Berliner Schulreform Der Untergang für Hauptschüler

Die Berliner Schulreform zielt auf Chancengleichheit, kann für manchen Schüler aber Nachteile haben. (Foto)
Die Berliner Schulreform zielt auf Chancengleichheit, kann für manchen Schüler aber Nachteile haben. Bild: ddp

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Berlin ist anders. Obwohl die Bundespolitik bereits in der Sommerpause weilt, wird in der Hauptstadt weiter politisiert. Schuld daran ist die geplante Schulreform, die zum Schuljahr 2010/2011 greifen soll.

Schluss mit der Stückelung im Bildungssystem. Der Berliner Senat hat beschlossen: Nach der sechs Jahre dauernden Grundschule gibt es nur noch integrierte Sekundarschulen und Gymnasien – und damit das längere gemeinsame Lernen.

Federführend bei diesem Projekt ist der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner. Sein großes Ziel: gute Bildungschancen für alle – durch individuelle Förderung. An die glaubt André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses, nicht. Das zweigliedrige Prinzip könne funktionieren, allerdings gebe es qualitative Bedenken. Der ursprüngliche Gedanke sei gewesen, mehr Schüler zu einem Abschluss, insbesondere zu einem hochwertigen zu führen. «Derzeit fürchten wir eher eine Abwertung bislang gängiger Schulabschlüsse», sagte Schindler gegenüber news.de.

Hart treffen könnte es Hauptschüler, von denen ohnehin nur wenige einen Abschluss schaffen. «Doch bislang hatten sie zumindest eine individuelle Betreuung. Ein Lehrer befasste sich mit höchstens zwölf Schülern», verdeutlicht Schindler. Gehen die künftig auf Sekundarschulen, sähen sie sich nicht nur größeren Klassen, sondern auch leistungsstärkeren Schülern gegenüber. «Da werden mehr als bislang untergehen.»

Jens Stiller, Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, hält dagegen: «Wir gehen in Berlin einen großen Schritt in Richtung Chancengleichheit. Und die Hauptschule wird abgeschafft, weil viele der dort unterrichteten Schüler sie als Restschule empfunden haben.»

Zudem sei Berlin nicht das erste Land mit zweigliedrigem Schulsystem, «allerdings das erste, dass dies unter dem Aspekt der Ganztagsschule verwirklicht». Angebote bis 16 Uhr sollen die Qualität der schulischen Ausbildung erhöhen – sowohl an Gymnasien als auch an den neuen Sekundarschulen.

Die bisherigen Hauptschüler würden ebenfalls profitieren. Nicht nur durch längere Betreuung. «Die Leistungsunterschiede zwischen den Hauptschülern und schlechteren Realschülern sind derzeit nicht groß.» Durch zusätzliche Lehrerqualifizierung, für die immerhin sieben Millionen Euro bereitgestellt würden, ließe sich auch die Integration der Hauptschüler gut regeln.

Die Grundschulen wurden vergessen

Schindler bleibt trotzdem skeptisch. Dass Hauptschüler Verlierer sein könnten, sei ein Problem der Grundschule: «In dieser sechsjährigen Phase lernen alle gemeinsam.» Das sei «riskant, weil Schüler mit besonderem Förderungsbedarf schon hier nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommen».

Es sei daher sträflich, in der Schulstrukturreform diese sensible Phase nicht zu berücksichtigen. «Keiner ist von Geburt an Schulverweigerer. Das entwickelt sich erst in der Grundschule», betont Schindler. Eine verpflichtende Lernausgangsuntersuchung für alle Kinder, die in die siebte Klasse kommen, habe gezeigt: «Die Kenntnisse in Mathe, Deutsch und einer ersten Fremdsprache sind katastrophal.» An vielen Schulen verbrächten die siebten Klassen das erste Halbjahr damit, Defizite auszugleichen.

In der Kritik ist aber auch die Vergabe der Schulplätze. In 30 Prozent der Fälle soll das Los entscheiden. «Das ist die gerechteste, weil blinde Entscheidung», sagt Stiller. «Wir haben in Berlin sehr viele Gymnasien und Gesamtschulen, bei denen die Nachfrage die vorhandenen Plätze übersteigt.» Das neue System solle für Entspannung sorgen.

Über die übrigen Plätze entscheiden die Schulleiter – abgesehen von kleinen Ausnahmeregelungen für Kinder mit Behinderungen oder um Geschwisterkindern den Besuch der gleichen Schule zu ermöglichen. Insgesamt könnten Schulen so besser Profile bilden, ihre Angebote beispielsweise musisch oder sportlich ausrichten.

Vorgaben für Auswahlkriterien macht die Politik nicht. «Für uns gilt das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit. Jeder Schulleiter kann ein eigenes Verfahren entwickeln, um die zur Schule passenden Schüler zu finden.» Um sich abzusichern, wolle der Senat aber noch gerichtsfeste Beispielmodelle entwickeln.

Werden alle Bewerbungen eines Schülers abgelehnt, so würden Vorschläge für Schulen unterbreitet, die noch freie Kapazitäten hätten. «Es wird aber kein Schüler, der eine Gymnasialempfehlung hat, auf eine Sekundarschule gehen müssen», macht Stiller klar. Habe ein Schüler im Gegenzug nur eine Empfehlung für Sekundarschule, wolle aber ans Gymnasium, müssen die Eltern an einem Pflichtgespräch teilnehmen. Darin soll geklärt werden, ob der Schüler in der Lage sei, die gymnasialen Anforderungen – mit mehr Wochenstunden und Abitur bereits nach der zwölften Klasse – tatsächlich meistern könne.

Weiterführende Links:

Berliner Entscheidung: Schulbildung - ein Glücksspiel
Kommentar zur Berliner Schulreform: Von Glückseliten und Massenverlierern

kat/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig