Thomas Dörflein ist tot Tausende trauern um Knuts Ziehvater

Sie waren die Stars des Berliner Zoos: Knut und Ziehvater Thomas Dörflein. Ihre Auftritte bewegten Millionen. Der tapsige Eisbärjunge hat den Tierpfleger berühmt gemacht, ob er wollte oder nicht. Jetzt ist Thomas Dörflein tot.

Blumengrüße für den gestorbenen Tierpfleger. (Foto)
Blumengrüße für den gestorbenen Tierpfleger. Bild: dpa

Der 44-jährige Berliner brach am Montag in der Wohnung einer Bekannten im Berliner Stadtteil Wilmersdorf plötzlich zusammen. Wiederbelebungsversuche eines Notarztes blieben erfolglos. Eine Obduktion der Leiche ergab, dass Thomas Dörflein an einem Herzinfarkt gestorben war. Ursache war ein frisch entstandenes Blutgerinsel, das zu einer mangelhaften Blutversorgung des Herzens führte. Andere Todesursachen wie Selbstmord oder ein Fremdverschulden schloss die Staatsanwaltschaft aus. Auch Spekulationen über eine schwere Vorerkrankung Dörfleins bestätigte die Staatsanwaltschaft nicht.

Doch Thomas Dörflein soll Blasenkrebs gehabt haben. Das sagte seine Lebensgefährtin Daniela Kaiser der Bild-Zeitung. Die Krankheit sei im April diagnostiziert worden. Dörflein war daraufhin mehrere Wochen nicht im Berliner Zoo erschienen; offiziell war er im Urlaub, doch die Kollegen wussten von seiner schlimmen Krankheit. Er hatte den Krebs besiegt und war zu seiner Arbeitsstätte zurückgekehrt.

Noch am vergangenen Samstag hat er Knut besucht. Die beiden hatten immer noch engen Kontakt, wenn auch nur durch das Gitter von Knuts Gehege. Aus dem schneeweißen Eisbärenbaby, das 2007 die Menschen in aller Welt verzückte, ist längst ein ausgewachsener Bär geworden. Ein 21 Monate altes Raubtier mit schmutziggrauem Fell, das auch vertrauten Menschen gefährlich werden kann.

Als Knut am 5. Dezember 2006 zur Welt kam, war das 810 Gramm leichte Pelztier noch so klein wie ein Meerschweinchen und schutzbedürftig, und keiner ahnte, dass es mal zu einem Weltstar werden würde. Seine Eisbärenmama Tosca wollte nichts von ihm wissen und verstieß ihn, statt ihn und seinen Zwillingsbruder zu wärmen und zu säugen. Fünf Stunden fror der Winzling, dann ergriff Thomas Dörflein die Initiative und verabreichte ihm mit einer Pipette alle 30 Minuten Milch mit Lebertran und später alle zwei Stunden eine Flasche. Der Zwillingsbruder starb kurz nach der Geburt nach heftigen Fieberschüben.

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Trauer um Knut: Ein kurzes Eisbärenleben

Tag und Nacht wachte der Tierpfleger an Knuts Seite. Fast fünf Monate lang. Der Mann mit dem markanten Zopf und dem Vollbart schlief direkt neben der Schlafkiste von Knut auf einer Pritsche in einem Zimmer auf einem Hinterhof des Zoos. Er rieb das Tier mit Babyöl ein und spielte ihm zum Einschlafen Lieder auf der Gitarre vor. Er hörte sogar mit dem Rauchen auf, denn Eisbären vertragen keinen Zigarettenqualm. Seine Lebensgefährtin und deren fünfjähriger Sohn besuchten Dörflein fast täglich. Sie brachten ihm Essen und frische Kleidung. Weihnachten und Silvester feierten sie in den Stallungen mit Knut.

Im Frühjahr 2007 traten Knut und Dörflein erstmals im Bärengehege vor die Öffentlichkeit. 108 Tage waren der Ziehvater und der kleine Eisbär die Stars der Knut-Show, die bis zu ihrem Ende am 8. Juli 2008 von mehr als einer Million Menschen besucht wurde. Die Videos, auf denen Dörflein mit dem verstoßenen Eisbären herumtollte, wurden rund um den Globus gesandt. Der Bär und sein Menschenfreund eroberten die Herzen von Tierfreunden in aller Welt und bescherten dem Berliner Zoo Rekordbesuche. Erstmals in der 164-jährigen Geschichte zählte der Zoologische Garten 2007 mehr als drei Millionen Besucher. Der Bilanzgewinn betrug rund 6,8 Millionen Euro.

Die enge Verbindung von Pfleger und Tier sorgte auch für viel Kritik. Tierschützer beklagten, dass das Tier zu vermenschlicht werde. Knut werde Probleme bekommen, sich an ein Leben mit Artgenossen zu gewöhnen. Die Kritik, die darin gipfelte, das Lebensrecht von Knut anzuzweifeln, empfand Dörflein als absurd. Er selbst wünschte Knut ein Leben in einem schönen Zoo außerhalb Berlins, wo er mit seinesgleichen umgehen kann und vielleicht Kinder zeugt. «Er soll die enge Beziehung zum Menschen verlieren, er soll ja Bär werden und sein. Ich habe ihn ja nicht für mich aufgezogen», hatte Dörflein einmal gesagt.

Lesen Sie auf Seite 3, welches der schönste Moment war

Die Beziehung zu Knut war für Dörflein in seinem jahrzehntelangen Pflegerleben einmalig. Der schönste Moment sei für ihn gewesen, als Knut sehen konnte. Den ersten Blick habe Knut drei Wochen nach seiner Geburt riskiert. Das zweite Auge sei ein paar Tage später aufgegangen. «Da war ich hin und weg», sagte Dörflein.

Mehr als 25 Jahre war Thomas Dörflein im Berliner Zoo tätig. 1963 in Berlin-Wedding geboren und in Spandau aufgewachsen, absolvierte er eine Lehre als Pfleger im Zoologischen Garten, lernte alle Reviere kennen, erhielt einen Zeitvertrag und später eine Festanstellung. Erst war er zuständig für Menschenaffen, Raubtiere und Felsentiere. Seit 1987 ist er verantwortlich für das Bärenrevier und für Wölfe, später auch für Windhunde und Nasenbären.

Dörflein galt als ausgesprochen bescheiden, als ein Mensch, der nie glücklich war über den Rummel um seine Person. In Berlin hatte er fast Kultstatus erreicht. Kinder erkannten ihn auf der Straße, Touristen baten ihn um Autogramme, Frauen schrieben ihm Liebesbriefe und machten ihm Heiratsanträge. Auftritte im Fernsehen lehnte er ebenso ab wie die «Goldene Henne» und den «Bambi». Nur eine Auszeichnung nahm er an: den Verdienstorden des Landes, den er im Oktober 2007 für seine Verdienste um die Stadt Berlin bekam.

Die Trauer um Thomas Dörflein ist groß. Innerhalb von 24 Stunden gingen rund 2700 E-Mails im Internet-Kondolenzbuch des Berliner Zoos ein. Die Beileidsbekundungen kommen aus Deutschland und aus der ganzen Welt. Knut bekommt von dem Trubel nichts mit. Nach Einschätzung von Experten wird er einige Tage nach seinem Pfleger suchen. Der für die Bären im Berliner Zoo verantwortliche Biologe Heiner Klös sagte, das Tier merke aber nicht, dass Dörflein endgültig nicht mehr da sei. Knut werde daher keinen Schaden nehmen.

Thomas Dörflein soll der Bild zufolge am 13. Oktober beerdigt werden. Er wäre an diesem Tag 45 Jahre alt geworden.

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