Go East «Schöne Landschaften sind nicht alles»

Ostdeutschland ist anders als man denkt. Das hat Steffen Möller in seinem Vortrag bei der Tourismuskonferenz Go East behauptet. Der Schauspieler und Kabarettist lebt in Polen und hat dort eine Kampagne für Ostdeutschland entwickelt, die genauso heißt.

Steffen Möller (Foto)
Steffen Möller wirbt in Polen für Deutschland. Bild: news.de

Sie sind nach Osten gegangen, haben aber den deutschen Osten links liegen lassen. Warum sollte man trotzdem dorthin reisen?

Möller: Na das stimmt nicht ganz, ich habe im Gegenteil zuerst den deutschen Osten entdeckt. Ich bin von Wuppertal aus nach Berlin gegangen, habe dort vier Jahre studiert und extra in Ostberlin gewohnt, habe viele Ausflüge gemacht, nach Dresden, Leipzig oder Niederfinow oder Bukow oder Frankfurt. Nach vier Jahren hatte ich das Gefühl, jetzt kenne ich das, jetzt will ich weiter in den Osten.

Was ist denn der Charme des Ostens?

Möller: Für mich hat der deutsche Osten den Reiz, dass er ein Übergangsgebiet ist zwischen Westdeutschland und Polen, nicht nur im geografischen, sondern auch im Mentalitätssinn. Die Ostdeutschen haben in mancher Hinsicht schon eine slawische Mentalität, sind gastfreundlicher, höflicher, und haben weniger die Fähigkeit, nein zu sagen. Außerdem sind die ostdeutschen Länder, ähnlich wie Polen, ein junges Gebiet, wo viel renoviert wird und es viele Initiativen gibt. Wenn ich nach Wuppertal komme und die alten kaputten Busse sehe und die müden Leute, dann habe ich das Gefühl, der Osten ist dynamischer.

Was ist am Osten anders als man denkt?

Möller: Man denkt ja doch bei Ostdeutschland immer noch an Stasi, an Polizeistaat. Die Polen vor allem denken an die alten Grenzkontrollen, bei denen sie ziemlich schikanös behandelt wurden.

Worum geht es in Ihrer Kampagne?

Möller: Die Polen wissen gar nicht, welche Events es in Ostdeutschland gibt. Unsere Kampagne zielt nicht darauf ab, dass man drei Wochen Urlaub auf Usedom macht, sondern auf Eventtourismus. Für ein Wochenende mit der Familie nach Tropical Islands oder ins Golfressort Flesensee, oder unser neuester Film war über den Oder-Neisse-Fahrradweg, 1000 Kilometer. Damit wird Ostdeutschland ganz sicher nicht assoziiert.

Viele Westdeutsche und Westeuropäer finden den Osten immer noch exotisch, waren nie da. Woran liegt das?

Möller: Mein Bruder war gerade vier Jahre in Frankreich und hat mir erzählt, dass das Image, das die Polen in Deutschland haben, genauso für die Deutschen in Frankreich gilt. Ein Franzose würde niemals einen Sommerurlaub in Deutschland planen. Für die beginnt Sibirien am Rhein, für uns beginnt es an der Oder. Und für die Polen übrigens an der ukrainischen Grenze. Das ist so eine West-Ost-Arroganz, die zieht sich von England bis Japan.

Glauben Sie, dass sich der spezielle Charme Ostdeutschlands fürs Ausland schwerer erschließt?

Möller: Ja, das ist sicher so. Ich glaube, dass man da mit so Allgemeinplätzen wie schöne Landschaften und reizvolle Städte nicht weiterkommt. Man muss es an konkreten Beispielen zeigen – Tropical Islands hat jetzt schon zur Hälfte polnische Touristen. Die Polen amüsieren sich gerne, lieben Vergnügungsparks.

Kann sich eine durchschnittliche polnische Familie Auslandsreisen überhaupt leisten?

Möller: Die Polen sind sehr reiselustig, weltoffen und neugierig. Viel mehr als Tschechen, auch als Italiener und Franzosen. Das Potenzial ist enorm, das sieht man auch an den Auswandererzahlen. Die zwei Millionen in England und Irland, das ist ja nicht nur aus materiellen Gründen.

Machen Polen noch einen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland?

Möller: Die ostdeutschen Länder sind in Polen viel weniger beliebt als die Westdeutschen. Weil man der DDR übel nimmt, dass sie noch Moskau höriger waren als die Polen. Man unterstellt den DDRlern, dass sie überzeugte Kommunisten waren. In Polen war ja jeder im Widerstand. Das sind alles so alte Klischees, die immer noch in den Köpfen rumspuken.

Was hat Ostdeutschland in Sachen Marketing falsch gemacht?

Möller: Ostdeutsches Marketing in Polen – das gibt´s gar nicht. Österreich sehr, ich sehe italienische, ägyptische, zypriotische Plakate, aber wenn Sie mich fragen, ob ich schon mal ein ostdeutsches gesehen habe, muss ich passen. Falsch gemacht haben sie einfach, dass sie noch gar nichts gemacht haben. Aber die Aufgabe ist hundsschwer. Wir versuchen es ja mit Selbstironie. Es geht, glaube ich, vor allem darum, dass die Deutschen doch anders sind, als sie glauben. Das sie auch ein bisschen Humor haben.

Steffen Möller (40) stammt aus Wuppertal und lebt seit 15 Jahren Polen, wo er zum Star avancierte. Er spielt in einer Serie, die durchschnittlich zehn Millionen Zuschauer hat, gewann Fernsehpreise und moderiert seit 2005 die polnische Version von «Wetten dass...?!». Im vergangenen Jahr veröffentlichte er das Buch «Viva Polonia: Als deutscher Gastarbeiter in Polen».

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