Interview mit Horst Dieter Schlosser «Der Kollateralschaden tut mir wirklich weh»

Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser entscheidet seit 18 Jahren über das «Unwort des Jahres» mit. Im Interview mit news.de beschreibt er, welche Folgen die Wahl haben kann und ob die Deutsche Sprache unter einer Zunahme von Unwörtern leidet.

Horst Dieter Schlosser (Foto)
Der 71-jährige Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser. Bild: dpa

news.de: Herr Schlosser, das Unwort des Jahres wird seit 1991 gekürt. Wieso machen Sie sich heute noch immer die Mühe, aus über 1000 Vorschlägen ein Wort auszuwählen?

Schlosser: Nach 18 Jahren frage ich mich das wirklich auch. Und es hört ja nicht auf mit den Vorschlägen. Nach wie vor ist aber mein Motiv zu zeigen, wie Bestimmtes nicht sein sollte. Damit wir im öffentlichen Sprachgebrauch ehrlicher werden und nicht mehr so viel mit Worten verschleiern oder dramatisieren.

news.de: Nimmt denn in den vergangenen Jahren die Zahl der potenziellen Unwörter in Deutschland zu?

Schlosser: Ich stelle immer wieder fest, dass die Summe der Unwörter nicht so groß ist. Zum Glück ist unsere Sprache keineswegs so verdorben. Es gibt immer wieder hervorragende Journalisten und auch Politiker, die nicht beschönigen oder herumreden. Aber versuchen Sie mal empirisch zu erfassen, ob die Zahl steigt. Ich glaube einfach nicht, dass es schlimmer wird. Vielleicht bin ich da auch ein Optimist. Aber es wird heute einfach mehr gesprochen und geredet als in früheren Epochen.

news.de: Was würden Sie denn als eines der frühen Unwörter einordnen?

Schlosser: Das ging schon los mit dem Titel «Von Gottes Gnaden». Da war jeder Widerspruch von vorneherein untersagt. Und es geht weiter mit dem schönen Wort «Vorsehung». Das hat der letzte deutsche Kaiser vor der dem Ausbruch des ersten Weltkrieges verwendet.

news.de: Sehen Sie die Gefahr, dass ein Begriff durch Ihre Wahl erst richtig ins Bewusstsein rückt und dadurch häufiger genutzt wird?

Schlosser: Das kann tatsächlich ein Problem werden. Aber ich habe nicht festgestellt, dass bestimmte Worte jetzt häufiger verwendet werden. Es geht ja auch nicht um das Wort an sich, sondern um den Zusammenhang. Ob es zur Beschönigung oder Dramatisierung genutzt wird. Wir haben zum Beispiel einen deutlichen Rückgang bei der Verwendung von «Diätenanpassung». Anders ist das beim «Kollateralschaden». Obwohl damals, nach unserer Wahl, sich ein Nato-Sprecher mehrfach in deutschen Medien entschuldigt hat, wird der Begriff weiter in dem militärischen Kontext verwendet. Im Moment zum Beispiel von der Bundeswehr in Afghanistan. Ich wäre zum Beispiel auch froh, wenn der Begriff «Ehrenmord» nur noch in Anführungszeichen verwendet würde.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Jury über die Wahl zum Unwort diskutiert

news.de: Die Nato hat also auf das Unwort reagiert. Haben Sie von anderen, die Sie als Urheber eines Unwortes kritisiert haben, eine Reaktion erhalten?

Schlosser: Und wie. Das Kanzleramt hat unter Bundeskanzler Kohl und Minister Bohl eine regelrechte Kampagne gegen mich gefahren. Unsere Entscheidung für den «kollektiven Freizeitpark» als Unwort sei unwissenschaftlich und unseriös. Das führte allerdings dazu, dass man über ein halbes Jahr darüber diskutiert hat, bis in den Wahlkampf hinein. Und das war dann selbst Helmut Kohl zu viel, der seinem Minister schließlich einen Maulkorb verpasste.

news.de: Diskutiert die Jury über die Wahl eines Unwortes knallhart oder besteht da unter den Sprachwissenschaftlern im Prinzip Einigkeit?

Schlosser: Wir diskutieren schon heftig, aber nicht knallhart. Es ist einfacher, weil sich jeder vorab aus allen Vorschlägen eine Liste erstellen muss. Daraus mache ich eine Übersicht und wir diskutieren dann über diese Worte.

news.de: Und in diesem Jahr, bei der Wahl der «notleidenden Banken», gab es da eine lange Debatte?

Schlosser: Drei von fünf Juroren hatten das Wort auf Platz eins, ich hatte es auf Platz zwei. Da herrschte also relativ große Einigkeit. Ich wollte gerne auf ein anderes Wort hinweisen: «Intelligente Waffensysteme» als Bezeichnung von Artilleriemunition. Wir wollen aber nur Worte wählen, die im vergangenen Jahr neu in einem bestimmten Zusammenhang verwendet wurden. Der Begriff wird aber seit 1988 in diesem Kontext gebraucht.

news.de: Gibt es ein Wort, dass in Ihren Augen aus allen Unwörtern besonders negativ hervorsticht?

Schlosser: Wie schon gesagt: Der «Kollateralschaden» tut mir wirklich weh. Es gibt ganz wenige Fälle, wo ein Wort ein geborenes Unwort ist, das erfunden wurde, um Menschen zu täuschen.

30 Jahre hatte Horst Dieter Schlosser eine Professur für deutsche Philologie an der Frankfurter Universität inne. Noch heute nimmt der 71-Jährige Prüfungen ab und hält Vorlesungen für Senioren.

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