Ein letztes Mal «Manege frei» Eine Ära geht zu Ende

Zirkusdirektor Gerd Siemoneit-Barum hatte sich fest vorgenommen, an seinem letzten Arbeitstag keine Trauer zu zeigen. «Ich habe endlich einmal Zeit, mir ein Fußballspiel im Stadion anzugucken», gibt er sich betont gelassen. Geduldig erfüllt er jeden Autogrammwunsch und lächelt in jede Kamera.

 (Foto)
Gerd Siemoneit-Barum verabschiedet sich. Bild: dpa

Erst als die Kameras weg sind und die Vorstellung anfängt, verschwindet das Lächeln des 77-Jährigen. Er steht am Eingang des Zirkuszelts, fernab der Scheinwerfer. Der kalte Herbstwind pfeift durch die Ritzen des Zelts. Im Halbschatten der Tribüne schaut er auf die Manege. Seine Manege, seit 36 Jahren. Und während die Kinder über den Clown Petit Gougou lachen, rollt dem Zirkusdirektor eine Träne über die Wange.

Die 1200 Zuschauer, die zur letzten Vorstellung des Circus Barum gekommen waren, bekommen davon nichts mit. Sie erleben eine rasante und bunte Show. Erst kommen die Lamas, dann die Kamele und schließlich springen die Lamas über die Kamele. Es folgen ein Jongleur aus Spanien und die Flugkünstler «Flying Costa» aus Brasilien, die mit ihrem Salto mortale das Publikum begeistern.

Es ist eine klassische Zirkusshow und genau das ist das Problem für die Kinder von Gerd Siemoneit-Barum. Sie wollen den Betrieb von ihrem Vater nicht übernehmen. «Wer in Zukunft erfolgreich sein will, muss am Konzept des Zirkus etwas ändern», sagt Rebecca Siemoneit-Barum, die seit 1990 die Iffi Zenker in der Fernsehserie Lindenstraße spielt. Ihr Bruder Max Siemoneit-Barum ergänzt: «Wir bleiben aber in der Unterhaltungsbranche und haben viele neue Ideen.»

Mit der Abschiedsvorstellung gestern Abend sind für Gerd Siemoneit-Barum 62 Jahre Zirkusleben zu Ende gegangen. 1946 riss der damals 15-Jährige von zu Hause aus und heuerte beim Circus Williams an. Zu Anfang spülte er Gläser und bediente den Manegen-Vorhang, doch er arbeitete sich hoch und trat wenige Jahre später erstmals als Reiterakrobat auf. International bekannt wurde er als Raubtierdompteur, 1972 kaufte er schließlich den Circus Barum.

Auch bei der Abschiedsvorstellung darf die Tiger-Dressur nicht fehlen. Siemoneit-Barum steigt aber nicht mehr selber in die Manege, er hilft an diesem Abend nur beim Abbau des Käfigs. Sein Auftritt kommt ganz zum Schluss. Von Teelichtern umrahmt tritt er vor das Publikum, das sogleich aufsteht und ihm minutenlang applaudiert. Er hält eine kurze Abschiedsrede, dann ist alles vorbei. Erst als die meisten Zuschauer nach Hause gegangen sind, kommt er auf den Zeltvorplatz. Er weiß, dass am nächsten Morgen das Zelt abgebaut wird. Er kennt das seit 62 Jahren. Nur diesmal ist es für immer.

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig