Berlusconi zum Beben «Wie ein Camping-Wochenende»

Silvio Berlusconi ist für seine deftigen Äußerungen bekannt. Einen Volltreffer liefert Italiens Regierungschef nun mit seinem verbalen Schulterklopfer für die Erdbebenopfer: «Wie ein Camping-Wochenende» sollen sie die Zeit in den Zelten genießen.

Berlusconi Erdbeben San Demetrio  (Foto)
Silvio Berlusconi (l.) besucht die Zeltunterkünfte in San Demetrio bei L'Aquila. Bild: ap

Natürlich sei das «absolut provisorisch», sagte er dem Fernsehsender n-tv bei einem Besuch in einer der Sammelstellen nach dem Abruzzen-Erdbeben. Aber es fehle an nichts, es gebe Medikamente, warmes Essen und Decken für die Nacht.

Am Dienstag hatte Berlusconi in L'Aquila den Menschen, deren Häuser zerstört wurden oder nicht mehr bewohnbar sind, eine Auszeit an der Adriaküste auf Staatskosten empfohlen, während der Staat eine Liste der beschädigten Häuser anlege. In einer Zwischenbilanz des verheerenden Bebens sagte der Regierungschef, 10.000 Menschen seien in Hotels an der Adria untergebracht worden, weitere 17.700 Menschen harrten in Zelten aus, die von den Behörden errichtet wurden. Insgesamt wurden demnach fast 28.000 Menschen in der Region obdachlos. Die linke Zeitung L'Unità fasste die Äußerungen des Milliardärs und Medienzars so zusammen: «Geht ans Meer, ich zahle alles.»

Seit Montag wurde die Region von etwa 430 zum Teil starken Nachbeben erschüttert, die unter den Bewohnern große Angst verbreiteten. Tausende verbrachten nach der Zerstörung ihrer Häuser die zweite Nacht in Zelten. «Ich habe so schlecht geschlafen, weil ich die Nachbeben gespürt habe», sagte Daniela Nunut am Mittwochmorgen. Die 46-Jährige und ihr Mann wollen vorerst in einer Zeltstadt in L'Aquila ausharren. «Was sollen wir machen? Wir können ja nicht in die Häuser», sagte Nunut. Einige Bewohner der etwa 20 Zeltstädte in L'Aquila erklärten, dass sie nachts nicht ausreichend gegen die Kälte geschützt seien.

Die Zahl der Opfer steigt unablässig an. Mittlerweile sind 260 Tote geborgen worden, teilte Berlusconi heute in den Abruzzen mit. Darunter sind nach seinen Angaben 16 Kinder. Neun der Toten konnten noch nicht identifiziert werden.

Unter den Toten sind vermutlich auch vier Studenten, nach denen in einem eingestürzten Wohnheim fieberhaft gesucht wurde. Die Retter gruben seit Dienstagabend nicht mehr mit bloßen Händen in den Trümmern, sondern setzten schweres Gerät ein. Universitätsrektor Ferdinando Di Orio sagte, die vier Studenten seien wahrscheinlich tot, wenn nicht noch ein Wunder geschehe. Unter den Opfern sind auch drei Ausländer, ein Student aus Griechenland und zwei tschechische Studenten.

Innenminister Roberto Maroni hatte angekündigt, dass bis Ostern rund um die Abruzzen-Hauptstadt L'Aquila nach Verschütteten gesucht werde. Berlusconi hatte bei seinem zweiten Besuch in L'Aquila am Vortag nur eine Frist bis Donnerstag genannt.

Lesen Sie auf Seite 2, wie hoch die finanziellen Schäden sind

Die Helfer gehen davon aus, dass die Opferzahl weiter steigen wird. Die Katholische Kirche hat eine Staatstrauerfeier am Karfreitag in der Abruzzen-Hauptstadt L'Aquila vorgeschlagen. Unterdessen rückten 1500 Statiker und Techniker an, um Tausende zerstörter Häuser zu inspizieren.

Die Versicherungsschäden könnten sich auf bis zu 400 Millionen Euro belaufen. Das erklärte das auf Risikoschätzungen spezialisierte Unternehmen AIR Worldwide. Die Schätzung umfasse Schäden an privaten, geschäftlichen und öffentlichen Gebäuden, nicht aber den Schaden durch den Ausfall des Geschäftsbetriebs für Unternehmen. Der Gesamtschaden könnte sich laut AIR auf zwei bis drei Milliarden Euro summieren, davon sei aber nur ein geringer Teil versichert.

Italien hofft auch auf finanzielle Unterstützung der EU. Die italienische Regierung habe Interesse an Mitteln aus dem EU-Solidaritätsfonds signalisiert, verlautete aus Kommissionskreisen in Brüssel. 2003 erhielt Italien zur Bewältigung der Schäden nach einem Erdbeben und einem Ausbruch des Vulkans Ätna insgesamt 47,6 Millionen Euro aus dem Solidaritätsfonds.

iwi/seh

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