist immer für mich da, und ich trage die Verantwortung, mit einem Hund muss ich ja auch arbeiten. Der Hund ist abhängig vom Menschen, während die Katze immer wieder ihre eigene Unabhängigkeit demonstriert.

In der Großstadt kann man zunehmend junge Leute mit großen Hunden beobachten. Auch viele Mädchen, manchmal haben sie sogar zwei.

Bergler: Allgemein kann ich dazu nichts sagen, aber ich habe mal Jugendliche mit Hunden in Berlin studiert. Sie waren sich durchaus der Risikofaktoren der Großstadt bewusst, einige waren Mitbetroffene von Gewaltakten und Aggressivität. Mit Hund fühlen sie sich sicher, er sei sein «seelischer Rettungsanker», hat einer gesagt, daran erinnere ich mich wie heute. Hunde funktionieren für sie als Prävention vor dem Abgleiten, bis hin zur Suizid-Gefährdung. Die Großstadt ist viel von Anonymität geprägt, da sind viel mehr Jugendliche einsam, als es von außen ausschaut. Der Hundebesitzer marschiert mit seinem Kumpel durch die Gegend und fühlt sich wohl dabei. Bei Obdachlosen ist er genauso, nur stärker: der einzig stabile Ort ist ihm sein Hund.

Oder bei Scheidungskindern?

Bergler: Mit Hund entgeht ein Kind viel öfter Verhaltensstörungen wie Aggressivität, weil sein soziales System nicht komplett unterbrochen wird. «Der freut sich, wenn ich komme, der ist immer da», sagen sie. Es erlebt einen konfliktfreien Raum. Man kann nicht sagen, der Hund ersetze einen Menschen, das würde ich auch nicht begrüßen. Aber er ist eine wesentliche Unterstützung, auch im therapeutischen Sinne.

Reinhold Bergler ist emeritierter Professort für Psychologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Als Vorsitzender des Forschungskreises Heimtiere in der Gesellschaft hat er in verschiedenen Studien die Beziehungen von Menschen mit ihren Heimtieren durchleuchtet. Heute lebt Bergler in Nürnberg.

iwe/news.de

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