Doku über Eric Kandel «Auf der Suche nach dem Gedächtnis»

Eric Kandels Lieblingstier, die Meeresschnecke Aplysia. (Foto)
Eric Kandels Lieblingstier, die Meeresschnecke Aplysia. Bild: wikipedia

Von news.de-Redakteurin Anwen Roberts
Ihm verdanken wir unser heutiges Verständnis von Gehirn und Gedächtnis: Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel wird mit einem ungewöhnlichen Filmportrait geehrt, das dessen bewegte Biografie und eigene Erinnerungen in den Mittelpunkt rückt.

Eric Kandel, Altmeister der Erinnerung und einer der bedeutendsten zeitgenössischen Neurowissenschaftler, wird mit einem ungewöhnlichen Forscherportrait geehrt. Petra Seegers Dokumentarfilm «Auf der Suche nach dem Gedächtnis» rückt Kandels ganz persönliche Erinnerungswelt ins Zentrum.

Weltbekannt wurde Kandel durch seine Forschungen an der Meeresschnecke Aplysia, die ihm wegen ihrer übergroßen Nervenzellen als Modellorganismus diente. Bei der rosafarbenen Schnecke ließen sich neuronale Veränderungen förmlich mit bloßem Auge beobachten. So war es die Anschaulichkeit der Aplysia, die Kandel die entscheidenden Impulse dafür gab, die Grundlagen des Gedächtnisses zu erforschen.

Seine Forschungen hätten Zusammenhänge zwischen molekularen Abläufen im Hirn und dem Kurz- und Langzeitgedächtnis belegt, wie er selbst den Stellenwert seiner jahrzehntelangen Forschungen beschreibt. Für seine Arbeit zur Signalübertragung im Nervensystem bekam er im Jahr 2000 den Medizin-Nobelpreis, zusammen mit dem Schweden Arvid Carlsson und dem US-Forscher Paul Greengard. Aufnahmen zeigen ihn voller Stolz neben Aplysia-Schnecken in seinem Labor.

Kandel und seinen Versuchen mit dieser hübschen und doch primitiven Lebensform ist zu verdanken, dass wir ein Grundprinzip des Gehirns kennen und zu verstehen gelernt haben. Dieses Prinzip wird gemeinhin als Plastizität des Gehirns bezeichnet und meint die dauernde Veränderlichkeit und Anpassung von Nervenzellen- und Hirnstrukturen, die geistige Vorgänge wie eben das Speichern von Erinnerungen im Gedächtnis als «Trampelpfade» auffasst.

Nicht nur Schnecken, auch Menschen bevorzugen stets die eingetretenen Pfade im Gehirn. Doch lassen sich immer auch neue Pfade betreten, neue Schemen, Strukturen und Schwerpunkte bilden, selbst bis ins hohe Alter. Am stärksten ausgeprägt sind Strukturbildung und Einschleifung im Gehirn dennoch im Kinder- und Jugendalter. Die Plastizität des Gehirns ist somit eine seltsame Mischung aus flexibler Formbarkeit und ausgetretenen Trampelpfaden.

Eric Kandel weiß das am besten - aus eigener Anschauung, denn seine Biografie führte ihn überhaupt erst zur Erinnerung als Forschungsfeld. Sein Schicksal als jüdischer Emigrant brachte ihn zur Hirnforschung, weil er selbst erfahren wollte, wie sich menschliche Handlungsweisen erklären lassen.

Aus seiner Heimatstadt Wien wurde der Neurowissenschaftler als Kind vertrieben, heute wird der Nobelpreisträger und «Rockstar der Hirnforschung» in Wien willkommen geheißen. Erstmals seit 70 Jahren kommt Kandel während der Dreharbeiten zu «Auf der Suche nach dem Gedächtnis» in seine alte Heimat.

«Ich finde es wunderbar, wie sich der Kreis schließt», sagt Kandel mit sanftem Lächeln in die Kamera. «Einerseits ironisch, andererseits aber befriedigend und heilsam.» Seeger hat den Forscher und seine Frau auf ihrer Reise an die Orte des Schreckens begleitet. Eric entging dem Holocaust als Neunjähriger durch die Flucht nach Amerika, seine Ehefrau Denise überlebte versteckt in einem französischen Kloster.

Mit Kindern und Enkelkindern reisen sie nun zurück an diese Orte. Während der Reise kommen Erinnerungen an die Nazizeit hoch. Er durchlebe wieder diese schweren Tage, aber diesmal habe er mehr Kraft, sagt Kandel.

Kurz- und Langzeitgedächtnis unterscheiden sich strukturell, wie Eric Kandel uns lehrt. In ihrem Portrait macht die Filmemacherin Petra Seeger diese zwei Aspekte des Gedächtnisses zum erzählerischen Kern ihres Films. Sie zeigt die wissenschaftlich fundierte Seite des Gedächtnisprozesses, zugleich aber auch die subjektiven Erinnerungen eines Holocaust-Überlebenden, der stürmisch und mit lautem Lachen das erlittene Trauma bewältigt.

Seeger zeichnet das Leben des heute 80-Jährigen nach, besucht mit ihm die Orte seiner Kindheit und schaut vor allem tief hinein ins Zentrum des Gehirns – dahin, wo unser aller Erinnerungen gespeichert sind.

Einfühlsam porträtiert sie Eric Kandel als ein vom persönlichen Schicksal geprägtes Genie, dessen außergewöhnlicher Verdienst es ist, Forschung und Biografie in Einklang gebracht zu haben. Mit dem heutigen Kinostart von «Auf der Suche nach dem Gedächtnis» können viele Menschen im Gegenzug Eric Kandel im Gedächtnis behalten.

Weiterführende Links:

Gedächtnis: Wenn Herr Dings keinen Namen hat
Gedächtnis: Das Geheimnis alter Superhirne

Aus dem Netz:

Die deutsche Website zum Kandel-Film

kat/news.de/dpa

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