Geschichte: Holocaust-Überlebende erinnern sich

Berlin - Interviews mit Holocaust-Überlebenden gibt es bereits sehr viele. Die Berliner Mahnmalsstiftung hat nun ein neues Video-Archiv veröffentlicht. Was ist das Besondere?

Holocaust-Überlebende erinnern sich Bild: Stephanie Pilick/dpa

Yehuda Bacon wollte sich als Kind alles genau merken, was er in Auschwitz und den anderen Lagern der Nazis erlebte. Ihm half, dass er zeichnen konnte. Seine Bilder waren später Beweismittel in Gerichtsprozessen wie 1961 gegen Adolf Eichmann. Heute ist Bacon 84 Jahre alt, sein Geist ist wach, sein Deutsch geschliffen klar. Er sieht es als seine Pflicht, als Holocaust-Überlebender zu sprechen, die Erinnerung wach zu halten. «Das war für mich eine Möglichkeit, meinem Leben einen Sinn zu geben», sagt er am Montag in Berlin.

Bacon stammt aus Mährisch-Ostrau und lebt heute in Israel. Der Künstler ist einer von 72 Menschen, die im neuen, nach sieben Jahren abgeschlossenen Video-Projekt «Sprechen trotz allem» zu Wort kommen. Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zeigt die Interviews sowohl im Internet als auch im Ausstellungsraum unterhalb des Mahnmals nahe dem Brandenburger Tor.

Das Archiv ist längst nicht so groß wie ähnliche Gedenkprojekte, etwa das der Universität Yale oder «Shoah» von Steven Spielberg. Das Besondere ist der Schwerpunkt und die Aufbereitung der Gespräche, so die Stiftung. Die meisten Teilnehmer kommen aus jüdischen Gemeinden in Mittel- und Osteuropa. Das deutsche Publikum kennt bei Orten wie Breslau und Königsberg sonst eher die andere Seite - die Familiengeschichten über Flucht und Vertreibung aus Schlesien und Ostpreußen.

Die Befragten waren zum Zeitpunkt der Gespräche zwischen 69 und 98 Jahren alt. Bis in die Details kann man online in den Gesprächen nach Begriffen oder Namen suchen. Ein Drittel habe noch nie so ausführlich vor der Kamera über sein Leben gesprochen, heißt es. Interviewpartner fand die Mahnmalsstiftung zum Beispiel über einen Verein von Breslauern in Israel. Ziel sei es gewesen, sich lange und intensiv mit den einzelnen Menschen zu beschäftigen, erzählt Projektleiter Daniel Baranowski.

Es gab keinen Fragekatalog, die Fragesteller verzichteten auf Notizblöcke. Die Interviews wirken frei und ungefiltert. Sie sind von einer bis zu acht Stunden lang, keine Häppchen wie im Fernsehen. Keine leichte Kost, aber die Mühe, sich einzulassen, lohnt sich, findet Stiftungsdirektor Uwe Neumärker. «Sie sind Leben.»

Dass die meisten Gespräche auf Deutsch sind, macht sie auch als Unterrichtsstoff für Schulen interessant. In einem Video-Ausschnitt hält die gebürtige Krakauerin Tova Aran, Jahrgang 1934, ein Foto in die Kamera, offenbar ihre Enkel. Sie hat eine Familie, obwohl die Nazis alle Juden vernichten wollten. «Das ist meine kleine und große Rache für Hitlers Ideologie», sagt sie.

Yehuda Bacon begegnet Deutschland heute «selbstverständlich mit gemischten Gefühlen», resümiert er. Bitter klingt der 84-Jährige nicht. Er mag Zugfahrten. Zugleich erinnern sie ihn an die Deportationen durch die Nazis. «Der andere Zug begleitet mich auch. Das ist mein Leben.»

Sprechen trotz allem

Fortunoff-Archiv

Shoah-Projekt

news.de/dpa

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