Von news.de-Redakteurin Rieke Havertz - 06.03.2009, 06.33 Uhr

USA: Wunschkind auf Bestellung

Wird es ein Junge mit blauen Augen? Oder ein Mädchen mit dunklen Locken? Bisher war diese Entscheidung Sache der Natur. In den USA wollte ein Arzt Eltern ihren Wunsch nach einem Baby nach Maß erfüllen. Das Projekt wurde verschoben – zum Glück, sagt Professor Volker Gerhardt im Gespräch mit news.de.

Bei diesen Babys war die Haarfarbe noch eine Überraschung. Bild: dpa

Der Mediziner Jeff Steinberg, der Fruchtbarkeitskliniken in Los Angeles, New York und Las Vegas betreibt, bietet Paaren schon länger die Möglichkeit, über das Geschlecht ihrer Babys zu entscheiden. «Dabei entwickelten wir auch die Möglichkeit, Charakteristiken wie Augen- und Haarfarbe zu bestimmen», so Steinberg im Gespräch mit den New York Daily News. Nach eigener Aussage gab es in seinen Kliniken bereits Anmeldungen zukünftiger Eltern, die über wesentliche Merkmale ihres Kindes noch vor der Geburt bestimmen wollten.

Philosoph Volker Gerhardt, Lehrstuhlinhaber für Praktische Philosophie, Rechts- und Sozialphilosophie an der Humboldt-Universität Berlin, kritisiert die Vorstellung eines Wunschkindes auf Bestellung: «Ich halte diese Entwicklung ethisch für sehr bedenklich. Wenn man mit den Haaren und den Augen anfängt, dann ist man ganz schnell auch bei der Intelligenz oder der richtigen Baseball-Figur angelangt.» Ein wesentliches Moment der menschlichen Entwicklung sei aber die zufällige Verteilung, auf der die Individualität beruhe.

Diesen Zufall wollte Steinberg mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik (PID) überwinden. Mit dieser Methode können Mediziner Embryonen, die mit Hilfe der künstlichen in-vitro-Befruchtung entstehen, auf bestimmte Erbkrankheiten untersuchen, bevor sie in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Dr. Mark Hughes war einer der Pioniere, der diese Methode entwickelt hat. Er kritisierte seinen Kollegen Steinberg bereits, als dieser begann, die Geschlechter der Embryonen mit Hilfe der PID zu bestimmen. Er habe die Methode mitentwickelt, um Krankheiten zu bekämpfen. «Das Geschlecht ist keine Krankheit», so Hughes gegenüber dem amerikanischen Sender CBS.

Steinberg hingegen ist überzeugt, dass die Reproduktionsmedizin nicht mehr aufzuhalten ist. «Genetische Gesundheit ist die Zukunft. Es passiert bereits und es wird nicht verschwinden. Im Gegenteil: Es wird sich weiter ausbreiten.» Gerhard ist anderer Meinung: «Der Mensch sollte der Natur noch etwas überlassen.»

Sein größter Einwand aus ethischer Sicht: «Es ist eine Einschränkung der Freiheit des Individuums.» Eltern würden vor der Geburt für ihre Kinder endgültig und unwiederbringlich etwas festlegen. Das nicht nur er massive Kritik an Steinbergs Vorstoß übt, überrascht Gerhard nicht: «Es war klar, dass es kritisiert werden würde.» Vermutlich hätte Steinberg sein Projekt nun zunächst zurückgezogen, weil die negativen Stimmen zu stark gewesen seien.

Rechtlich hindert Steinberg in den USA nichts daran, sein Projekt weiter voranzutreiben. Und so hat er seine Pläne auch nicht gänzlich aufgegeben. Gesunde Paare, die lediglich ihre Vorlieben in ihrem Baby wiederfinden wollen, werden von Steinberg zwar nicht behandelt. «Aber wir nehmen ihre Anfragen auf», so Steinberg in der New York Daily News. Ob Eltern tatsächlich bald schon vor der Geburt die Augenfarbe ihres Kindes kennen, bleibt abzuwarten. Professor Gerhardt und andere Kritiker hoffen, dass eine solche Entwicklung doch noch aufzuhalten ist. Damit die individuellen Merkmale eines Baby weiter bis zur Geburt ein Geheimnis bleiben.

mik

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