Von Karin Zintz
So viel deutsche Geschichte war lange nicht mehr in Cannes - gleich zwei große Produktionen widmen sich dem Dritten Reich. Quentin Tarantino und Michael Haneke allerdings gehen diese Sache auf zwei völlig verschiedenen Wegen an. Spaßfaktor contra Intellekt.
Unterschiedlicher könnten die Filme nicht sein, mit denen beim Festival in Cannes die deutsche Geschichte aufgearbeitet oder sogar umgeschrieben wird. Der amerikanische Kultregisseur Quentin Tarantino beendet in Inglourious Basterds auf unterhaltsame Art das Nazi-Regime. Er tötet Adolf Hitler mit Feuer und Pistolensalven und freut sich über die Erfüllung eines lange gehegten Traumes: «Die Macht des Kinos besiegt das Dritte Reich», sagte Tarantino in Cannes. Der Österreicher Michael Haneke hingegen ergründet in der deutschen Produktion Das weiße Band die autoritären Strukturen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die 20 Jahre später in den Faschismus führen konnten.
Während Tarantino (46) ganz auf den Spaßfaktor setzt und auf dem Roten Teppich in Cannes ein lässiges Tänzchen hinlegte, bietet Haneke (67) reichlich Futter für den Intellekt. Er sei sehr daran interessiert, dass sein Film mit dem Untertitel Eine deutsche Kindergeschichte auch international richtig verstanden werde, betonte er. «Ich möchte nicht, dass man das Thema im Ausland als rein deutsch betrachtet und damit das Nachdenken über die Ursachen von jeder Art von Fanatismus von sich wegschiebt.» Bis zur Perversion übersteigerte Ideale in Familie, Religion oder Politik seien überall die wichtigste Ursache für Gewalt und Terrorismus.
Die hypnotisch ruhigen Schwarzweiß-Bilder des an verschiedenen Orten in Nord- und Ostdeutschland gedrehten Filmes wirken lange nach. Wie unter der Lupe inszeniert Haneke den moralischen Absolutheitsanspruch des Barons (Ulrich Tukur), des Dorfarztes (Rainer Bock) und des evangelischen Pfarrers (Burkhart Klaussner). In einer feindlichen Atmosphäre von Schuld, Bestrafung und Heuchelei wachsen hier die Kinder heran - und verabsolutieren die falschen, übersteigerten Werte ihrer Väter. Auch Stunden nach der Vorführung verfolgen die Großaufnahmen der verschlossenen, verzweifelten Kindergesichter den Betrachter.
Der Dorfschullehrer erzählt in dem Film rückblickend von den seltsamen Ereignissen: Erwachsene werden Opfer schwerer Unfälle. Zwei Kinder - Außenseiter alle beide - werden von Unbekannten brutal geschlagen und schwer verletzt. Menschen verschwinden. Wer tut so etwas? Warum? Diese Fragen verfolgt Haneke wie in einem Thriller, doch er verweigert ganz bewusst die Auflösung. «Das ist mein Prinzip», erklärte er in Cannes. Es nicht die Aufgabe von Kunst, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Danach sei der Betrachter dran: «Ein Film ist wie eine Sprungschanze. Springen muss der Zuschauer selbst.»
Von diesem Anspruch ist Tarantino weit entfernt: Inglourious Basterds mit Brad Pitt als Top-Star ist eine schwungvolle Nazi- Widerstands-Farce, die großartig im Stil eines Italo-Westerns beginnt, in der Mitte trotz vieler Bluttaten etwas durchhängt und sich zu ihrem Action-Finale nach zweieinhalb Stunden noch einmal richtig ins Zeug legt.
Ermöglicht wird Hitlers Ende in der Tarantino-Version mit viel deutscher Unterstützung: Etliche deutschsprachige Schauspieler beherrschen die Leinwand: Christoph Waltz als faszinierend fieser und charismatischer SS-Mann, Diane Kruger, Daniel Brühl, August Diehl, Til Schweiger, Martin Wuttke als Hitler und Sylvester Groth als Goebbels. Tarantinos Kollege Tom Tykwer hat ihre Dialoge ins Deutsche übersetzt. Die Dreharbeiten fanden überwiegend im Studio Babelsberg statt, und aus dem Deutschen Filmförderfonds flossen 6,8 Millionen Euro in die insgesamt 48 Millionen Euro teure Produktion.
Für den vielsprachigen Waltz, der in Deutschland vor allem durch Charakterrollen im Fernsehen bekannt ist, könnte der Auftritt in Cannes der Start einer internationalen Karriere sein. Waltz, der sich beim Spektakel auf dem Roten Teppich am Mittwochabend noch sehr im Hintergrund hielt, überrage mit seiner genialen Leistung das gesamte Ensemble «um Haupteslänge», erkannte das Fachblatt Variety.
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