Geo-Engineering Visionär in der Vernebelungs-Maschine

John Holdren, Obamas neuer Mann für Wissenschaft, ist eine spektakuläre Wahl. In seinem erstem offiziellen Interview lehnt er sich mit einer Randbemerkung zum Geo-Engineering als Klima-Vision weit aus dem Fenster des Forschungs-Establishments.

Dürre-Notstand in Zentralchina auf höchster Stufe (Foto)
Dürre wie hier in China lässt sich künstlich bekämpfen. Aber können solche Konzepte das Klima retten? Bild: dpa

John Holdren, neuer Wissenschafts-Berater des US-Präsidenten Obama, hat mit seinen Aussprüchen zu experimenteller Wetterbeeinflussung einen kleinen Überraschungscoup gelandet. Dass der neue Energie- und Klima-Experte im US-amerikanischen Politbüro für Forschung und Technologie OSTP revolutionäre Ideen zum Klimaschutz vorlegen könnte, war abzusehen.

Klimawandel und globale Erwärmung wurden zu Zeiten der Bush-Administration unter «ferner liefen» abgehandelt, Obamas Amtsvorgänger umgab sich vor allem mit Forschern aus der Klimaleugner-Ecke. Der neue Präsident hat nun von Anfang an deutlich gemacht, dass er speziell in Sachen Energie- und Forschungspolitik einen anderen Weg einschlagen würde.

Für US-Wissenschaftler ist das Ende von Bushs restriktiver Haltung zu Forschung und Wissenschaft Anlass zum Aufatmen. Zu lange gingen politische Befindlichkeiten zu Lasten heikler Wissenschaftsthemen – von Stammzellforschung bis zum Biologieunterricht in Schulen. Obamas Personalentscheidung ist symbolisch für den Wechsel: der zukunftsgewandte Naturwissenschaftler Holdren ist die Antithese zu der überpolitisierten und teils extrem forschungsfeindlichen Politik der vergangenen Jahre.

Trotzdem: das Ausmaß der Radikalität von Holdrens gestrigem Vorschlag verblüffte, auch wenn er nur im Nebensatz kam und sein Büro gleich wieder zurückruderte.

Zur Bekämpfung der globalen Erwärmung müssten auch Vorschläge zur groß angelegten Klima-Manipulation diskutiert werden, hatte er im Interview gesagt - und auf das sogenannte Geo-Engineering angespielt. Dabei gehe es nicht um einen klimapolitischen Kurswechsel, sondern allein darum, Offenheit auch für außergewöhnliche Visionen herzustellen. «Wir müssen uns diese Ideen zumindest anschauen. Konzepte einfach vom Tisch zu fegen, dazu sind wir derzeit in keiner Position», so der Klima-Fachmann.

Das Argument, man könne sich nicht leisten, verrückte Klimarettungs-Vorschläge gleich zu verwerfen, überzeugt - nachdenken über Visionen kann zumindest nicht schaden. Doch ist die absichtsvolle Manipulation des Erdklimas mit technischen Mitteln überaus heikel. Und zudem als Konzept so vielfältig, dass der Grad der Verrücktheit stark auf die jeweilige Methode ankommt. Konkret bezog sich Holdren auf Überlegungen des niederländischen Chemie-Nobelpreisträgers Paul Crutzen, der mit in die obere Atmosphäre geschossenen Schwebeteilchen eine Art «Sonnenschutz» aus Wolken um die Erde errichten will.

Tatsächlich nehmen heutige Methoden der Klima-Beeinflussung teils groteske Züge an. Die Dürre in China im Februar wurde ausdrücklich nicht mit langfristigen Infrastruktur- und Bewässerungslösungen angegangen, sondern indem Wolken durch Chemikalien-Beschuss zum Abregnen gezwungen wurden. Der resultierende Niederschlag blieb eher überschaubar, ein Allheilmittel gegen Regenmangel ist die Kanonen-auf-Wolken-Taktik wahrlich nicht.

Was eine Eindämmung des Treibhauseffekts mit chemischen und physikalischen Hilfsmittel angeht, klingt der Großteil der Ideen tatsächlich verrückt - und in etwa so wissenschaftlich wie der Versuch, mit laufender Klimaanlage und heruntergekurbeltem Autofenster im Vorbeifahren schwitzende Passanten in der Innenstadt abzukühlen. Manche kleinformatige Wetter-Manipulationen, etwa der Einsatz von Rauchschwaden in Obstplantagen ebenfalls zu Kühlungszwecken, funktionieren hingegen wunderbar, solange es bei der Mikro-Größenordnung bleibt.

Für jedes über Obstgarten-Formate hinausgehende Projekt muss sich das Geo-Engineering aber erst vom Stigma des totalen Größenwahns befreien. Dazu müsste das Konzept tatsächlich den Praxistest bestehen - womit wir wieder bei Holdren wären, der genau das fordert: Statt CO2-Verschmutzung mit anderweitiger Luftverschmutzung (Schwefel) zu bekämpfen, sollte man besser die verrückten Ideen erstmal diskutieren.

mik

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