Thomas Reiter im Interview «Ausgeschlossen, dass wir die Einzigen sind»

So lange wie er hat es bisher noch kein Europäer geschafft: Thomas Reiter verbrachte 350 Tage im All. Mit news.de sprach er über den Ausblick von oben, über Weltraumtourismus, die technische Entwicklung und außerirdisches Leben im All.

Thomas Reiter (Foto)
Thomas Reiter - unser Mann im All. Bild: news.de

Es heißt ja, als Astronaut ist man weit weg von den Problemen auf der Erde. Spielen bei einem Flug ins All die Spannungen zwischen den Regierungen für die Raumfahrer eine Rolle?

Thomas Reiter: Aufgrund des beachtlichen Ausblicks auf unseren Planeten wird man dazu angeregt, sich über das Zusammenleben auf der Erde Gedanken zu machen. Tagesaktuelle Dinge kommen weniger zur Sprache. Während meiner ersten Mission im Orbit von 1995 bis 1996 war gerade der Tschetschenienkrieg. Das war so ein Tabuthema. Da hatten meine russischen Kollegen ihre Ansichten dazu. Und wir Europäer eine etwas abweichende Haltung.

Wurde das als Tabuthema vor dem Flug festgelegt, oder haben Sie sich persönlich zurückgehalten?

Reiter: Das war eher Letzteres. Ich habe gemerkt, welche Meinung meine russischen Kollegen dazu hatten. Das war dann mehr das Taktgefühl von beiden Seiten. Man weiß ja auch, dass man tagtäglich aufeinander angewiesen ist. Die Arbeit muss Hand in Hand gehen. Da ist für Konflikte, die sich aus unterschiedlichen Weltanschauungen ergeben, kein Platz.

Sie haben bereits den Ausblick angesprochen. Gibt es eine Region der Erde, die von oben aus betrachtet am schönsten ist?

Reiter: Die Wüstengebiete haben mich besonders fasziniert. Dort konnte ich aufgrund der Dünen und Felsformationen eine Vielzahl von Farben, Formen und Texturen sehen. Aber ebenso sind die Korallenatolle im Pazifik wunderschön. Sich festzulegen ist aber schwierig. In den 90 Minuten einer Erdumkreisung hat man immer einen Sonnenauf- und Untergang. Das ist immer wieder ein anderes Farbschauspiel. Auf der Nachtseite können sie über Gewitterzonen fliegen, in denen man sämtliche Blitze aufzucken sieht. Dann sieht man beispielsweise Polarlichter auf der nördlichen und südlichen Halbkugel ...

Was halten Sie vom Weltraumtourismus?

Reiter: Ich wünsche mir, dass es für jedermann einmal möglich sein wird, unseren Planeten aus dieser überwältigenden Perspektive zu sehen. In der Zeit, in der ich zum zweiten Mal im All war, kam ja Anousheh Ansari - eine Amerikanerin iranischer Abstammung - zu Besuch auf die ISS. Ich war am Anfang sehr skeptisch, ob es eine gute Idee ist, eine Touristin aufzunehmen. Aber das hat super geklappt. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt und mitgeholfen, wo sie nur konnte.

Ist Weltraumtourismus denn bald etwas für jedermann?

Reiter: Dieser Weltraumtourismus, wie ihn die Russen betreiben, wird jetzt erstmal wieder etwas einschlafen, obwohl nun bald Guy Laliberté vom Cirque du Soleil mit zur ISS fliegen soll. Der Platz ist aber nur kurzfristig frei geworden, nachdem Kasachstan aus Kostengründen auf die geplante Entsendung eines Kosmonauten verzichtet hat. Doch in Zukunft wird die ISS permanent mit sechs Leuten besetzt sein. Und in so eine Sojus-Kapsel gehen ja nur drei Leute rein. Drei Leute werden mit ihr nach oben fliegen und die drei Leute oben ablösen, die mit der Kapsel wieder nach unten fliegen. Und da ist dann tatsächlich kein Platz mehr für einen Touristen.

Und was ist mit Virgin Galactic, ist das kein Weltraumtourismus?

Reiter: Sir Richard Branson will das neu entwickelte Raketenflugzeug bis an die Grenzen der Atmosphäre bringen. Das ist natürlich schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung. Die Raketenflugzeuge werden von einem Trägerflugzeug in eine Höhe von zwölf Kilometern gebracht. Dann wird das Raketenflugzeug gezündet und fliegt bis zum Brennstopp in eine Höhe von 100 Kilometern. Bis das Flugzeug wieder in der Atmosphäre ist, hat man eine Phase der Schwerelosigkeit von mehreren Minuten. Aber von da bis in den Orbit ist es technologisch ein riesiger Schritt. Da liegen Welten dazwischen.

Welches sind bei der professionellen Raumfahrt die nächsten Etappen? Wann landet der erste Mensch auf dem Mars?

Reiter: Das ist heute noch nicht so einfach zu sagen. Ich denke aber, dass dieser Moment mit Sicherheit kommen wird. Aber ob das in 20 oder in 30 Jahren sein wird, kann ich nicht sagen. Es ist aus meiner Sicht so, dass eine solche Mission nicht nur von einer Nation getragen werden kann. Es müssen alle Raumfahrtnationen zusammenarbeiten.

Und wie sieht es mit der Technologie aus?

Reiter: Auch wenn die Technologien dafür im Großen und Ganzen vorhanden sind, gibt es in bestimmten Bereichen noch Entwicklungsbedarf. Eines der Probleme ist die kosmische Strahlung. Während man am Bord der ISS in einer Höhe zwischen 350 und 400 Kilometern noch innerhalb des Erdmagnetfeldes und damit noch einigermaßen von der kosmischen Strahlung geschützt ist, wäre das beim Flug zum Mars eben nicht der Fall. So eine Mission mit Hinflug, Aufenthalt und Weg zurück zur Erde wird so etwa zweieinhalb bis drei Jahre dauern. Und da müsste man sich noch Gedanken machen, wie man die Besatzung über eine so lange Zeit vor der kosmischen Strahlung schützt. Es gibt dazu erste Untersuchung über leichte Kunststoffe oder eine Wasserummantelung.

Und wann ist die nächste Mondmission geplant?

Reiter: Es gibt momentan eine Diskussion in den USA darüber, ob die Nasa bei ihren Plänen zur Rückkehr des Menschen zum Mond festhält. Das war bisher für Ende des nächsten Jahrzehnts geplant. Ursprünglich hatte die Nasa vor, eine permanente bemannte Station auf dem Mond zu errichten. Das wird jetzt nach der Wahl aber erneut überdacht, ob das wirklich Ende des nächsten Jahrzehnts möglich ist, ob das Amerika wirklich alleine machen will oder ob es das mit seinen internationalen Partnern zusammen plant.

Mit welchen anderen Staaten könnten die USA dafür zusammenarbeiten?

Reiter: China hat ebenso angekündigt, Menschen bis Ende des nächsten Jahrzehnts zum Mond schicken zu wollen. Unmöglich ist das nicht. Sie haben bereits zwei bemannte Missionen erfolgreich realisiert. Indien ist auch auf dem Weg in die bemannte Raumfahrt. Das Land plant, bis zum Jahr 2015 Menschen in den Orbit zu schießen. Russland ist sowieso immer ein Partner in diesen Fragen. Welche Rolle Europa dabei spielen wird, das ist eine politische Entscheidung. Was unsere technologischen Kapazitäten betrifft, könnten wir sehr wohl ein Partner sein.

Die klassische Frage für einen Astronauten: Glauben Sie an außerirdisches Leben?

Reiter: Für mich ist es eine Frage der Wahrscheinlichkeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesem riesigen Universum nicht noch irgendwo Leben, wenn nicht gar intelligentes Leben, existiert. Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir die Einzigen sind. Aber solange wir noch kein anderes Leben entdeckt haben, bleibt es bei dieser eher theoretischen Betrachtung.

Wollen Ihre beiden Söhne eigentlich auch Astronauten werden?

Reiter: Das ist im Moment noch ein bisschen schwer zu sagen. Sie interessieren sich für Technik, das ist schon mal sehr viel wert. Beide sind kleine Tüftler. Ich würde mich freuen, wenn sie in die Fußstapfen des Vaters treten. Aber wenn sie irgendetwas anderes machen, dann finde ich das auch in Ordnung. Denn am Ende müssen sie mit ihrem Beruf zufrieden sein und klarkommen. Alles, was sich die beiden wünschen, das werde ich unterstützen. Wenn es in Richtung Raumfahrt geht, würde mich das erst recht freuen.

Haben sich die beiden dahingehend noch nie geäußert?

Reiter: Ja, ich sag das mal sehr verhalten. Dass sie begeistert sind von der Raumfahrt, das steht außer Frage. Sie konnten das ja aus allernächster Nähe beobachten und miterleben. Ich denke, da ist etwas hängengeblieben und der Funke ist übergesprungen. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass meine Söhne auch die Kehrseite der Medaille kennen. Das vergisst man meistens, wenn man von außen drauf schaut. Sie wissen, wie viel Arbeit es bedeutet, wie lange man lernen und trainieren muss. Deshalb werden sie sich gut überlegen, ob sie diesen Weg einschlagen.

Fliegen Sie nochmal ins All?

Reiter: Bei meiner Position, die ich jetzt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR einnehme, ist es eher unwahrscheinlich. So eine Aufgabe im Vorstand, zuständig für Raumfahrtforschung und -entwicklung, ist keine Aufgabe, die man mal für zwei, drei Monate macht und dann zurück in die aktive Raumfahrt geht. Aber ich halte meinen medizinischen Status aufrecht. Und so alt bin ich noch nicht. Der Hans Schlegel, der im vergangenen Jahr das Columbus-Modul zur ISS gebracht hat, wird dieses Jahr 57. Ich bin jetzt 51 Jahre alt. Also momentan wäre es noch möglich. Doch abgesehen von meiner jetzigen Aufgabe ist es Zeit, dass einmal die Jüngeren drankommen.

Thomas Reiter ist deutscher Raumfahrer. Zu seiner ersten Mission startete der geborene Frankfurter am 3. September 1995. Insgesamt 179 Tage verbrachte er damals an Bord der russischen Raumstation Mir. Am 4. Juli 2006 startete Reiter erneut zu einer Mission ins All. Sein zweiter Flug hatte die Internationale Raumstation ISS zum Ziel, auf der er anschließend 166 Tage lebte und arbeitete. Heute ist Thomas Reiter Mitglied des Vorstands des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und dort für Raumfahrtforschung und -entwicklung zuständig.

aro

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • nette
  • Kommentar 1
  • 23.05.2010 22:02

zu: "Ausgeschlossen, daß wir die Einzigen sind"! Nehmen wir mal die Bibel Jesaia: "Ich habe was Neues geschaffen - erkennt ihrs?" Es geht noch was bei Jesaia in diese Richtung - mit "neuen Erden" die er schafft oder mit einer neuen Erde Das "Jüngste Gericht" in dem man entweder von den Leiden von auf der Erde vergessen soll oder eben "in die Hölle kommt". PYSIKER gehen davon aus u.das klingt ganz ähnlich, das es "Paralellwelten" gibt wo nur alles genauso wäre wie auf unserer Erde nur: Alles anders! Wer hier berühmt und reich ist - ist dort nicht berühmt und arm und umgekehrt!

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