Sprache «Notleidende Banken» ist Unwort des Jahres 2008

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Frankfurt - hier ist das Zentrum der «notleidenden» Banken. Bild: ap

Zum Unwort des Jahres 2008 ist ein Begriff aus dem Wirtschaftsbereich gewählt worden. «Notleidende Banken» stelle das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf, begründete die Jury die Entscheidung.

Bereits vor der sprachkritischen Wahl galten Begriffe, die im Zuge der Finanzkrise geprägt wurden, als Favoriten. So waren «Notleidende Kreditinstitute», «Leerverkäufe» und «Bangster/Bankster», eine Mischung aus Banker und Gangster, unter den Vorschlägen. Insgesamt erreichten die Jury 1119 Vorschläge, wie Jurysprecher Horst Dieter Schlosser sagte.

Der Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser sagte heute in Frankfurt zu der Entscheidung der Jury: «Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssen, werden die Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise verursacht wurde, zu Opfern stilisiert.»

Auf Platz zwei landete bei der Wahl das Wort «Rentnerdemokratie». Hier kritisierte die Jury, dass Altbundespräsident Roman Herzog mit dem Begriff das Schreckbild eines Staates gemalt habe, in der die Alten die Jungen ausplünderten. Ein «bedenkliches Verständnis der Grundrechte» attestierten die Wissenschaftler schließlich dem Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt: Er habe die Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch als «Karlsruhe-Touristen» diffamiert, weil sie wegen Zweifeln an der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen erneut beim Bundesverfassungsgericht klagen wollten.

Als Unwort werden von der sprachkritischen Aktion «Unwort des Jahres» sprachliche Missgriffe gerügt, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Ziel ist es, «für mehr sachliche Angemessenheit und Humanität im öffentlichen Sprachgebrauch zu werben.»

Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gekürt. Der erste kritisierte Begriff war «Ausländerfrei». Unwörter der vergangenen Jahre waren unter anderem «freiwillige Ausreise», «Gotteskrieger», «Humankapital», «Ich-AG», «sozialverträgliches Frühableben» und «Entlassungsproduktivität». Im vergangenen Jahr war der von Kritikern des Betreuungsgeldes verwendete Begriff «Herdprämie» als Unwort erkoren worden.

jan

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