Interview zu Ostalgiepartys Pfefferminzschnaps zur Völkerverständigung

DDR-Partys: «Ostalgie» in Bayern (Foto)
Veranstaltet Ostpartys im Westen: Janka Kreißl. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Bambinaschokolade, Bratwurst aus Thüringen und Begrüßungseierlikör im Waffelbecher - 20 Jahre nach dem Mauerfall sind Ostpartys im Westen angesagt. News.de sprach mit Janka Kreißl. Sie veranstaltet die Feiern gegen die Mauer in den Köpfen.

Sind das Ihre eigenen Erinnerungen, die Sie aufleben lassen wollen?

Janka Kreißl: Es geht nicht so sehr um Erinnerungen, sondern darum, Menschen zusammenzubringen. Ich bin 2005 nach Bayern gekommen und habe viele Leute in meinem Alter getroffen, die noch nie im Osten waren. Die meisten haben ihre Vorurteile gepflegt. Dann kam mir die Idee zur Party als Schritt zur Völkerverständigung.

Konnten Sie mit den Vorurteilen aufräumen?

Kreißl: Ich finde schon. Wir haben Wandzeitungen mit Texten und Bildern, die DDR-Eigenheiten erklären. Da kommen schon die Einheimischen und sagen: Toll, das hat uns bisher keiner vermittelt. Wir zeigen zum Beispiel diese ganzen Urkunden, die man in der DDR bekommen hat, für die Teilnahme am Rezitationswettbewerb und an der Spartakiade oder für gutes Lernen in der sozialistischen Schule.

Wer besucht Ihre Veranstaltungen?

Kreißl: Zirka drei Viertel der Leute sind Ossis. Die Wessis, die kommen, haben einen Bezug zum Osten, sei es der ostdeutsche Ehepartner oder Freund. Einem typischen Bayern ist so eine Veranstaltung auch egal. Der will davon nichts wissen. Aber wenn du schon mal an der Ostsee im Urlaub warst oder einen Arbeitskollegen aus Sachsen hast, nimmst du so etwas ganz anders wahr.

Wie muss man sich so eine Party vorstellen?

Kreißl: Draußen kommt man schon an vier Trabis vorbei, es gibt einen Stand mit Thüringer Bratwurst und jeder Gast bekommt einen Begrüßungseierlikör im Waffelbecher. An einem Konsumstand gibt es Waren des täglichen Bedarfs und einen Kuchenbasar mit Russischem Zupfkuchen, Papageienkuchen oder Kaltem Hund. Die DJs spielen Klassiker, nicht nur Ostlieder wie «Jugendliebe». Wir haben ja früher auch Bayern 3 gehört, und David Hasselhoffs «Looking for Freedom» - kann man auch sehr gut auf einer Ostparty spielen.

Haben die ostdeutschen Gäste, die zur Party kommen, die DDR alle noch erlebt?

Kreißl: Das ist sehr unterschiedlich. Das Alter der Gäste liegt zwischen 20 und 60 Jahren. Wir haben Eltern mit ihren Kindern, die schon hier geboren wurden. Die Eltern sagen, jetzt kaufst du mal die Schlagersüßtafel am Konsumstand, damit du weißt, was wir früher gegessen haben.

Woher kommen die Dinge, die Sie am Konsumstand anbieten?

Kreißl: Die Produkte kaufe ich zuhause in Thüringen und importiere sie nach Bayern. Im Supermarkt hier gibt es zum Beispiel keinen Pfeffischnaps, der geht bei uns immer weg wie warme Semmeln. Ich trinke den aber nicht, der schmeckt wie Mundwasser (lacht). Ich habe auch schon versucht, ein paar Supermärkte zu überreden, den ins Sortiment aufzunehmen. Zu einem polnischen Marktleiter habe ich gesagt: ‹Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie kommen in ein Land und dann gibt´s da gar nichts von den Sachen, die sie sonst kennen. Wäre es nicht schön, wenn wenigstens der Schnaps da wäre?› Er sagte, er versteht mich zwar, aber kann da nichts machen.

Fühlen Sie sich 20 Jahre nach dem Mauerfall noch ostdeutsch?

Kreißl: Ich bin, was das angeht, irgendwie komisch. Ich war ein Jahr in Australien und in so vielen anderen Ländern. Ich weiß nicht so richtig, als was ich mich fühle, aber werde schon pampig, wenn jemand die ostdeutsche Identität als solche angreift. Aber ich muss mich nicht ständig als Ossi präsentieren.

Sie sprechen Hochdeutsch. Bei Ihnen fällt es gar nicht auf, dass sie aus dem Osten kommen.

Kreißl: Ja, wenn ich sage, dass ich in Leipzig studiert habe, dann sagen die Leute: Mensch, du redest ja ganz normal. Genau das will ich den Leuten vermitteln: Wir sind wie ihr. Vielleicht haben manche einen unschönen Dialekt, aber wenn einer aus der Oberpfalz mit mir spricht, finde ich das vielleicht auch komisch.

Sie kommen aus dem Thüringer Wald. Haben die Menschen dort eventuell eine andere Sicht auf das Ostdeutsch sein als die Leipziger?

Kreißl: Dadurch dass wir aus dem Grenzgebiet sind, haben wir noch eine andere Wahrnehmung. Wir hatten ja sofort, als die Grenze auf war, direkten Kontakt zum Westen. Während ich wetten könnte, dass drei Viertel der Augsburger noch nicht mal im Osten waren. Für sie ist Italien viel näher. Die denken sich, was soll ich da hochfahren, wenn ich in vier Stunden am Gardasee sein kann. Ich mache das auch an der Mentalität der Leute fest. Bayerische Schwaben sind schon teilweise sehr träge und konservativ behäbig.

Wie reagieren die «Wessis», die nicht zu Ihren Partys kommen, auf die Veranstaltungen?

Kreißl: Einmal wurde ich beim Flyer auslegen von der Seite angekeift: ‹Davon haben wir schon genug!› Ich hab es erst gar nicht verstanden und frage: ‹Wovon?›. Die Antwort: ‹Ja, von den Ossis.› Bei den ersten zwei Partys war ich noch blauäugig und dachte, ich könnte jeden dorthin kriegen. Dann kamen die klassischen Diskussionen. Von wegen wie kann man dieses System verherrlichen. Deshalb möchte ich die Partys völlig unpolitisch halten. Es gibt keine Uniformen, kein Antreten zum Fahnenappell. Das ist nicht der Sinn der Sache, es geht rein um die Lebenswelt im Privaten, die man hatte, nicht das Regime oder den Staat.

Janka Kreißl kommt aus einer kleinen Stadt im Thüringer Wald und hat in Leipzig studiert. Vor drei Jahren zog sie der Liebe wegen nach Augsburg. Dort kam ihr die Idee zur Ostparty. Die 32-Jährige arbeitet in einer PR-Agentur. Nach sechs veranstalteten Partys sind jedoch vorerst keine weiteren geplant.

kab

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