Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach - 24.06.2009, 13.44 Uhr

Adel in Deutschland: Graf ist kein Ehrentitel mehr

Gräfinnen sind schöne, starke Frauen, Grafen reiche, einflussreiche Männer – soweit die Märchenvorstellung. Die Glanzzeit des deutschen Adels ist längst vorbei. Die Nachfahren seiner Vertreter fallen eher durch Peinlichkeiten auf.

Ferfried Prinz von Hohenzollern wurde erst durch seine Liaison mit Skandalnudel Tatjana Gsell richtig bekannt. Bild: dpa

«Man kann eine Uhr ganz einfach nicht zurückdrehen, und bei uns ist die Uhr für die Monarchie eben 1918 abgelaufen», sagt Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Für den Adel begann damals eine neue Ära: Der Kaiser hatte abgedankt und die Weimarer Reichsverfassung alle Privilegien abgeschafft.

Adel und Normalbürger sind seitdem vor dem Gesetz gleichgestellt. Graf sei somit kein Ehrentitel mehr, sondern nur noch Bestandteil des Namens, erklärt Seelmann-Eggebert. Und wird deshalb nach dem Vornamen geführt.

Diese Namenszusätze wie bei Gunilla Gräfin von Bismarck oder Ferfried Prinz von Hohenzollern lassen noch auf die adelige Herkunft ihrer Vorfahren schließen. Doch repräsentieren sich die Träger heute zumeist selbst und fallen nicht immer durch ihren politischen Einfluss auf - bei Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ist das vielleicht noch anders.

Rolf Seelmann-Eggebert hat nicht nur als Hofberichterstatter bei der Queen gearbeitet, sondern auch viele deutsche Adelshäuser filmisch porträtiert. «Diese Familien haben sich nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf ihr Selbstverständnis gut gehalten und in der Vergangenheit kaum Schlagzeilen gemacht», sagt der Adelsexperte. Er habe bei seinen Recherchen interessante Eindrücke gewonnen, wie die Angehörigen früherer Regenten-Familien zu ganz normalen Bürger wurden.

Der Adel als untergegangene Gesellschaftsschicht ist unter den Namensträgern durchaus lebendig, Traditionen werden gepflegt. So berichtet Jürgen Worlitz, ebenfalls Experte für Adelsangelegenheiten, über die Taufe von Laszlo von Bismarck, dem Ur-Ururenkel des Eisernen Kanzlers, wie über einen Staatsakt.

In einem Interview versucht der Journalist die Faszination zu erklären, die der Adel vor allem auf ältere Frauen ausübt: «Dort treffen sich Tradition und bekannte Namen, toller Schmuck, tolle Kleider, schöne Schlösser. Das alles zusammen gesehen ist eine Welt, aus der die Träume sind. Da guckt man gerne mal über den goldenen Tellerrand und möchte wissen, was da so los ist.»

Ihr Augenmerk legen die beiden Experten auf den wirklich namhaften Adel. Sie folgen nicht dem so blühenden Geschäft mit Pseudoadelstiteln. Da verkauft eine gewisse Marie Auguste Prinzessin von Anhalt ihren guten Namen und adoptiert gegen ein großes Entgelt Hans-Robert Lichtenberg. Der nennt sich fortan Frédéric Prinz von Anhalt, heiratet Hollywood-Schauspielerin Zsa Zsa Gabor und schreckt auch sonst vor nichts zurück, um in die Schlagzeilen zu kommen. Er wiederum verkauft den erkauften Titel weiter an einen Bordellbetreiber.

Durch Peinlichkeiten fallen auch die erblich rechtmäßigen Besitzer von Adelstiteln auf. So schmuste der bereits erwähnte Prinz von Hohenzollern alias «Foffi» öffentlich mit Skandalnudel Tatjana Gsell. Oder sie suchen im TV nach einer Gräfin. Gloria von Thurn und Taxis manövrierte sich mit konservativen Thesen, Anti-Kondom-Argumentation und Aussagen wie «Der Neger schnackelst mehr als wir», des Öfteren ins gesellschaftliche Abseits.

Blaublütige faszinieren dennoch weiterhin, weil sie in Deutschland eine lange Tradition haben, auch wenn es sie eigentlich nicht mehr gibt. «Kinder wachsen wie wir früher mit Märchen auf, in denen Prinzen und Prinzessinnen eine große Rolle spielen. Dazu kommt, dass Monarchien in der Regel etwas mehr Glanz entwickeln, als wir selbst das tun», meint Seelmann-Eggebert .

iwi

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