Literatur: "Italien in vollen Zügen": Tim Parks Liebeserklärung an Italien

Rimini, Ravenna, Riva del Garda - das klingt in deutschen Ohren nach Urlaub, Sonne, Pizza. Nach dem deutschen Sehnsuchtsland schlechthin. Doch auch Briten zieht es nach Italien. Tim Parks ist einer von ihnen.

Tim Parks lebt seit guten 30 Jahren im Sehnsuchtsland der Deutschen

Bild: Basso Cannarsa/spot on news

Einem Fremden fällt es oft leichter, einen klaren Blick auf ein Land zu werfen. Obwohl, fremd ist Tim Parks Italien schon lange nicht mehr. Denn der Schriftsteller lebt seit über 30 Jahren im Sehnsuchtsland der Deutschen. Viel ist vom klischeehaften Bild des Italiens der 1960er Jahre nicht mehr übrig geblieben. Das zumindest vermittelt er mit seinem neuesten Buch "Italien in vollen Zügen".

Parks hat in den letzten Jahren mit vielen interessanten, thematisch vollkommen verschiedenen Büchern auf sich aufmerksam gemacht. Darunter ist eines der besten Fußballbücher überhaupt: In "Eine Saison mit Verona" ist er für eine Saison Tifosi, mit ganzem Herzen. Der Brite reiste dafür mit den Fans von Hellas Verona zu den Auswärtsspielen durch ganz Italien. Unter anderem auch mit der italienischen Eisenbahn. Mit "Trenitalia" hat Parks inzwischen das gesamte Land erkundet.

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Seine Texte, die als Vorlage für dieses Buch dienten, sind nicht mit der Absicht geschrieben worden, daraus ein Buch zu machen - es ist aus den Aufzeichnungen seiner Erfahrungen entstanden, eine Art Tagebuch des Zugfahrens. Aus Erfahrungen von 30 Jahren mit "Trenitalia". Leider ist das oft auch zu spüren, denn die Geschichten wirken arg zusammenhangslos. Der rote Faden ist "Trenitalia", keine Frage, doch oft stockt es. Die geschichtlichen Exkurse sind, obwohl interessant, zum Teil zu lang, manche Szenen zu ausführlich beschrieben. So kommt kein Lesefluss auf.

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Passender Buchtitel

Selten ist es jedoch, dass der Titel der Übersetzung eines Buches besser passt als das Original. "Italien ways" wurde für den deutschen Buchmarkt zu "Italien in vollen Zügen". Diese Doppeldeutigkeit hat Charme, denn sie deckt zwei wichtige Aussagen des Buches ab. Einerseits bedeutet es mit dem "Regionale" zur Arbeit zu fahren und oft keinen Sitzplatz zu bekommen, da die Züge sehr voll sind. Andererseits taucht Parks durch seine unzähligen mehr oder minder langen Zugfahrten tief ins italienische Leben, das italienische Wesen, ein.

Antje Kunstmann

Parks erlebt zahlreiche kleine, skurrile Geschichten, die zum Teil merkwürdig absurd wirken. Ein kompliziertes Fahrkartensystem, die Beamtenmentalität des Personals und das unlogische System von "Trenitalia" im Allgemeinen entnerven ihn. Vieles von dem, was Parks schildert, dürfte Kunden der Deutschen Bahn nicht unbekannt vorkommen. Die Deutschen selbst kommen übrigens nicht sehr gut weg, exemplarisch diese Beobachtung von Parks: "Deutsche Rucksacktouristen [...] brauchen bloß alle Armlehnen hochzuklappen, die Schuhe auszuziehen, sich auf den drei Sitzen auszustrecken und ihre stinkenden Socken zur Schau stellen."

Der Engländer beklagt sich in regelmäßigen Abständen darüber, dass er, trotz der 30 Jahre, die er schon in Italien lebt, immer sofort als Ausländer erkannt wird. Abgesehen von seiner Physiognomie verwundert das jedoch nicht, denn die Gelassenheit, die die Italiener in bestimmten Situationen auszeichnet, besitzt er noch lange nicht. Diese Selbsterkenntnis kommt ihm immer wieder nahe, doch in den entscheidenden Szenen, in denen sich die wahre italienisch Seele zeigt, ist er weit von ihr entfernt.

Zwischen Bewunderung und Unverständnis

Unterhaltsam ist der Text immer dann, wenn er italienische Redewendungen oder Begriffe einbringt. Parks dechiffriert den "Furbo", das italienische Schlitzohr, fährt morgens im "Zug der lebenden Toten" und kommt zum Urteil: "Routinemäßige Instandhaltung gehört eben nicht zu den Stärken der Italiener." Parks erkundet durch Reisen in den Süden, warum die Gespaltenheit des Landes existiert, aber nicht so groß ist, wie sie immer dargestellt wird. Er lernt italienischen Fatalismus in Streiksituationen kennen und lässt uns wissen: "Il treni fanno schifo", die Eisenbahn ist widerlich. So sehen das viele Italiener kommen aber dennoch an ihr, dem billigen Verkehrsmittel, nicht vorbei. Denn, und dies ist der beste Satz des Buches, die Italiener kommen nicht ohne ihre Eisenbahn aus, "vielleicht erinnert Trenitalia sie an Mamma".

Interessant ist zudem, dass Parks sich über die italienische Bahn auslässt, wobei doch ein jeder weiß, dass die Bahngesellschaften in kaum einem Land als modern wahrgenommen werden. Von ihm als ausschließlich italienische Bahn-Phänomene beschriebene Situationen kennen viele, die öfter mit der Deutschen Bahn reisen. So erreicht Parks zumindest den Konsens mit dem Leser, denn ein fast jeder hat sich schon mit wirren Entscheidungen oder Begründungen der Bahn in Deutschland oder anderen Ländern herumschlagen müssen.

Immer wieder muss sich der Leser durch seitenlanges Anprangern der Missstände kämpfen. Das kann unterhaltsam sein, ist es aber nicht immer. So pendelt er zwischen peinlicher Pedanterie und angebrachter Kritik und der Verwunderung über das Unlogische Vorgehen der Italiener, mit dem diese dann doch entspannt leben. Oft hat man das Gefühl, Parks sei ein pragmatischer Misanthrop. Er wirkt als ob er den Zug - beziehungsweise das Abteil - am liebsten für sich alleine hätte, damit er ungestört arbeiten oder lesen kann.

Das Fazit, getippt beim gleichmäßigen Surren im deutschen ICE, lautet: Parks wie man ihn kennt und schätzt - wegen seiner Beschreibung der italienischen Kultur. Doch es gibt bessere Bücher von ihm. Dieses ist eine leichte Lektüre, die vom Leser öfter mal für längere Zeit unterbrochen werden kann, ohne dass er zu sehr den Faden verliert. Aber durch charmante Worte bringt Parks sein "adoptiertes Heimatland" dem Leser wohl näher als das ein Einheimischer könnte.

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