Fernsehen: Wer, wenn nicht wir

Berlin - Der Prolog von «Wer, wenn nicht wir» ist ebenso kurz wie eindringlich: Man sieht eine Katze, die ein Vogelnest plündert. Schnitt zum Mittagstisch im Hause Vesper, an dem Mutter Rose (Imogen Kogge) und der kleine Bernward sitzen.

Wer, wenn nicht wir Bild: dpa

Die Suppe wird aufgetragen, der herrische Vater Will (Thomas Thieme) platzt herein und brüllt: «Jetzt reicht's!» Bernward versteckt die Katze im Hühnerstall, wo sie der Vater nachts erschießt und später zu ihm sagt: «Wenn keine Nachtigall mehr singen würde in der Nacht, dann wäre es doch totenstill. Katzen gehören einfach nicht zu uns - sie sind die Juden unter den Tieren.» Das ARD-Drama von Andres Veiel am Donnerstag um 22.45 Uhr beleuchtet, wie die Rote Armee Fraktion (RAF) entstand, und wählt eine ungewöhnliche Perspektive: Es zeigt die Elternhäuser der Terroristin Gudrun Ensslin und ihres Mannes Bernward Vesper.

Wieder Schnitt, in die frühen 60er Jahre: Bernward (August Diehl) ist nunmehr ein schreibender Literaturstudent, sehr zur Anerkennung seines Vaters, eines relativ erfolgreichen NS-Heimatdichters. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Dresden hatte Will Vesper die Festrede gehalten; er polemisierte mit zahlreichen «Führergedichten» vehement gegen «nicht genehme» Schriftstellerkollegen, vor allem die im Exil. Diese Vorgeschichte ist besonders wichtig, um das spätere Handeln seines Sohnes zu begreifen: Bernward gründet einen Verlag, auch um die Bücher seines Vaters neu zu editieren und zur Diskussion zu stellen.

Als er an der Tübinger Universität im Rhetorik-Seminar von Prof. Walter Jens (Benjamin Sadler) die Kommilitonin Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) kennenlernt - mit der bald eine leidenschaftliche Beziehung beginnt, zusammenzieht und Sohn Felix zeugt -, meint er eine Gleichgesinnte gefunden zu haben. Ihr Vater und Pastor Helmut Ensslin (Michael Wittenborn) war unter den Nazis einerseits Anhänger der oppositionellen «Bekennenden Kirche», aber auch Soldat in der Wehrmacht, um seine Frau Ilse (Susanne Lothar) und die sieben Kinder zu schützen.

Konfliktstoff gibt es also genug, denn Bernward und Gudrun haben jeder mit ihrem fürchterlichen Elternhaus zu kämpfen: Gudrun hält ihren Vater für einen Versager, und Bernward den seinen für einen Übermenschen. Bis er von seiner Mutter erfahren muss, dass er nur auf die Welt kam, «weil Hitler sich doch Nachwuchs gewünscht habe».

Daraufhin will er sich umbringen, auch sie versucht das später - beide überleben. Sie verloben sich zwar, quälen sich jedoch weiter mit freiem Sex und reichlich Eifersucht. Während er weiterhin ein Kämpfer des Wortes bleibt, schreitet sie - mit Andreas Baader (Alexander Fehling) - zur Tat, bis hin zu schrecklichen Untaten.

Die zumeist guten Schauspieler mühen sich redlich, doch haben sie für die extreme Entwicklung ihrer komplexen Charaktere viel zu wenig Raum, und viele Fragen - wie: Was treibt sie um? Sind die Eltern schuld? - bleiben leider im Dunkeln. Es hätte völlig genügt, ausschließlich die düsteren Familienverhältnisse und das ausbrechende Anderssein der beiden seltsamen Hauptfiguren zu beleuchten; den sattsam bekannten Rest hat man in Filmen wie «Der Baader Meinhof Komplex» wesentlich besser gesehen. Immerhin basiert das Drehbuch von «Wer wenn nicht wir» ja auf dem spannenden Buch «Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des deutschen Terrorismus» von Gerd Koenen.

Regisseur Andres Veiel (54, «Black Box BRD») hat selbst intensiv recherchiert, doch er will einfach zuviel: zeitgeschichtliche Doku-Szenen (Eichmann-Prozess, Kuba-Krise, Vietnam-Krieg, Schah-Besuch), eine viel zu lange Zeitspanne, hektische Schnitte und ein didaktischer Überbau machen seinen ersten Spielfilm zu einem merkwürdig uninspirierten Werk mit vielen Längen, über die auch die gute Ausstattung und so manches Jazzstück nicht hinweghelfen. Irgendwie fühlt man sich fast so, als ob man die ganze Zeit in einem Filmvortrag im Uni-Hörsaal sitzt. Der Epilog ist ernüchternd: Die Katze ist zwar tot, aber die Nachtigall singt auch längst nicht mehr.

Wer, wenn nicht wir

news.de/dpa

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