Weltlinkshändertag Eine geniale, kämpferische Minderheit

Prominenter Linkshänder: US-Präsident Barack Obama. (Foto)
Prominenter Linkshänder: US-Präsident Barack Obama. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Michelangelo hat mit links gemalt, und auch Goethe und Beethoven zogen ihre linke Hand der rechten vor. Sind Menschen, die alles «mit links» machen, womöglich kreativer? Oder stimmt das Klischee vom tolpatschigen Linkshänder?

Jeder Mensch hat eine angeborene dominante Seite. «Die jeweils gegenüberliegende Gehirnhälfte ist motorisch dominant», erklärt Johanna Barbara Sattler von der ersten deutschen Beratungsstelle für Linkshänder in München. Bei Rechtshändern ist also die linke Hirnhälfte die stärkere, während bei Linkshändern die rechte Hirnhälfte dominiert. Linkshänder sind übrigens auch Linksäuger, Linkshörer, Linksfüßer …

Der Mensch kann sich die Vorzugsseite nicht aussuchen. Er hat darauf ebenso keinen Einfluss wie darauf, ob er Mann oder Frau, groß- oder kleinwüchsig, blond oder dunkelhaarig wird. Allein ein genetischer Zufall bestimmt die Präferenz einer Gehirnhälfte, also ob jemand Links- oder Rechtshänder wird – glauben etwa britische Forscher. Sie meldeten vor zwei Jahren, sie hätten das erste Gen für Händigkeit gefunden. Es heißt LRRTM1 und kontrolliert offenbar, welche Hirnregionen welche Aufgaben übernehmen. Damit ist es ein Kandidat für Links- und Rechtshändigkeit, denn die beruht darauf, dass die beiden Gehirnhälften unterschiedlich arbeiten.

Während bei Tieren die Händigkeiten annähernd gleich verteilt sind, schätzt Sattler den Anteil linkshändiger Menschen nur auf 15 bis 20 Prozent. «Es ist bisher nicht klar, warum die Anteile so ungleich sind», meint sie.

Eine Theorie besage, dass links und rechts noch in der Steinzeit etwa gleich häufig gewesen seien. Möglicherweise, so spekuliert sie, habe die Entwicklung der Sprache dazu geführt, dass heute bei so vielen Menschen die linke Hirnhälfte dominant sei. Ebenso gut könne aber auch das zunehmende räumliche Verständnis eine Rolle gespielt haben. «Irgendeinen evolutionären Grund muss es haben, dass es so viele Rechtshänder gibt», sagt Sattler, «aber welcher das ist, ist völlig unbekannt.»

Französische Forscher von der Universität in Montpellier haben nach dem Grund dafür geforscht, warum sich trotz der Mehrheit der Rechtshänder die Linkshänder in der Evolution behauptet haben. Sie sagen, die linke Seite habe sich in der Evolution unterschiedlich stark durchgesetzt – je nach herrschender Kultur.

Linkshändigkeit ist demnach vor allem bei Zweikämpfen von Nutzen, da sowohl Links- als auch Rechtshänder meist keinen linkshändigen Gegner erwarten und sich mangels Erfahrung oft nicht richtig auf ihn einstellen können. Kulturen, in denen viel gekämpft wird, hätten einen deutlich höheren Anteil an Linkshändern als pazifistische Gesellschaften, so die Forscher.

Ihre Thesen sehen sie durch Ergebnisse im Leistungssport bestätigt. Die Zahl erfolgreicher Linkshänder sei hier auffällig hoch, besonders beim Boxen und Fechten, sagen die Wissenschaftler. Je weiter die Kontrahenten voneinander entfernt stünden, umso geringer sei der Anteil der Linkshänder. Beim Tennis spiele die Ausrichtung der Spieler beispielsweise eine geringere Rolle als beim Boxen.

Dennoch: Linkshänder bleiben eine Minderheit, und sie haben seit jeher mit Vorurteilen zu kämpfen. Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubte man, sie seien langsamer und ungeschickter als Rechtshänder. «Bis Mitte der 1980er Jahre wurden fast alle Linkshänder umgeschult», erzählt Sattler. Die Folgen: Probleme in der Schule wie Konzentrationsschwierigkeiten, Lese- Rechtschreibschwächen, ja sogar Sprachstörungen oder Bettnässen. Der Grund: Wenn ein linkshändiges Kind gezwungen wird, immer die rechte Hand zu benutzen, wird die dominante rechte Gehirnhälfte ständig unterfordert, die schwächere linke überfordert.

Inzwischen gelten Linkshänder oft als kreativer. So gibt es unter Orchestermusikern, Architekten, Schauspielern und Malern auffallend viele Linkshänder. Die Forschung liefert für dieses Phänomen eine mögliche Erklärung: Die linke Gehirnhälfte ist für die analytischen, logischen Denkprozesse zuständig. In der rechten Gehirnhälfte haben Neurowissenschaftler dagegen die Zentren für kreative Prozesse wie Bilderkennung und komplexe und unbewusste Wahrnehmungen lokalisiert. Und genau diese Seite des Gehirns ist bei Linkshändern stärker ausgebildet und vernetzt als bei Rechtshändern.

Diese Besonderheit des Gehirns scheint auch eine Basis für Hochbegabung ganz allgemein zu sein. So stellte eine Forschergruppe der amerikanischen Iowa State Universität fest, dass es unter den Höchstbegabten der Highschool-Absolventen mehr als doppelt so viele Linkshänder gab als statistisch zu erwarten.

Allerdings ist auch die Quote unter den Minderbegabten höher. Statistisch ist also kein Unterschied zwischen Links- und Rechtshändern feststellbar, meint Sattler. Sie rät zur Skepsis mit solchen Studien. Schließlich seien bis vor Kurzem fast alle Linkshänder umgeschult worden. «Wenn also in bestimmten Berufen Linkshänder besonders häufig sind, muss das nicht an der Händigkeit liegen», erklärt sie. «Es ist ebenso gut möglich, dass diese Menschen die Effekte der Umschulung kompensieren und deshalb einen bestimmten Beruf ergreifen.»

«Linkshändigkeit ist kein Makel», betont Sattler. Jedoch scheint Linkshändigkeit mit gewissen gesundheitlichen Risiken verbunden zu sein. Forscher sind zu dem Schluss gekommen, dass Linkshänder eher zu Allergien, Autoimmunerkrankungen, Depressionen, Drogenabhängigkeit, Epilepsie, Schizophrenie und Schlafstörungen neigen. Andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass Linkshänder auch schlechtere räumliche Fähigkeiten haben und daher häufiger zu Unfällen neigen. Eines kann aber nicht belegt werden: dass Linkshänder früher sterben.

Weitere Informationen: www.linkshaender-beratung.de, www.linkshaenderseite.de

Weiterführende Links:

Weltlinkshändertag: Die richtige Blockflöte für Rocky Balboa
Weltlinkshändertag: Der Drill auf rechts

kat/news.de

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